Liberale Judische Gemeinde Hamburg

Das Wort des Rabbiners

Thoraabschnitt „Dewarim“,

Schabbat Chason (Vision), 6 Aw 5777.

Wenn man selbst seine Fehler sieht, sieht man auch den Weg, diese Fehler zu korrigieren, um seine Vision umzusetzen!

Am Anfang unseres Thoraabschnitts Dewarim lesen wir:

„Dies sind die Worte, die Moshe zu den Kindern Israel in der Wüste auf der Ebene gegenüber Suf zwischen Paran und Tofel, Lawan, Chazeirot und Di-Sahaw über den Jordan sprach … er Ewige, unser Gott, redete zu uns am Chorew, indem er sprach: „Lange genug habt ihr an diesem Berge geweilt. Wendet euch um und brechet nun auf und ziehet weiter… in das Land der Kanaaniter “ (. Dwarim = 5 Mose, 1:1-8).
Die Israeliten hatten früher viele Fehler gemacht, deshalb sollten sie 40 Jahre in der Wüste leiden statt in ihrem fruchtbaren Land zu leben. Jetzt bekommen sie eine neue Chance, aber um diese Chance zu erhalten, sollen sie verstehen, warum ihre Eltern diese Chance vor 40 Jahren verpasst haben. Raschi hat diese Verse aus Dewarim folgendermaßen kommentiert:

„Alle diese Orte sind Anspielungen auf die Sünden, die das jüdische Volk in den vierzig Jahren der Wanderung durch die Wüste Sinai begangen hat. Moshe wies sie nur durch Andeutungen zurecht, um sie nicht zu demütigen“.

Moshe Rabbeinu hat auf diese Weise gesprochen, damit die Söhne Israels selbst ihre Sünden erkennen. Wenn man selbst seine Fehler sieht, sieht man auch den Weg, diese Fehler zu korrigieren.

„Und gedenke des ganzen Weges, durch den dich der Ewige, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf daß er dich demütige und versuche, daß kund werde, was in deinem Herzen sei, ob du seine Gebote halten werdest oder nicht. (Dwarim 8, 2-3)

Über diese prophetische Weisheit gibt es auch eine moderne Erzählung:
„Ein Rabbi kritisierte einmal scharf in seiner Predigt in der Synagoge eine bestimmte Einstellung und Verhaltensweise. Später beklagte sich einer der Anwesenden bei ihm: „Rabbi, warum habt Ihr mich öffentlich gescholten? Hättet Ihr mich nicht unter vier Augen auf meine negativen Züge aufmerksam machen können, ohne mich vor allen Leuten zu blamieren?“ - Der Rabbi erwiderte: „Habe ich dich gemeint? Offenbar ja. Weißt du, ich bin Hutmacher. Ein Hutmacher macht Hüte und stellt sie ins Schaufenster. Leute kommen herein und probieren sie an, bis jemand einen Hut findet, der ihm gut passt. An wen hat der Hutmacher gedacht, als er diesen Hut machte? Nun, er machte ihn genau für den Kunden, der glaubt, er passe ihm!“

Der Rabbi wollte keinen Menschen wegen seiner ungeheuren Taten in der Öffentlichkeit beschämen. Er wollte, dass jeder Mensch seine Fehler selbst sieht. Man kann dann seinen Weg zum seinem Erfolg finden, wenn man seine früheren Fehler erkennt, die diesen Erfolg verhindert haben. Wenn wir die Richtung zu unserem Erfolg verlieren, können danach sogar von uns begangene Fehler uns hinweisen, wie wir zu unserer erfolgreichen Richtung zurückkehren können! Der Mensch entdeckt zuerst sein Wachstumspotential in aller Herausforderung für seine Zukunft. Er sieht dann, wie er seinen eigenen Jordan überqueren kann:

„Lange genug habt ihr an diesem Berge geweilt. Wendet euch und ziehet weiter… in das Land der Kanaaniter…“:

Unsere Delegation fährt jetzt zur Unionstagung in Bonn. Wir beten alle, dass der Gott Israels uns sehen hilft, wie wir zusammen die LJGH weiter entwickeln können, damit wir uns als freie Menschen und freie Juden in Hamburg wieder zu Hause fühlen können.

Schabbat Schalom

Rabbiner Dr. Navon

 

Liebe Freunde und Freudinnen,

anbei Dewar Thora für Kabbalat Schabbat 28.7. und noch eine Geschichte unten:

„Der reichste Mitglied der jüdischen Gemeinde, der nie etwas seiner Gemeinde gespendet hat, ist gestorben. Der Rabbi sagte dem Gabbai: „ich möchte unbedingt einen Minjian -  zehn Männer - zum nächsten Schabbat zusammenzurufen, um für den Verstorbenen, trotz seinen Geiz, den Kaddisch  zu sagen.“
Als die Zehn Männer sich versammelt hatten, flüsterte der Gabbai dem Rabbi ins Ohr: „Rabbi, sie sind alle berüchtigte Diebe!“
„Umso besser“, sagte der Rabbi. „wenn die Tore der Gnade verschlossen sind, dann sind sie die Fachleute, die sie öffnen können.“

(Eine Geschichte von Anthony De Mello in jüdischer Paraphrase)

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Wochenabschnitt Mattot-Massej

21./22. Juli 2017

 

„Du bist dort, wo deine Gedanken sind. Sieh zu, dass deine Gedanken da sind, wo du sein möchtest“.  *(Rabbi Nachman von Bratzlaw).

Ich lese einen neuen wöchentliche Thoraabschnitt, aber er beginnt mit den Worten der Rache: „Und der Ewige redete zu Mose und sprach: Nimm für die Kinder Israels Rache an den Midianitern; danach sollst du zu deinem Volk versammelt werden!“ 4 Mose 31, 1 – 2

Aber ich will nicht mit dem Gedanken an Rache (NEKAMA), sondern mit dem Gedanken an Trost (Nechama) leben. Deshalb öffne ich sofort ein früheres Kapitel in der Thora, das über Liebe statt Rache spricht:

„ Du sollst nicht Rache üben, noch Groll behalten gegen die Kinder deines Volkes, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Ich bin der Ewige“. 3 Mose 19, 18

Meine Widersacher aus Kreisen der religiösen Fundamentalisten hätten mir sofort widersprechen: „Die Thora befehlt in dem Buch Waikra die Liebe zu der Kinder deines Volkes, aber in dem Buch Bamidbar die Rache gegen anderem Volk wegen Kinders deines Volkes,!“

Meine Antwort: „Mein Volk lebt seit Tausenden Jahren unter anderen Völkern. Er hatte ihre Sprachen, ihre Kulturen und Bräuchen gelernt. Wenn ich an Rache denke, werde ich von Rächern umgeben, da die bösen Gedanken bösen Gedanken anziehen. Wenn ich mit dem gleichen Respekt über die Menschen aus anderen Völkern denke, wie ich an meine Stammesangehörigen denke, wird meine friedliche Stimmung zu mir die Menschen anziehen, die auch verlangen den Frieden und Trost statt Krieg und  Rache: „Du bist dort, wo deine Gedanken sind. Sieh zu, daß deine Gedanken da sind, wo du sein möchtest“. 

Schabbat Schalom

Rabbi Moshe Navon

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Wochenabschnitt Pinchas

14./15. Juli 2017

Der Thoraabschnitt „Pinchas“ ist einer der problematischsten Texte für die moderne Menschheit.

Während der Wüstenwanderung versuchten die Kinder Israel, sich mit den schönen, fremdländischen moabitischen Frauen zu entspannen. Die Orgie begann, mit sexuellen Beziehungen und reichen Opfergaben für die kunstvoll gestalteten Idole, und endete mit einer Epidemie, mit Feindschaft unter den Juden selbst und sogar mit einem grausamen Mord aus religiösen Gründen:

25 Und Israel ließ sich in Sittim nieder; und das Volk fing an, Unzucht zu treiben mit den Töchtern der Moabiter,

und diese luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter ein. Und das Volk aß [mit ihnen] und betete ihre Götter an.

Und Israel begab sich unter das Joch[a] des Baal-Peor. Da entbrannte der Zorn des Herrn über Israel.

Und der Herr sprach zu Mose: Nimm alle Obersten des Volkes und hänge sie auf für den Herrn angesichts der Sonne, damit der brennende Zorn des Herrn von Israel abgewandt wird!

Und Mose sprach zu den Richtern Israels: Jedermann töte seine Leute, die sich unter das Joch des Baal-Peor begeben haben! (Bemidbar 25)

Während viele Israeliten genossen, haben andere wegen der moralischen Degradierung des Volkes unter Tränen gebetet, weil sie sich vor der endgültigen Vernichtung des Volkes in der Wüste fürchteten. Dann geschah etwas Schreckliches, das das Schicksal aller abrahamitischen Religionen seit Jahrhunderten beeinflusst, und unserem Volk viel Leid gebracht hat:

Und siehe, ein Mann aus den Kindern Israels kam und brachte eine Midianiterin zu seinen Brüdern, vor den Augen Moses und vor den Augen der ganzen Gemeinde der Kinder Israels, während sie weinten vor dem Eingang der Stiftshütte.

Als Pinehas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, des Priesters, dies sah, stand er aus der Mitte der Gemeinde auf und nahm einen Speer in seine Hand;

und er ging dem israelitischen Mann nach, hinein in das Innere des Zeltes, und durchbohrte sie beide durch den Unterleib, den israelitischen Mann und die Frau. Da wurde die Plage von den Kindern Israels abgewehrt.

Die [Zahl derer] aber, die an dieser Plage starben, war 24 000.“ (Bemidbar 25)

 

Pinchas nahm In seinem Eifer das Gesetz in die eigene Hand. Er schuf einen Präzedenzfall für unsere religiösen Gesetze. Aber wo ist hier das Gesetz? Die Thora? Wo ist die Mahnung gegenüber den Verbrechen? Wo ist die unabhängige Untersuchung, mit den objektiven Zeugen? Wo ist ein neutrales Gericht mit den erfahrenden Richtern? Wo ist das Gerichtsurteil,   einschließlich der Möglichkeit, einen Widerspruch zu erheben? Wo ist die sorgfältige Balance zwischen der Strafe und dem Verbrechen? Eine Person, die aufgrund religiösen Eifers spontan Mord vor allen Leuten begeht, beeinflusst die Gedanken von hunderten von Generationen, die Thora lernen. Natürlich haben die Menschen, die gewohnt sind, unter dem Gesetz zu leben, schon damals all diese Fragen gestellt. Aber dann, was passiert dann? Gott schützt und lobt Pinchas. Er genehmigt sein Attentat aus religiösen Gründen ohne Anklage oder Gerichtsverfahren, und gibt ihm und seinen Nachkommen das Band des Friedens. Pinchas und seine Söhne werden seitdem und für immer das jüdische Volk als Priester vor Gott vertreten:

10 Und der Herr redete zu Mose und sprach:

11 Pinehas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, des Priesters, hat dadurch, dass er mit meinem Eifer unter ihnen eiferte, meinen Grimm von den Kindern Israels abgewandt, sodass ich die Kinder Israels nicht vertilgt habe in meinem Eifer.

12 Darum sprich zu ihm: Siehe, ich gewähre ihm meinen Bund des Friedens,

13 und es soll ihm und seinem Samen nach ihm der Bund eines ewigen Priestertums zufallen dafür, dass er für seinen Gott geeifert hat und so Sühnung erwirkt hat für die Kinder Israel! (Bemidbar 25)

 

Die Geschichte kennt viele Beispiele von Fällen, in denen religiöse Fanatiker unschuldige Menschen ermorden. Sie rechtfertigen ihre Handlungen durch die Tatsache, dass diese Menschen nicht nach den religiösen Gesetzen der Fanatiker leben wollen. Sie betonen, dass sie ihrem Gott mit religiösem Eifer dienen! Wir lesen über diese Taten heutzutage nicht in Büchern über Alte Geschichte, sondern in den Tageszeitungen.

Natürlich haben einige große, den Pilpul praktizierende jüdische Gelehrte, viele Male versucht, die Auswirkungen der Geschichte von Pinchas auf das Leben ihrer religiösen Gemeinschaften zu verharmlosen. Aber mit unterschiedlichem Erfolg! Deshalb werde ich heute nicht etwa im Text der Thora nach einem Antidot gegen die „religiösen“ Morde suchen, sondern in unserer Erinnerungskultur. Lassen Sie uns uns gerade unserer alten Geschichte erinnern: „Wo ist unser jüdischer Tempel in Jerusalem? Wo sind unsere jüdischen Priester, die Nachkommen von Pinhas, die uns Tag und Nacht in diesem Tempel in jüdischem Gesetz, der Thora – unterrichten? Wo bringen sie in unserem Namen Gott die täglichen Opfer dar? Wie findet ein ewiger Bund zwischen Gott und Pinchas statt?“

 

Die Antwort ist einfach: „Seit zweitausend Jahren leben jüdische Menschen ohne Tempel, ohne Priester, die Nachkommen Pinchas, und ohne Blutopfer, seit 2000 Jahren wurde kein Mensch im jüdischen Volk wegen religiöser Verbrechen zum Tod verurteilt, aber wenn ein religiöser Fanatiker ein jüdisches Mädchen tötet, und sich durch die Gesetze der Thora rechtfertigt, verurteilt ihn jedes israelische Gericht als Verbrecher, und ganz Israel - von einem säkularen Juden und Atheisten bis zum ultraorthodoxen Rabbiner - fordert, dass der Täter zu einer  schweren Strafe nach dem Gesetz verurteilt wird! “

Wenn wir, die Kinder Israel, den Gott Israels vor dreitausend Jahren nicht verstehen konnten, können wir ihn jetzt vielleicht verstehen? Die jüdischen Menschen wiederholen oft, dass unser Tempel wegen grundlosen Hasses unter den Juden zerstört wurde (Shin“at hinam), und dass unser religiöses jüdisches Leben seitdem nur auf Grund der grundlosen Liebe (Ahavat hinam) wiederhergestellt werden konnte! Wer diese Lektion nicht gelernt hat, kann sich mit religiösen Fundamentalisten und Fanatikern im selben Lager wiederfinden.

Liebe Freunde,

ich wünsche Ihnen allen Frieden und Ruhe am Schabbat „Pinhas“ – weit weg von religiösen Fanatikern und politischen Konformisten! Heute arbeiten wir alle zusammen für die Entwicklung unserer jüdischen liberalen Gemeinde in Hamburg! Ihr Weg wurde vor 200 Jahren begonnen: als eine neue Möglichkeit für die jüdischen Menschen in Hamburg, die moralischen Werte als die höchsten religiösen Werte anzusehen: „Was wir an unseren Mitmenschen tun, ist unser Gottesdienst. Das ist das Wesen unserer Thora. Gehen Sie und lernen Sie mit allen Mitmenschen!"

Shabbat Shalom

Rabbiner Dr. Navon LJGH

 

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Wochenabschnitt Balak

Balaks Auftrag an Bileam (Bemidbar 22-24) 7./8. Juli 2017

In unserem Wochenabschnitt steht geschrieben, dass Balak, der König der Moabiter, Bileam bittet, den bedrohlichen Vormarsch Israels aus Ägypten durch einen Fluch zu stoppen. Es war eine heidnische Sitte: ein fremdes Volk mit Hass zu verfluchen, zu erniedrigen und  zu vernichten. Der fremde Prophet Bileam hat diesen „gut bezahlte Job“ von König Balak bekommen, aber in der Stille seiner Seele, in seinem Gewissen hört er eine zarte Stimme: „Du sollst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet “ Bemidbar  22, 12 = 4 Mose.

Balak und Bileam opfern und beten vor Gott zusammen, aber sie verfolgen ganz verschiedene Zwecke: der eine sucht den Fluch bei Gott, um das Leben des Anderen zu vernichten, der andere bekommt den Segen von Gott, um das Leben der Anderen zu unterstützen:

 „Und Bileam sprach zu Balak: Baue mir hier sieben Altäre, und stelle mir hier sieben Stiere und sieben Widder bereit!

Und Balak machte es so, wie es Bileam ihm sagte. Und Balak und Bileam opferten auf jedem Altar einen Stier und einen Widder.

Und Bileam sprach zu Balak: Tritt zu deinem Brandopfer! Ich will dorthin gehen. Vielleicht begegnet mir der Ewigen, und was er mich sehen lassen wird, das werde ich dir verkünden! Und er ging hin auf eine kahle Höhe.

Und Gott begegnete dem Bileam. Er aber sprach zu ihm: Die sieben Altäre habe ich errichtet und auf jedem einen Stier und einen Widder geopfert.

Der Ewige aber legte Bileam ein Wort in den Mund und sprach: Kehre um zu Balak, und so sollst du reden!

Und er kehrte zu ihm zurück, und siehe, da stand er bei seinem Brandopfer, er und alle Fürsten der Moabiter.

Da begann er seinen Spruch und sprach:

»Aus Aram hat mich Balak herbeigeführt, der König der Moabiter von den Bergen des Ostens: Komm, verfluche mir Jakob, komm und verwünsche Israel!

Wie sollte ich den verfluchen, den Gott nicht verflucht? Wie sollte ich den verwünschen, den der Ewige nicht verwünscht?

Denn von den Felsengipfeln sehe ich ihn, und von den Hügeln schaue ich ihn. Siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und nicht unter die Heiden gerechnet wird.

10 Wer kann den Staub Jakobs zählen und die Zahl des vierten Teiles von Israel? Meine Seele sterbe den Tod der Gerechten, und mein Ende soll dem ihren gleichen!“ 11 Da sprach Balak zu Bileam: Was hast du mir angetan? Ich habe dich holen lassen, dass du meine Feinde verfluchst, und siehe, du hast sie sogar gesegnet!

12 Er antwortete und sprach: Muss ich nicht darauf achten, nur das zu reden, was mir der Ewige in den Mund gelegt hat?“ (4 Mose 23)

Bileam sieht die Zelte Israels vom hohen Berg, wie ein Adler, und segnet dieses Volk von ganzem Herzen: „«Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!» (ebd. 24,5). Für diese schönen Worte über Israel könnte Bileam gegenüber dem wütenden König mit seinen Leben bezahlen. Mit diesen Worten kommen die gläubigen Juden bis heute zur  Synagoge, um Gottes Segen statt einen Fluch, und Liebe statt Hass aus der Synagoge in die Welt weiter zu bringen. Es ist eine schöne und dramatische Erzählung in der Thora, aber sie wiederholt sich in unserem Leben noch immer bis heute.

3000 Jahre nach dieser Situation wie sie in der Thorageschichte beschrieben wurde, kam ein anderer „böser König“, ein wütender Führer der Nazis. Er wollte das jüdische Volk verfluchen und in den Ruin treiben. In dieser Zeit schrieb die Rabbinerin Regina Jonas im Konzentrations-Lager Theresienstadt einen Brief, einen Kommentar, in Bezug auf unseren Wochenabschnitt:

„Du sollst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet “ Bemidbar  22, 12

Unser jüdisches Volk ist von G-tt in die Geschichte gesandt worden als ein „gesegnetes“. Von G-tt „gesegnet“ sein heißt, wohin man tritt, in jeder Lebenslage Segen, Güte, Treue spenden. Demut vor G-tt, selbstlose hingebungsvolle Liebe zu seinen Geschöpfen erhalten die Welt. Diese Grundpfeiler der Welt zu errichten, war und ist Israels Aufgabe. – Mann und Frau, Frau und Mann haben diese Pflicht in gleicher jüdische Treue übernommen. Diesem Ideal dient auch unsere ernste prüfungsreiche theresienstädter Arbeit. Diener Gottes zu sein und als solche rücken wir aus irdischer in ewige Sphären.

Möge all unsere Arbeit, die wir uns bemühten als Diener Gottes zu leisten, zum Segen für Israels Zukunft sein, und die der Menschheit…  “

Diesen Willen der ermordeten Juden  versuchen wir heute in Deutschland und in Israel zu erfüllen, um Segen statt Fluch für alle Menschen zu ernten!

Die Nazis haben Menschen zu Nummern gemacht und danach ausgelöscht. Wir können aber Menschen, die uns begegnen, als Gottes Segen in unserem Leben begreifen. Wir können uns bewusst machen, dass es Menschen sind: die Zahl ist nicht ihr Wesen.

Ist es möglich, Beziehungen zu unseren Mitmenschen mit „selbstloser hingebungsvoller Liebe“ einzugehen, um „ein Segen für die der Menschheit zu sein“? - Es besteht immer die Gefahr, dass die geistlichen Nachkommen von Balak, die gegen uns „mitbeten“, unsere religiösen Gefühle missbrauchen werden. Leider wirken die schrecklichen Konsequenzen der Schoa noch nach in menschlichen Seelen, sogar unter einigen Juden. Sie sind darin geübt die Namen der Mitmenschen durch Rufmord in eine Nummer zu verwandeln, um den Weg zu ihren egoistischen Zwecken „frei zu räumen“. Wegen dieser Einstellungen leidet die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sogar noch viele Jahre nach der Schoah. Wegen dieses Trends kann auch unsere Gemeinde in eine Situation der Existenznot geraten.

Deshalb tröstet uns alle Gott Israels: „Ich bin der Ewige, ich bin auch mit dir, in dieser enttäuschenden Notsituation!“ Seine zarte Flamme entzündet die Liebe in unserem Herzen und verbrennt den Hass, seine zarte Stimme der feinen Stille verwandelt den Fluch in Segen, und den Rufmord in die ewige Ehre. Jeder, der diese gesegnete Atmosphäre in unseren liberalen jüdischen Gemeinden in Hamburg treu unterstützt, kann ehrlich in unserem gemeinsamen Gottesdienst Gott segnen:

„Gesegnet seiest Du, Ewiger, unser Gott, der uns aus Ägypten und aus den Gruben der Shoa herausgeführt hat. Gesegnet seiest Du, Ewiger, der  uns noch immer aus den Gruben des Hasses, der Rache und des Mordes in die Liebe, in die Versöhnung und in das gesegnete Leben herausführt.“

 

Dr. Moshe Navon

Liberaler Landesrabbiner in der LJG zu Hamburg

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Wochenabschnitt: „Korach“, 23.06.2017

minhag Jisrael Bemidbar - 4. Mose 16,1 - 18,32;

 „Unsere Parascha zum Schabbat, berichtet von der Rebellion Korachs und seiner Anhänger. Korach entstammte der levitischen Großfamilie Kehat. Zu ihm gehörten die bekannten Aufrührer Datan und Aviram. Insgesamt waren es 250 namhafte Männer, die sich gegen Mose „erhoben“ (hebr. jakumu), indem sie die Autorität von Mose und Aaron als erwählte Leviten in Zweifel zogen.

 
Als wäre die Absonderung der Leviten durch Gott selbst nicht ausreichend!

Sie wollten keine menschliche Autorität über sich dulden und beriefen sich darauf, dass Gott inmitten der Versammlung sei, doch sie waren unzufrieden, sie wollten mehr...“ ( Vergl. P. 191 Plaut, Die Tora in jüdischer Auslegung, S. 185)

 

Korach fragt genauso (Bemidbar 16:3) wie Moses Bruder Aharon und Schwester Miriam gefragt haben: „Redet denn der Gott allein durch Moshe? Redet er nicht auch durch uns?“ Bemidbar 12:1

Diesen Machtkampf finden wir leider oft in der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland bis heute. Viele Menschen unter uns vergessen das, was Thora erklärt: „Moshe war sehr sanftmütig, mehr als irgend ein Menschen auf Erdboden!“ Bemidbar 12:3. Ja, es gibt in der Welt viele Führer, die mit Gewalt und Stolz regieren, aber sie sind keine Vorbilder für das Jüdische Volk. Die mündliche Thora erklärt in Bezug auf diese Führungskräfte, die die Würde des Menschen mit Füßen treten, um Ihre politischen Zwecke zu erreichen:

 „15. Rabbi Eleazar aus Modaim sagte: Wer entweiht, was geheiligt ist, wer die Feste schändet, wer etwas tut, dass sein Nächster erbleichen muss vor den Leuten, wer den Bund der Beschneidung unseres Vaters Abraham bricht, und wer das Gesetz falsch auslegt, hat an der zukünftigen Welt keinen Teil  selbst wenn er gute Werke getan und das Gesetz erforscht hat.! Awot 3, 16 - (d.h. Er findet sich keine Ruhe weder in dieser Welt, noch in der kommenden Welt).

Korach fragt genauso (Bemidbar 16:3) wie Moses Bruder Aharon und Schwester Miriam gefragt haben: „Redet denn der Gott allein durch Moshe? Redet er nicht auch durch uns?“ Bemidbar 12:1

 

Was macht Mose in so ähnlichem Fall? - "Und Mosche ließ Datan und Awiram rufen" Bamidbar 16, Vers 12. Raschi erläuterte diesen Vers wie folgt: „Was wir daraus lernen, dass Mosche die Rebellen rufen ließ: Wir dürfen nicht stur und streitsüchtig sein. Mosche lief den Aufrührern geradezu nach, um sie mit friedfertigen Worten zu beschwichtigen. Das tat er, obwohl Datan und Awiram den Streit entfacht hatten. Er ließ sie zu sich rufen, weil er hoffte, sie zu überzeugen und dadurch den Streit schlichten zu können.

Wir können immer wieder versuchen, Frieden zu stiften, selbst nachdem die streitenden Parteien ihre Standpunkte vorgetragen haben. (Ktaw Sofer - Awraham Schmuel Binjamin Sofer (bekannt durch den Namen seines Hauptwerks als Ktaw Sofer, war ein ungarischer orthodoxer Rabbiner, Führungsfigur des ungarischen Judentums in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts“.

 

Die Geschichte wiederholt sich in jeder Generation, auch in Deutschland heute, weil einige Juden nicht die Thora ernst nehmen wollen. Für diese Menschen spricht ein weltlicher Therapeut:

„Wenn wir lernen einander zuzuhören und Raum zu geben für unsere tiefsten Bedürfnisse, wenn wir den Terror in uns loslassen und unserem Selbst zu lauschen beginnen, bewegen wir uns individuell und kollektiv immer mehr in ein Klima hinein, in dem wir innerem und äußerem Terror in uns immer weniger Resonanzraum bieten“. Kurt Tepperwein, Leben im Heir und Jetzt, mvg-Verlag, 2007, S. 15.

Liebe Freudinnen und Freunde, ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, die Thoragesetze zu bewahren, um mit Ihren Mitmenschen den Resonanzraum für die Gottesgegenwart (Schechina) mit zu erschaffen.

Wer diese Melodie der tiefen Stille (kol demmama daka Vrg. 1 Könige 19, 12) immer hört, der weitet seinen seelischen Innenraum in die Ewigkeit Gottes aus.

Schabbat Schalom

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon in der LJGH für Hamburg

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Wochenabschnitt „Beh’aalotcha“ 5777-2017 16 Siwan - 9-10.Juni


In unserem Wochenabschnitt „Beh’aalotcha“ lesen wir, wie Mirjam und Aaron sich gegen Mose auflehnen: „12 Mirjam aber und Aharon redeten gegen Mose wegen der kuschitischen Frau, die er genommen hatte; denn er hatte eine Kuschitin zur Frau genommen.[a] 2 Und sie sprachen: Redet denn der EWIGE allein zu[b] Mose? Redet er nicht auch zu uns? Und der EWIGE hörte es. 3 Aber Mose war ein sehr sanftmütiger[c] Mann, sanftmütiger als alle Menschen auf Erden. 4 Da sprach der EWIGE plötzlich zu Mose und zu Aaron und zu Mirjam: Geht ihr drei hinaus zur Stiftshütte! Und sie gingen alle drei hinaus. 5 Da kam der EWIGE in der Wolkensäule herab und trat an den Eingang der Stiftshütte, und er rief Aaron und Mirjam, und die beiden gingen voraus. 6 Und er sprach: Hört doch meine Worte: Wenn jemand unter euch ein Prophet des EWIGEN ist, dem will ich mich in einem Gesicht offenbaren oder ich will in einem Traum zu ihm reden. 7 Aber nicht so mein Knecht Mose: Er ist treu in meinem ganzen Haus. 8 Mit ihm rede ich von Mund zu Mund, von Angesicht zu Angesicht[d] und nicht rätselhaft, und er schaut die Gestalt des EWIGEN. Warum habt ihr euch denn nicht gefürchtet, gegen meinen Knecht Mose zu reden? 9 Und der Zorn des EWIGEN entbrannte über sie, und er ging. 10 Und die Wolke wich von der Stiftshütte; und siehe, da war Mirjam aussätzig wie Schnee. Und Aaron wandte sich zu Mirjam, und siehe, sie war aussätzig. 11 Und Aharon sprach zu Mose: Ach, mein Herr, lege die Sünde nicht auf uns, denn wir haben töricht gehandelt und uns versündigt.
12 Lass diese doch nicht sein wie ein totes Kind, das aus dem Leib seiner Mutter kommt, und dessen Fleisch schon halb verwest ist! 13 Mose aber schrie zu dem EWIGEN und sprach: Ach Gott, heile sie doch! 14 Da sprach der EWIGE zu Mose: Wenn ihr Vater ihr ins Angesicht gespuckt hätte, müsste sie sich nicht sieben Tage lang schämen? Sie soll sieben Tage lang außerhalb des Lagers eingeschlossen werden; danach darf sie wieder aufgenommen werden! 15 So wurde Mirjam sieben Tage lang aus dem Lager ausgeschlossen; und das Volk brach nicht auf, bis Mirjam wieder aufgenommen war. 16 Danach aber brach das Volk auf von Hazerot; und sie lagerten sich in der Wüste Paran“.( Bemidbar 12)
„Warum soll der Ewige mit den Menschen nur durch Moshe sprechen?“. - Moshes Bruder Aharon und Schwester Miriam fragen genauso: „Redet denn der Gott allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns?“ Bemidbar 12:1 - Thora antwortet warum: „Moshe war sehr sanftmütig, mehr als irgend ein Menschen auf Erdboden!“ (Bemidbar 12:3).
D.h. Gott spricht mit jedem Mensch, aber nur Sanftmütige können die lebendspendende Kraft der Worte Gottes zu anderen Menschen bringen:
„Und Rabbi Ehoschya Ben Levi hat gesagt: Selbstdemütigung ist größer als alles, wie es gesagt wurde: Der Geist des Ewigen Gott ist über mir, darum dass mich der Ewige gesalbt hat. Er hat mich gesandt, um den Sanftmütigen zu predigen. ‚Den Frommen‘ – wurde es nicht gesagt, sondern – „den Sanftmütigen“. Aus diesen Dinge lernen Sie, dass Selbstdemütigung größer ist als alles“( Talmud, Awoda Sara 20b).
Das Fragment 4Q521 von Rollen Toten Meer zeigt für diese Auslegungen Anklänge von der qumranischen Seite:
„6. Und über den Sanftmütigen wird sein Geist schweben (vgl. 1 Mose 1,2; Jes 61). 12 Dann wird er Erschlagene heilen, und Tote wird Er lebendig machen, den Sanftmütigen wird Er die frohe Botschaft verkünden (Jes 61,1)…“
Deshalb sagen wir auch vor unserem Amida-Gebet: „Gott, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde“ (Ps 51,17). Ja Gott spricht zu jedem Menschen, aber Gottes Wort können nur Sanftmütige hören. Es gibt in der Welt viele Führer, die mit Gewalt und Stolz regieren, aber sie sind keine Vorbilder für das Jüdische Volk gemäß der Thora. Die mündliche Thora erklärt in Bezug auf die Führungskräfte, die die Würde des Menschen mit Füßen treten, um Ihre politischen Zwecke zu erreichen: „Rabbi Eleazar aus Modein sagte: Wer …seinen Nächsten öffentlich beschämt…, hätte er auch gute Werke getan, der hat keinen Teil an der künftigen Welt. (d.h. Er findet sich keine Ruhe in der kommenden Welt)! Awot 3, 16 – : „Rabbi Chanina, Dosas Sohn, sagte auch: Wer den Geist der Mitmenschen erfreut, an dem hat auch der Geist Gottes seine Freude; wer aber den Geist der Mitmenschen nicht erfreut, an dem hat auch Gottes Geist keine Freude. Awot 3, 14 https://de.wikisource.org/wiki/Spr%C3%BCche_der_V%C3%A4ter)
Aharon und Miriam konnten das durch Leiden verstehen: „11 Und Aharon sprach zu Mose: Ach, mein Herr, lege die Sünde nicht auf uns, denn wir haben töricht gehandelt und uns versündigt. 12 Lass diese doch nicht sein wie ein totes Kind, das aus dem Leib seiner Mutter kommt, und dessen Fleisch schon halb verwest ist!“ ( Bemidbar 12).
D.h. Gott spricht mit jedem Menschen, aber nur Sanftmütige können die lebendspendende Kraft der Worte Gottes zu anderen Menschen bringen. Die Thora lehrt uns immer: nur demütige, ehrliche Menschen können Führungspositionen einnehmen, aber wie viele Juden können in unserer noch jungen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland diese alte Weisheit akzeptieren? Deshalb beten wir mit Aharon vor Gott für unsere jüdische Gemeinschaft in Deutschland: „Lass diese doch nicht sein wie ein totes Kind, das aus dem Leib seiner Mutter kommt, und dessen Fleisch schon halb verwest ist!“
Schabbat Schalom
Moshe Navon
Dr. Navon,
Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

 

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Schlach-lecha - 16.06.2017


"Schlach-lecha anaschim wejaturu et Erez Kna'an ascher ani noten li_Wnej
Jisra'el ..." – „Und der EWIGE redete zu Moshe und sprach: Sende Männer aus, dass sie das Land Kanaan auskundschaften, das ich den Kindern Israels geben will. Von jedem Stamm ihrer Väter sollt ihr einen Mann schicken, lauter Fürsten aus ihrer Mitte!“ Bemidbar 13, 2
In unserem heutigen Thoraabschnitt 'Schlach lecha' sendet Moshe 12 Kundschafter - Meraglim – aus zum Land Kanaan. Nach den vierzigtägigen Erforschungen des Landes berichten nur Jehoschua und Kalew positiv über das Land, aber die 10 anderen Kundschafter - nur negativ. Das Volk hört nur auf die negativen Nachrichten und will nach Ägypten zurückkehren. Dafür muß das Volk dann vierzig lange Jahre durch die Wüste ziehen – bis eine neue Generation heranwächst! Leider ist es ist so: sie haben, nachdem die Kundschafter zurückgekommen waren, die Lage falsch bewertet – und so mußten sie 40 Jahre lang auf ein Leben „zu Hause“ verzichten....
Die Kundschafter bringen zwei widersprüchliche Nachrichten:
1. „Wir sind in das Land gekommen, wohin Du uns geschickt, und wahrlich, es fließt von Milch und Hönig, und das ist seine Frucht“ (Bemidbar 13,27)
2. „Das Land, das wir durchzogen haben, es auszukundschaften, ist ein Land, das seine Bewohner verzehrt, und alle Leute, die wir gesehen, sind von großer Länge“ (Bemidbar 13, 32)
Da hatte das Volk ein Ziel vor Augen: „Das Land, in dem Milch und Honig fließen!“. Doch gab es auch ein Hindernis: „das Land, das seine Bewohner verzehrt!“

Das Volk hat sich auf das Hindernis konzentriert, deshalb bleibt es 40 Jahre in der
Wüste, die es wahrlich verzehrt hat, weil dort keine Rede von Milch und Honig war.
Sie konzentrieren sich auf das Hindernis und das Hindernis wirkt wie ein Schwarzes
Loch, dessen Gravitation so extrem stark ist, dass aus diesem Raumbereich nichts –
auch kein Licht der Hoffnung – nach außen gelangen kann. Die Generation der
Wüste stirbt in der Wüste! Leider!
Die nächste Generation hat sich auf den gesegneten Zweck konzentriert – auf das
Land, das 'fließt von Milch und Honig', auf das Haus Gottes – Beit ha-Mikdasch -
inmitten Israels! Die nächste Generation konnte das versprochene Land erreichen
und in seiner Heimat als Volk wachsen.
Wir lernen von dieser Geschichte: man erreicht immer das, auf was man sich
konzentriert: wenn wir erfolgreich sein wollen, sollten wir nie das Ziel aus den Augen
verlieren. Und das gute gesegnete Ziel zieht uns zu sich heran, so, wie das Licht die
Augen dazu bringt, ihm zu folgen.
Ja, und auch mit unserer LJGH kann es jetzt wieder, abgesehen von großen
Hindernissen, weitergehen.
Was entscheiden Sie: Sind wir die Generation der Wüste, oder sind wir die
Generation, die zu Hause beim Gott Israels lebt?
Schabbat Schalom
Rabbiner Dr. Navon
Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

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Nasso - Der Priestersegen Sefer Bamidbar - Buch Numeri,  

Haftara zu Nasso: Richter 13, 2 - 25

„Und der Ewige redete zu Moscheh also: 
Rede zu Aharon und seinen Söhnen und sprich: 
Also sollt ihr segnen die Kinder Israels, sprich zu ihnen: 
Es segne dich der Ewige und behüte dich; 
Der Ewige lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig; 
Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden! 
Und sie sollen meinen Namen legen auf die Kinder Israel, und ich werde sie segnen“.
 (Bamidbar 6, 22-27)

„Jedem Juden, der die Synagoge besucht, ist der Priestersegen vertraut, so vertraut, dass wir vielleicht dazu neigen, seinen wahren Inhalt zu vergessen und seine profunde Bedeutung zu schätzen. Die einfache Formulierung dieser Benediktionen haben viele unserer klassischen Kommentatoren in Erstaunen versetzt. Hier ist eine der beteiligten Schwierigkeiten, ausgedrückt von Isaak Arama, dem Autor von "Akedat Isaak":

Welchem Zweck dient die Vorschrift, dass diese Benediktionen vom Priester an das Volk gehen? Er, im Himmel oben ist es, der segnet. Was wird erreicht oder hinzugefügt, wenn der Priester segnet oder nicht? Müssen sie Ihm assistieren?

Tatsächlich wirft die Formulierung des Textes diese Frage auf. Der Segen wird durch eine Vorschrift eingeleitet, die sich an die Priester richtet: "also sollt ihr segnen die Kinder Israel." Er wird durch das göttliche Statement "und ich werde sie segnen" abgeschlossen. Eine einfache Lösung für das erwähnte Dilemma wäre es, das Objekt des letzten Satzes "und ich werde sie segnen zu verstehen als bezöge es sich nicht auf ganz Israel, sondern auf die Priester, die Israel segnen. Dies bemerkt R. Ischmael im Talmud (Chullin 49a):

Bezüglich der Segnung Israels haben wir gelernt; aber bezüglich eines Segens für die Priester selbst haben wir nichts erfahren. Der Zusatz "und ich werde sie segnen" (behebt diesen Mangel und) bedeutet, dass die Priester Israel segnen und der Ewige, gepriesen sei Er, segnet die Priester.“ Kommentiert von Nechama Leibowitz http://www.hagalil.com/judentum/torah/leibowitz/naso.htm

In der Torah wurde gesagt: „Und der Ewige sprach zu Awram: Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. (Bereschit), Kapitel 12

Das Wesensmerkmal  Abrahams und seiner Nachkommen ist es, zum Segen für unsere Mitmenschen zu sein. Wenn wir Kinder Abrahams und Sarahs sind,  und
wenn wir Gottes Segen in unserem Leben bewahren wollen, dann sollen wir  in unserem Leben einen Platz für den Segen an unseren Mitmenschen finden.

Wenn zwei Menschen sich begegnen, jeder mit seiner Freiheit, die sie beide respektieren, dann zeigt Gottes Gegenwart zwischen ihnen sein friedliches Antlitz.

Der Priestersegen, Birkat Kochanim, Jerusalem:

https://www.youtube.com/watch?v=FHm5WkTrnBg#action=share

 

Schabbat Schalom

Dr. Navon, Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

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Schawuot  6. Siwan 5777

30/31.06.2017

Am 30.-31. Mai feiern wir das Wochenfest „Schawuot“. Das ZEHNWORT (die Zehn Gebote) steht auch heute im Mittelpunkt des Gottesdienstes an Schawuot: Wir erneuern auf diese Art und Weise unseren Bund mit dem Gott Israels JHWH:

„Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat,

Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

Du sollst den Namen des Ewiges, deines Gottes nicht missbrauchen,

Ehre deinen Vater und deine Mutter,

Gedenke des Schabbats: Halte ihn heilig!

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht die Ehe brechen,

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

Du sollst nicht nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört, verlangen!“

Das erste Gebot ist ein persönliches Treffen mit dem Ewigen in Freiheit und Liebe. Es ist die Grundlage der Grundlagen für die Erfüllung aller anderen Gebote. Das erste Gebot ähnelt den Wurzeln und dem Stamm eines Baumes, die die anderen Gebote als seine Zweige ernähren. Je mehr wir diese Gebote erfüllen, desto mehr erfahren wir die Gegenwart  Gottes in unserem Leben. Wir fragen mit Moshe Rabbenu immer wieder unseren Gott JHWH am Berg Sinai: „Wie ist deine Name?!“, und wir hören mit Moshe seine überraschende Antwort: 

„Ich bin der Ich bin, Ich werde immer mit dir sein in deinem ganzen „Jetzt und Hier“! Die Zeit und die Erfahrung helfen uns. Viele Juden in Deutschland kommen wieder in ihre Synagogen zurück, trotz innerer Schwierigkeiten und nur so, auf diese Weise, durch die Rückkehr nehmen wir alle die alte Weisheit wahr: Die Thorageboten, die sittlichen Lebensweisungen – die sind nicht nur einige moralische Prinzipien, sondern die Wurzeln, der Stamm, die Zweige und die Früchte eines Baumes – des Baums unseres Lebens (Ez ha-Haiim). Sein Samen ist in unserem „Ich“ bei der Zeugung gesät worden.

Wir hören in unserem „ich“ ein Echo: „Ich bin der ich bin“. Es ist das Echo vom Berg Sinai von Augenblick zu Augenblick.

Wer fleißig den Boden des Herzens durch das ZEHNWORT bearbeitet, der bringt immer – hier und jetzt – die lebenspendenden Früchten des Lebens hervor!

Wir treffen uns zu Schawuot, am Dienstagabend, dem 30 Mai und am Mittwochmorgen, dem 31 Mai. Wir werden zusammen aus der Thorarolle lesen, um den Baum unseres Lebens wachsen zu lassen, wie es geschehen ist und geschieht -schon 3300 Jahre lang.

Schabbat Schalom und Chag Schawuot Sameach!

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon der LJGH für Hamburg.

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Behar-Bechukotai 19 Tag Omer
(24 Ijar 5777; 20 Mai 2017)

Das Sabbatjahr

25 Und der Ewige redete zu Mose auf dem Berg Sinai und sprach:

Rede mit den Kindern Israels und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, so soll das Land dem Ewigen einen Sabbat feiern.

Sechs Jahre lang sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre lang deinen Weinberg beschneiden und den Ertrag [des Landes][a]einsammeln.

Aber im siebten Jahr soll das Land seinen Sabbat der Ruhe haben, einen Sabbat für den Ewigen, an dem du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden sollst. (Wajikra: 3 Mose 25)

Das Halljahr (Jubeljahr)

Und du sollst dir sieben Sabbatjahre abzählen, nämlich siebenmal sieben Jahre, sodass dir die Zeit der sieben Sabbatjahre 49 Jahre beträgt.

Da sollst du Hörnerschall ertönen lassen im siebten Monat, am zehnten [Tag] des siebten Monats; am Tag der Versöhnung sollt ihr ein Schopharhorn[b] durch euer ganzes Land erschallen lassen.

10 Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt im Land eine Freilassung ausrufen für alle, die darin wohnen. Es ist das Halljahr[c], in dem jeder bei euch wieder zu seinem Eigentum kommen und zu seiner Familie zurückkehren soll.

 (Wajikra: 3 Mose 25)

Das Lösungsrecht für Landbesitz und für Knechte und Mägde

23 Ihr sollt das Land nicht für immer verkaufen; denn das Land gehört mir, und ihr seid Fremdlinge und Gäste[d] bei mir.

24 Und ihr sollt in dem ganzen Land, das euch gehört, die Wiedereinlösung des Landes zulassen.

25 Wenn dein Bruder verarmt und dir etwas von seinem Eigentum verkauft, so soll derjenige als Löser[e] für ihn eintreten, der sein nächster Verwandter ist; er soll auslösen, was sein Bruder verkauft hat.

26 Und wenn jemand keinen Löser hat, aber mit seiner Hand so viel erwerben kann, wie zur Wiedereinlösung nötig ist,

27 so soll er die Jahre, die seit dem Verkauf verflossen sind, abrechnen und für den Rest den Käufer entschädigen, damit er selbst wieder zu seinem Eigentum kommt.

28 Wenn er ihn aber nicht entschädigen kann, so soll das, was er verkauft hat, in der Hand des Käufers bleiben bis zum Halljahr; dann soll es frei ausgehen, und er soll wieder zu seinem Eigentum kommen. (Wajikra: 3 Mose 25)

 

Der Ewige redete zu Mose auf dem Berg Sinai? - Wer versucht, sich einen Gott vorzustellen, hat bereits das zweite Gebot gebrochen: man darf sich Gott nicht als einen Menschen, der spricht, vorstellen. Als der Prophet Elia 400 Jahre nach Moses auf demselben Berg stand, erfuhr er, dass ein Mensch Gott nur in der Stimme der sanften Stille hören kann.

Er steigt in die Berge, weil er will, dass kein Lärm ihn von dieser inneren Stille ablenkt. Der jüdische Kalender ist so geschaffen worden, dass die betenden Menschen von Sabbat zu Sabbat Schritt für Schritt auf den geistlichen Berg steigen, auf dem man die Stimme der sanften Stille, die Stimme des Vaters hört.

Aber nicht nur äußerer Lärm lenkt uns vom Sinn unseres Lebens ab. Unsere Seele ist mit Müll vollgestopft: negative Emotionen, Gedanken und Vorstellungen stellen uns unter permanenten Druck. Wir versuchen, diese Störungen loszulassen, aber wir können nicht. Warum? Weil wir uns an das Leben in der Welt der Sklaverei angepasst  haben. Die Gesetze der Thora helfen uns, diese Situation zu verstehen, und sie geben uns Hinweise, wie man auf den Berg der Freiheit, der Ruhe, der Schönheit und der Liebe steigen kann, - auf den Berg, wo der Ewige mit seinem Freund, mit seiner Freundin spricht, mit Dir… Lassen Sie uns hören, wie dieser Weg für unsere Vorfahren begann:

Nach der Tora schuf Gott den Menschen nach Seinem Bild am sechsten Tag der Schöpfung und Er segnete den siebten Tag der Schöpfung, weil Er die Ruhe mit dem ersten Menschen an diesem Tag genoss. Der erste Schabbat war ein Zeichen der Freiheit und des Friedens zwischen Gott und Mensch, zwischen Mann und Frau. Daher hat das Schabbatgebot in den Zehn Geboten, Zehnwort, die das jüdische Volk am Berg Sinai erhielt, einen besonderen Ort: Es gibt mindestens einmal pro Woche weder Sklave noch Sklavenhalter - alle Menschen genießen gleichermaßen die Freiheit und den Frieden miteinander und mit Gott an diesem Tag. Aber das war nur die erste Stufe der göttlichen Pädagogik. Nach dem heutigen Toraabschnitt sollen wir im siebten Schabbatjahr und insbesondere im fünfzigsten Joweljahr unsere Sklaven für immer freilassen. Jeden siebten Tag der Woche passiert eine Wiederholung der göttlichen Lehre: Wir lernen, nur für einen Tag unseren Sklaven die Freiheit zu geben. Im siebten Jahr aber kommt die Prüfung: jetzt sollen wir wirklich unsere Sklaven freilassen, und dann kommt das Gebot des fünfzigsten Jahres - es ist die Abschlussprüfung, die uns zeigt, ob wir eines Bundes mit dem Gott Israels würdig sind oder nicht.

Die Thora lehrt uns: jeder, der bereit ist, Sklavenhalter oder Sklave zu sein, kann weder in Ruhe und Frieden mit Gott leben noch mit sich selbst. Nur der Mensch, der keine andere Person für seine eigenen Interessen ausnutzt, kann den Schabbat des Friedens bewahren – den Schabbat des Ewigen.

Ich freue mich immer, nicht nur in der Wüste, sondern in der Stadt die innere Stille zu hören. Deshalb treffen die Menschen ihre Mitmenschen, um einen Resonanzraum für unseren gemeinsamen Mit-Gott zu schaffen:

Wir treffen uns, um mit-zu-stillen!

Der Schabbat ist eine Insel der Ewigkeit in dem Ozean der Zeitlichkeit!

kol demmamah dakkah

jischaammah

be-chol ha-neschammah

 

Der Stimme der feinen Stille

wird nie aufhören

in allen Seelen!

Shabbat Shalom!

Dr. Navon,

Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Wochenabschnitt Emor

13 Mai 2017 – 17 Ijar 5777

 

In dieser Woche lesen wir den Abschnitt Emor.

וַיֹּאמֶר ה' אֶל משֶׁה אֱמֹר אֶל הַכֹּהֲנִים בְּנֵי אַהֲרֹן וְאָמַרְתָּ אֲלֵהֶם לְנֶפֶשׁ לֹא יִטַּמָּא בְּעַמָּיו:

„Und der Ewige sprach zu Moshe: »Sprich den Priestern (ha-kohanim), den Nachkommen Aharons, und sage ihnen: Keiner der Priester soll einen Toten berühren und sich dadurch in seinem Volk verunreinigen (3Mose 21,1)…

Und der Ewige redete zu Moshe, indem er sprach: Rede zu Aharon und zu seinen Nachkommen, dass sie achtsam seien mit den Heiligtümern der Kinder Israels – damit sie nicht entweihen meinen heiligen Namen, welche diese mir heiligen: ich bin JHWH!“ (3 Mose 22, 1-2)

Die Priester – ha-kohanim – haben die Verantwortung übernommen, den Gottesnamen unter den Kindern Israels heilig zu halten! Eine der Voraussetzungen war: keinen Toten zu berühren! Schon seit 2000 Jahren übernehmen die  Nachkommen Israels diese Aufgabe, weil der Tempel in Jerusalem schon seit langer Zeit nicht mehr existiert. Stattdessen hat die Versammlung der Kinder Israels in den Synagogen diese Aufgabe übernommen.

Was bedeutet heute für uns alle dieses alte Verbot, sich durch Berührung der Toten unrein zu machen? Die Rabbiner erklären, dass Üble Nachrede (Laschon ha-Rah) gemeint  ist mit der Berührung der Toten. Diese Berührung tötet den Sprecher, den Zuhörer und den, dem er gilt. Jeder, der mit der Üblen Nachrede  in Berührung kommt, wird tot und unrein.

Wie können wir dann den Gottesnamen durch unser Tun heiligen? Die meisten modernen Menschen unterscheiden nicht zwischen Übler Nachrede - wie das Judentum es versteht - und der normalen menschlichen Rede. Es ist wie in der Parabel vom kopflosen Huhn:

 

„Hast Du jemals gesehen, wie ein Huhn ohne Kopf herumlief und erfolglos mit seinen Flügeln flatterte? Menschen, deren Kopf vollgestopft ist mit übler Nachrede und verstopft davon, haben schon lange aufgehört zu denken, zu verstehen und die Realität zu sehen! Gedankenmüll verdunkelt ihren Verstand, bis ihre Augen kein Licht mehr sehen, sondern nur die Schatten.

Panisch laufen sie nur im Kreise, ohne zu merken, dass sie den Kopf verloren haben.

Sie verlieren die Kontrolle über ihr Leben und die Vision vom Sinn ihres Lebens. Ihr Leben geht an ihnen vorbei, so dass bei  ihnen letztlich nur ein leerer Schädel  übrig bleiben wird, wenn sie nicht ihren inneren Verstand vom Gedankenmüll befreien lassen!

Nur wenn wir dann mit dem Kopf gegen die Wand rennen, haben wir die Chance, uns daran zu erinnern, dass wir noch einen Kopf haben.

Das passiert mit uns, wenn wir vergessen, dass Gott uns, unser Leben!, auf Adlers Flügeln trägt: „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe, wie ich euch getragen auf Adlers Flügeln (Al kanfei nescharim) und euch zu mir gebracht habe“. (2 Mose 19, 4).

אַתֶּם רְאִיתֶם אֲשֶׁר עָשִׂיתִי לְמִצְרָיִם וָאֶשָּׂא אֶתְכֶם עַל כַּנְפֵי נְשָׁרִים וָאָבִא אֶתְכֶם אֵלָי.

Aber wenn wir erwachsen genug sind, dann stößt Gott uns in die Tiefe, so wie  Adler-Eltern ihre Kinder, damit sie lernen, selbst hoch zu fliegen und aus der Höhe, wie ein Adler,  die Schönheit der Welt zu genießen.

Der Mensch denkt oft in dieser Situation: „Oh weh, wie kann ich mit diesen großen Problemen, die ich habe, weiterleben?! Ich stürze ab…“

Aber in der Realität ist es eine einzigartige Möglichkeit, die Gott uns schenkt, damit wir selbst etwas über unsere eigenen Adlerflügel erfahren: Al kanfei nescharim, – auf den Flügeln der Seele: Al kanfei ha-neschama...

Die tötende Üble Nachrede kann uns nicht erreichen, wenn wir unsere Flügel ausbreiten. Sie bleibt unter der Erde, wie ein mit Staub vollgestopfter Schädel!

 

Schabbat Schalom

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon der LJGH für Hamburg

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Acharei Mot – Kedoschim 5777 (05. Mai 2017)

Lev. 16,1 – 20,27

Liebe Freunde und Freundinnen, in unserem Wochenabschnitt Acharei Mot lernen wir, wie man die Thora verstehen kann. Die Thora ist ein Buch des Lebens, nicht des Todes.

„Und der Ewige redete zu Mose und sprach: Rede zu den Kindern Israels und sprich zu ihnen: Ich, der Ewige, bin euer Gott! Ihr sollt nicht so handeln, wie man es im Land Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt, und sollt auch nicht so handeln, wie man es im Land Kanaan tut, wohin ich euch führen will, und ihr sollt nicht nach ihren Satzungen wandeln. Nach meinen Rechtsbestimmungen sollt ihr handeln und meine Satzungen halten, dass ihr in ihnen wandelt; denn ich, der Ewige, bin euer Gott. Darum sollt ihr meine Satzungen und meine Rechtsbestimmungen halten, denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben: Ich bin der Ewige!“ (Wajikra – 3 Mose 18, 1 - 5).

Die traditionelle Halacha betont bereits: „Der Mensch soll durch die Thora das Leben erlangen, nicht den Tod.“ (Aus der Halacha. Plaut, Die Tora in jüdischer Auslegung, Teil 3, S. 185.) –  auch für sich selbst, auch für seine Mitmenschen!

Die jüdischen religiösen Vorschriften haben einen sittlichen Sinn. Wer das vergisst, vergisst den Ewigen: „Darum sollt ihr meine Satzungen und meine Rechtsbestimmungen halten, denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben: Ich bin der Ewige!“. Die Menschen bewahren die Thoragesetze, um mit ihren Mitmenschen den Resonanzraum für die Gottesgegenwart – Schechina – mit zu erschaffen. Deswegen konnte Leo Baeck die ganze Thora in einem Satz zusammenfassen: „Was wir an unseren Mitmenschen tun ist Gottesdienst“.

Ein moderner Therapeut hat dazu geschrieben:

„Da Zeit und Raum gemäß Einstein einander entsprechen, können wir auch sagen: Wir haben kaum noch Raum für einander. Nicht nur der Lebensraum auf diesem Planeten wird immer enger, auch unser seelischer Innenraum wird immer vollgestopfter. Es ist deshalb ein richtiger Segen, einmal einem Menschen begegnen zu können, der Raum für uns hat, dem wir beispielweise sagen können, was wir auf dem Herzen haben, ohne dass wir innerhalb weniger Minuten unterbrochen oder für das Gesagte verurteilt werden.

Untersuchungen weisen darauf hin, dass hinter vielen Einzelpersonen oder Völkergruppen, die gewalttätig wurden, Menschen stehen, die nie richtig gehört, das heißt, angenommen wurden.( http://www.compassionatelistening.org/ ). Damit soll nicht der internationale Terrorismus gebilligt, sehr wohl aber ein Lösungsweg angedeutet werden: Wenn wir lernen, einander zuzuhören und Raum zu geben für unsere tiefsten Bedürfnisse, wenn wir den Terror in uns loslassen und unserem Selbst zu lauschen beginnen, bewegen wir uns individuell und kollektiv immer mehr in ein Klima hinein, in dem wir innerem und äußerem Terror in uns immer weniger Resonanzraum bieten“. (Kurt Tepperwein, Leben im Hier und Jetzt, mvg-Verlag, 2007, S. 15.)

Aber was konkret das bedeutet: mit unseren Mitmenschen den Resonanzraum für die Gottesgegenwart – Schechina – mit zu erschaffen? Bitte, lesen Sie weiter mit großer Aufmerksamkeit:

Frau Elisabeth Frank und ihre Tochter Sabina Holtzman, gute Freundinnen der LJGH aus den USA, besuchten uns am vergangenem Kabbalat Schabbat „Tasria Mezora“. 

Sabina Holtzman und Miriam Navon entzündeten die  Schabbatkerzen gemeinsam für uns. Sie erzählten uns zwei erstaunliche Geschichten darüber, wie Menschen in ihrem Inneren einen guten Raum für ihre Mitmenschen schaffen können und wie wunderbar es ist, wenn ein guter Wunsch  dann auch zu einer Realität für das Wohl des anderen wird.

Als Sabina 12 Jahre alt war, feierte sie ihre Bat Mitzwa wie alle jüdischen Mädchen in ihrer Gemeinde in den USA. Der “ EISERNE VORHANG” war noch in Kraft und den Juden in der Sowjetunion war es immer noch verboten, sowohl ihre Religion öffentlich auszuüben als auch  auszuwandern.

Die Juden In USA hatten damals ein Programm, in dem 12 jährige, us-amerikanische Kinder mit russischen Jüdischen Kindern gleichen Alters verbunden wurden: es war das  B’nai Mitzwah “REFUSENIK ZWILLINGS” Programm. ('Refusenik (von englisch to refuse, „ablehnen“) oder Otkasnik (russisch отказник, von отказывать, d. h. „ablehnen“, hebräisch  מסורבי  mesorav) war ein inoffizieller sowjetischer Ausdruck für Personen, typischerweise sowjetische Juden, denen die Möglichkeit einer Emigration verweigert wurde.' (Wikipedia)

Sabina war interessiert daran, einem Mädchen von der anderen Seite des EISERNEN VORHANGs zu helfen. Ihr 'Zwilling' war die gleichaltrige Bronislava aus Donezk, Ukraine. Deren Eltern waren Refuseniks.  An Sabinas Bat Mitzwah stand auf der Bima ein leerer Stuhl - symbolisch für Bronislava. Einige Jahre später bekam Bronislavas Familie überraschend die Erlaubnis, auszuwandern. 16 Familienmitglieder kamen nach Miami. „Von da an  wurde es meine Mission, für russische Refuseniks, die nach Miami kamen, Hilfsquellen zu finden.“, so Elisabeth Frank und Sabina Holtzman.

Die Familie von Elisabeth und Sabina war direkt daran beteiligt, dass durch die Hilfe von „Temple Beth Am“ 69 Jüdische Familien (200 Personen) aus der Sowjetunion  Bürgschaften erhielten und gefördert wurden.

So wurde die gemeinsame symbolische Bat Mizwa von Sabina und Bronislava  zur Realität. Bronislava begann ihr neues Leben, in dem es eine freie Wahl gibt!

Nun unterstützen Elizabeth und Sabina seit vielen Jahren unsere liberale jüdische Gemeinde in Hamburg, wo jetzt viele erwachsene jüdische Männer und Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion am Schabbat  zur Thorarolle aufgerufen werden und jetzt, in teils hohem Alter, ihre Bar Mizwa feiern! Die Stühle in der Synagoge sind nicht mehr leer! Die Sowjetunion, in der die jüdische Religion so verachtet wurde, ist Vergangenheit, aber die ehemals sowjetischen Juden sind endlich einfach zu freien Juden geworden: Jüdinnen und Juden, die am Schabbat ihren Bund mit dem Gott Israels vor der Thora erneuern!

Auch Miriam erzählte ihre Geschichte. Ihr Urgroßvater Jakob zog im Jahr 1911 mit seiner Familie nach Amerika. Sein Sohn Michael studierte an der Hochschule für Wirtschaft in Amerika, kehrte aber danach im Jahre 1917 nach Russland zurück, um „die Revolution zu retten“. Seitdem versuchte der Teil der Familie, der in den USA geblieben war, die Nachkommen Michaels, Miriams Großvater, aus den Folgen der sowjetischen Revolution zu retten. Miriam, die Enkelin von Michael, erinnerte daran, dass ihre Tante und ihr Onkel aus Amerika ihrer Mutter regelmäßig Pakete  nach Moskau geschickt haben, die ihr Leben sehr erleichterten. Als Miriam dann nach Israel umzog, halfen ihre amerikanischen Verwandten ihr und ihrer Familie auch in den ersten schwierigen Jahren in der neuen Heimat.

Im Jahr 2004 hat ihre Cousine Lynne mit ihrem Mann Tom Miriam in Israel besucht. Sie sind bereits die vierte Generation nach Jacob! Lynne erzählte Miriam, wie sie zusammen mit ihrer Oma Lena Pakete für die Moskauer packte: ihre Großmutter erzählte Lynne immer wieder, dass sie eine Cousin in Moskau hat und dass sie sich einmal treffen werden.

Lynne hat Miriam Bilder geschickt, die ihre Familie aus ihrer Kindheit auf großen jüdischen Feiertagen zeigen... http://lynnefeldman.com/the-seder-table

Lynne hat Miriam auch die alten Tefillin und das Gebetbuch – den Siddur – von ihrem Urgroßvater Jakob übergeben. Alle vier Söhne von Miriam konnten nun ihre Bar Mizwa mit diesen alten Teffilin feiern. Das Gebetbuch wurde in Österreich im Jahr 1857 herausgegeben. Ist es Zufall, dass alle vier Söhne von Miriam nun in der Lage sind, die Gebete in der Synagoge sowohl auf Hebräisch als auch in deutscher Sprache zu beten?!

So wurde der Segenskreislauf nach vier Generationen geschlossen, weil Menschen ihren Mitmenschen über die Grenzen, über Krieg und Leid hinweg in ihrer inneren Welt einen Platz gegeben haben!

Und heute sitzen nun  Miriam aus Israel und Sabina aus USA nebeneinander in unserer Synagoge in Hamburg. Jede von beiden ist auf ihre eigene Weise bereit, der LJGH mit Galina Jarkova und Dana Zeimer, mit Gali und Fredericke, mit Moti und Sarah, mit anderen Worten einer neuen Generation von Kindern Israels zu helfen: Hebräischsprachige und russischsprachige Familien feiern mit ihren Kindern Kinder-Shabbat in Hamburg. Kommen auch Sie am 13. Mai,  um 11 Uhr am Samstagmorgen, um zu sehen und mitzuerleben, wie der gute Wille vielen Generationen eine jüdische Realität dort schafft, wo das Judentum ausgerottet werden sollte.

Das ist das Gesetz der Thora, von dem ein Mensch lebt! Nein, das Böse und der Zynismus werden nie über unsere guten Wünsche für andere Menschen siegen, weil unsere guten Wünsche für andere Menschen von Gott gesegnet werden!

Die Stühle für Betende in unserer Synagoge werden nie mehr leer sein! Niemand wird uns je wieder aus Hamburg zu vertreiben wagen, wie es im Jahr 1933 geschehen war! Die ehemals sowjetischen Juden empfangen jetzt die ganze jüdische Welt in Hamburg, weil es vor 200 Jahren hier in Hamburg geschehen ist, das der erste anerkannte liberale Synagogen-Tempel, die Urmutter aller Synagogen-Tempel weltweit, gebaut und eingeweiht wurde!

Liebe Freundinnen, liebe Freunde, ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, die Thoragesetze zu bewahren, um mit Ihren Mitmenschen den Resonanzraum für die Schechina mit zu erschaffen. Wer diese Melodie der tiefen Stille (kol demmama daka (Vrg. 1 Könige 19, 12) hört, der weitet seinen seelischen Innenraum in die Ewigkeit Gottes aus.

Schabbat Schalom

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon der LJGH für Hamburg

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Tazria-Mezora 5777 (28.April 2017)

Wajikra 12,1 – 15, 33 Haftara 2 Könige 7, 3-27.

In unserem Wochenabschnitt Tazria-Mezora lernen wir etwas über eine Krankheit, die Zara’at (Aussatz) hieß, und mit welchen Konsequenzen man ihr vor 3000 Jahren begegnet ist:

Das Gesetz über die Reinigung vom Aussatz

  • Und der Ewige redete zu Mose und sprach:

Dieses Gesetz gilt für den Aussätzigen am Tag seiner Reinigung: Er soll zu dem Priester gebracht werden[a].

Und der Priester soll [dafür] hinaus vor das Lager gehen, und wenn er nachsieht und findet, dass das Mal des Aussatzes an dem Aussätzigen heil geworden ist,

so soll der Priester gebieten, dass man für den, der gereinigt werden soll, zwei lebendige Vögel bringt, die rein sind, und Zedernholz, Karmesin und Ysop;

und der Priester soll gebieten, dass man den einen Vogel schächtet in ein irdenes Geschirr, über lebendigem Wasser.

Den lebendigen Vogel aber soll man nehmen mit dem Zedernholz, dem Karmesin und Ysop und es samt dem lebendigen Vogel in das Blut des Vogels tauchen, der über dem lebendigen Wasser geschächtet worden ist;

und er soll denjenigen siebenmal besprengen, der vom Aussatz gereinigt werden soll, und ihn so reinigen; und den lebendigen Vogel soll er in das freie Feld fliegen lassen.

Der zu Reinigende aber soll seine Kleider waschen und alle seine Haare abschneiden und sich im Wasser baden; so ist er rein. Danach darf er in das Lager gehen; doch soll er sieben Tage lang außerhalb seines Zeltes bleiben. (Waijkra – 3.Mose 14 )

Die alten Rabbiner haben sich vor 1.500 Jahren den Kopf über diese ganz und gar nicht logische Handlung zerbrochen, um eine einfache Erklärung in diesem Gesetz zu finden. Sie kamen zur der Entscheidung:

„Ein Mensch wird mit „Aussatz“ bestraft, wenn er üble Nachrede sagte, und deshalb wird seine Reinigung auch durch kleine Vögel vollzogen, die andauernd zwitschern und schnattern.“ (aus der Aggada. Plaut: Die Tora in jüdischer Auslegung, Teil 3, S. 135).

Die alten Rabbiner listen also Laschon Hara als eine der Ursachen für die Krankheit der biblischen tzara'at auf.  (Talmud Arachin 15b). Das laute Aussprechen von Laschon Hara wird von der Gegenwart Gottes nicht toleriert (Talmud Sota 42a). Woher wissen die alten Weisen von diesem Grund für den Aussatz? - Gemäß der Erzählung in der Thora begeht Miriam mit ihrem Bruder Aaron Laschon Hara gegen ihren Bruder Moshe. Sie fragt, warum Moses so viel mehr befähigt sei als jeder andere, das jüdische Volk zu führen (Be-Midbar – 4. Mose Kapitel 12). Gott hört es und belegt Miriam mit Zara'at, weswegen sie für eine Woche außerhalb des Lagers bleiben muss.

Es ist sehr interessant, wie ein jüdischer Witz der modernen Zeit diese althergebrachte Tradition thematisiert. Dieses Mal ist es nicht ein kleiner Vogel, der eine reinigende Rolle spielt, sondern kleine Federn:

„Ein Nachbar hatte über Künzelmann schlecht geredet und die Gerüchte waren bis zu Künzelmann gekommen. Künzelmann stellte den Nachbarn zur Rede.

"Ich werde es bestimmt nicht wieder tun", versprach der Nachbar. "Ich nehme alles zurück, was ich über Sie erzählt habe".

Künzelmann sah den anderen ernst an. "Ich habe keinen Grund, Ihnen nicht zu verzeihen" erwiderte er. "Jedoch verlangt jede böse Tat ihre Sühne."

"Ich bin gerne zu allem bereit." sagte der Nachbar zerknirscht.

Künzelmann erhob sich, ging ins sein Schlafzimmer und kam mit einem großen Kopfkissen zurück.

"Tragen Sie dieses Kissen in Ihr Haus, das hundert Schritte von meinem entfernt steht." sagte er.

"Dann schneiden Sie ein Loch in das Kissen und kommen wieder zurück, indem Sie unterwegs immer eine Feder nach rechts, eine Feder nach links werfen. Dies ist der Sühne erster Teil."

Der Nachbar tat, wie ihm geheißen. Als er wieder vor Künzelmann stand und ihm die leere Kissenhülle überreichte, fragte er: "Und der zweite Teil meiner Buße?"

"Gehen Sie jetzt wieder den Weg zu Ihrem Haus zurück und sammeln Sie alle Federn wieder ein."

Der Nachbar stammelte verwirrt: "Ich kann doch unmöglich all die Federn wieder einsammeln! Ich streute sie wahllos aus, warf eine hierhin und eine dorthin. Inzwischen hat der Wind sie in alle Himmelsrichtungen getragen. Wie könnte ich sie alle wieder einfangen?"

Künzelmann nickte ernst: "Das wollte ich hören! Genauso ist es mit der üblen Nachrede und den Verleumdungen. Einmal ausgestreut, laufen sie durch alle Winde, wir wissen nicht wohin. Wie kann man sie also einfach wieder zurücknehmen?"

Liebe Freunde, so verbreitet sich eine große Sünde so leicht wie Federn im Wind. Was können wir tun, um das zu vermeiden?! Übung macht den Meister: versuchen wir mal, über andere Menschen nur gute Wahrheiten zu sagen und zu hören. – Aber was machen wir, wenn wir Zeugen sind, dass andere Menschen schlechte Dinge tun? Dann denken wir drei Mal nach, bevor wir unser Zeugnis ablegen: Wann und wo tun wir das? Vor wem tun wir das? Für welchen Zweck tun wir das? Wir begegnen also der Sünde anderer mit umso größerer Achtsamkeit für unser eigenes Handeln.

Ich erfahre, dass nicht nur einzelne Menschen unter  übler Nachrede leiden, sondern ganze Gemeinden und sogar Völker. Unsere ganze Gemeinde LJGH leidet auch schon viele Jahre unter  ähnlichen Angriffen. Es gibt leider auch unter Juden Personen, die ihre Seele mit  „Aussatz“ umhüllen, wie die betenden Juden  mit dem  Tallit!  Wir sind nicht blind, aber wir werden nicht aufgeben, damit wir nicht auch auf dieses niedrige Niveau fallen!

Wir halten zusammen, indem wir einander noch mehr respektieren und würdigen,  besonders die Personen, die so liebevoll und selbstlos für uns alle tätig sind!

 

Liebe Freundinnen und Freunde, ich wünsche Ihnen Schabbat Schalom!

Dr. Moshe Navon    Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

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Wochenabschnitt Schemini,

Wajikra 9,11-11,47 Haftara 2 Samuel 6,1 – 7,17 (21.04.2017)

 

Liebe Freunde, wir lesen in unserem Wochenabschnitt Schemini:

„Denn ich bin der Ewige euer Gott: so heiligt euch, dass ihr heilig seid, denn ich bin heilig; und verunreinigt euch nicht durch all das Gewimmel, das auf dem Land kriecht. Denn ich bin der Ewige, der euch heraufgebracht aus dem Lande Mizrajim um euch ein Gott zu sein: so seid heilig, denn ich bin heilig“ (Wajikra - 3. Buch Mose Kapitel 11, 44 – 45).

Die mündliche Thora besagt:

„Wenn er unrein sein will, wird ihm die Gelegenheit dazu gegeben werden. Wenn er rein sein will, erhält er Gottes Unterstützung“ (Aus: Der Chumasch nach Rabbiner Plaut:  die Tora in jüdischer Auslegung, Teil 3, S. 112.).

 

Meditation zum Wochenabschnitt: 

„Ein Schüler schlief ein und träumte, er sei im Paradies. Zu seinem Erstaunen fand er dort auch seinen Meister und die anderen Schüler, alle in Meditation versunken.

"Das ist die Belohnung im Paradies?" rief er. "Genau das Gleiche haben wir doch auf Erden auch gemacht!"

Er hörte eine Stimme: "Narr! Du denkst, diese Meditierenden seien im Paradies? Es ist genau umgekehrt - das Paradies ist in ihnen!" (Anthony de Mello).

 

Normalerweise stellt man sich „heilig sein“ so vor, dass man auf den Wolken sitzt und seinen Nimbus über dem Kopf beobachtet.

Aber unser unfassbarer Gott gibt uns einen klaren Hinweis, wie man auf der Erde heilig werden kann.
Zum Beispiel sagt Thora: „Respektiere deine Eltern.“ (3. Buch Mose 19,3), „Tue deinen Mitmenschen nur Gutes und trenne nie deine Liebe von deinem Leben“, „Nimm dir mit großer Würde deine Zeit und Ruhe am Schabbat und vergiss nie den geheimen Sinn deines Lebens.“ (Vgl. Zehn-Wort, 2. Buch Mose 20,1-14).

2.

Das oben genannte Zitat aus dem Wochenabschnitt gibt uns zwei verschiedene Aufgaben:
„Sei heilig und sei rein!“.
Wenn wir durch unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen nahe zu Gott stehen, dann sind wir heilig, weil Gott uns auf diese Art und Weise heiligt.
Dann stellen wir uns die Frage:
„Ist das nicht genug?“, „Warum sollen wir  zusätzlich unsere Reinheit vor dem Gewimmel bewahren? Können diese oder andere verbotene Speisen die Heiligkeit von Gott verderben?“
Noch sind wir nicht im Paradies, noch sind wir auf dieser Erde, ein Teil von dieser Welt. Wir gehen auf diesem Planeten, der uns zu sich selbst anzieht, um uns zu seiner Erde zu verwandeln.

Die Thora lehrt uns hingegen, nicht wie das Gewimmel auf der Erde zu kriechen.
Wir werden belehrt, zwischen den Speisen zu unterscheiden, welche verboten und welche erlaubt sind, um unsere Zunge zu beherrschen.
Als nächsten Schritt lernen wir, zwischen menschlicher Sprache und übler Nachrede zu unterscheiden.
Als nächsten Schritt lernen wir, zwischen guten Gedanken und bösen Gedanken zu unterscheiden. Unseren guten Gedanken folgen die guten Taten, welche uns laut der   Thora von Gott heilig machen.
Auf den Wolken kann man das nicht lernen, nur auf der Erde.

Nach der Geburt haben wir gelernt, wie man auf zwei Füßen aufrecht geht.
Wie haben wir das geschafft?
Wir sind in kleinen Schritten immer wieder gefallen und immer wieder aufgestanden.
Jetzt üben wir, auf allen unseren menschlichen Ebenen mit Gott aufrecht nach vorne zu gehen. Wenn wir fallen, dann stehen wir wieder auf und gehen zu Gott weiter. Du gehst immer und immer auf deinem Weg vom eigenen „Ich“ zum „Du“ , deinem Mitmenschen, und danach gehen Sie beide zum „Ich bin der Ich bin“ unseres Gottes. Auf diese Art und Weise bauen wir zusammen unsere LJGH, in der Sie noch Menschen treffen können, die ein Paradies für ihre Mitmenschen sind, ein Paradies auf der Erde, und sogar in der Hölle der Menschenfeindlichkeit…Das ist gemäß der Thora die Bedeutung „heilig zu sein“.
Liebe Freundinnen und Freunde, ich wünsche ihnen einen heiligen und friedlichen Schabbat.

 

Landesrabbiner Dr. Navon in der Liberalen Jüdischen Gemeinde zu Hamburg

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Das Wort des Rabbiners zu Pessach 5777


Pessach ist „Zeman Cheruteinu“ – das Fest unserer Freiheit! - „Rabbi Jehoschua, Sohn des Levi, sagte: Und es steht geschrieben über die Gesetzestafeln [2. Mos. 32,16]: Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. - Du sollst aber nicht Charuth lesen, was ' (Schrift) eingegraben' bedeutet, sondern du sollst Cheruth lesen, was 'Freiheit' bedeutet, denn ein Freier ist nur, wer das Gesetz (die Tora) erforscht. Wer das Gesetz erforscht, wird auch erhöht ...“ (Mischna, Sprüche der Väter, Kapitel 6).
Pessach fordert uns noch immer dazu auf, zu unserer persönlichen sowie zu unserer kollektiven Freiheit als Jüdische Gemeinde zurückzukehren!
Zu unserer Nacherzählung des Auszugs aus Ägypten an Pessach gehört auch die Erinnerung an den Auszug aus den Gruben der Schoa. In der LJGH zu Hamburg erinnern wir an die Geschichte des Israelitischen Tempels in Hamburg! Die Gemeinde dieser Tempelsynagoge hat statt der Opfertheologie, die sich im Zentrum des alten Tempels vor 2000 Jahren verbirgt, die Theologie der inneren Erneuerung und Selbstverwirklichung weiter entwickelt, die Theologie der Menschlichkeit und der Mitmenschlichkeit. Vierhundert jüdische Kinder haben diesen israelitischen Tempel in der Oberstrasse 120 sogar in der schrecklichen Nazi-Zeit besucht. Eine von ihnen, die Zeitzeugin Eva Stiel erzählt darüber: „Wir haben, wie die ersten liberalen Juden, unsere Glaubenshaltung aus der Welt des Zweifels gewonnen. In der Auseinandersetzung mit dem Alten haben wir sehen und urteilen gelernt. Jeder neue Schritt verlangt von uns Selbständigkeit im Denken und Entscheiden. Würden wir diese Selbständigkeit aufgeben und stattdessen uns blind und kritiklos der Tradition
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überliefern, so würden wir das Beste in unserem Tun aufgeben, nämlich die innere Lebendigkeit und Ehrlichkeit. Wir wollen nur das von der Tradition übernehmen, was wir als ganze Menschen mit Verstand und Herz verwirklichen können. Wie groß die Auswahl des Übernommenen sein wird, können wir heute noch nicht übersehen. Fest aber steht, dass wir nicht ohne eigene innere Anteilnahme nachahmen wollen, was nur die alte Erstarrung, die die ersten Begründer bekämpften, mit sich bringen würde. Hier ist endlich der Platz, zu sagen, was uns von den Tempelgründern trennt und was uns mit ihnen verbindet. Das Neue und Trennende ist der wiedererwachte Glaube an den lebendigen Gott der Bibel und die höhere Wertschätzung der jüdischen Tradition. Was uns mit ihnen verbindet, ist unsere innere Selbständigkeit der Tradition gegenüber, und das wollen wir als ein Vermächtnis aufnehmen und weiterpflanzen“.1 Die liberalen Juden versuchen nach der Shoah, nach Hamburg zurückzukehren, um diesen Weg als ganze Menschen mit Verstand und Herz fortzusetzen. Wer die Thora mit offenen Augen erforscht, der weiß, dass der Weg zur persönlichen Freiheit durch die Beziehung zwischen den Menschen verläuft. Dafür brauchen wir unsere lebendige liberale jüdische Gemeinde zu Hamburg!
Wer lernt, jeden Tag seine Mitmenschen mit Liebe und Würde zu behandeln, der wird von Gott erhöht:
„Was wir an unseren Mitmenschen tun, ist Gottesdienst“ (Leo Baeck). 1 Andreas Brämer, Judentum und religiöse Reform: Der Hamburger Israelitische Tempel 1817 - 1938, S. 86 – 87.
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Das ist auch das Grundprinzip für die liberale jüdische Gemeinde zu Hamburg. Aber dieser Weg ist heute nicht einfach: die antidemokratischen Kräfte, sowohl in der äußeren Gesellschaft als auch unter Juden, versuchen, die LJGH zu versklaven oder sogar zu eliminieren. Das ist keine Überraschung für uns, wenn wir nüchtern die allgemeine Situation beobachten: die ganze Welt leidet wieder unter dem Terror der Unmenschlichkeit, der versucht, andere Menschen zu erniedrigen und zu vernichten. Jeder selbstgebastelte Machthaber der verschiedenen religiösen Gemeinschaften kann diese Welle nutzen, um die religiösen Gefühle seiner Mitmenschen für seine politischen Zwecke zu missbrauchen. Aber die Geschichte von Pessach, und besonders diese Geschichte, die uns die Kinder des Hamburger Israelitischen Tempels erzählen, fordert von uns, keine Angst vor den kleinen und großen selbsternannten „Pharaonen“ zu haben, sondern „unsere innere Selbständigkeit gegenüber der Tradition weiterzupflanzen“ und so zusammen unsere Würde und Freiheit zu schützen!
In dieser schwierigen Zeit können wir unsere Mitmenschen in der LJGH mit noch größerer Aufmerksamkeit und Würde behandeln, um damit einen ständigen Widerstand gegen die Welle der Unmenschlichkeit zu leisten.
Liebe Freunde/innen, ich habe vor Pessach Herrn Gerhard Schmal besucht. Er ist schon seit mehr als zehn Jahren Mitglied unserer Gemeinde. Nicht alle kennen ihn, weil er sehr krank ist. Deshalb möchte ich Ihnen noch mal seine Geschichte erzählen:
Herr Gerhard Schmal (Ben ben Rachel):
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Gerhard Schmal wurde 1946 geboren. Er kam unter furchtbaren Bedingungen auf die Welt.
Er hat sich aber bis heute sein Leben und seinen festen jüdischen Glauben bewahrt. Er war in seiner aktiven Zeit als Sozialpädagoge viel für andere Menschen da, denen es ebenfalls schlecht ging und er hat sich immer für die Menschlichkeit eingesetzt.
Durch sein autobiografisches Erzählen, in persönlichen Gesprächen, erfahren wir, wie leidvoll und schwer sein Leben war - und bis heute ist.
Seine Mutter, Rachel Schmal, hatte das KZ Auschwitz überlebt. Rachel Schmal hatte so viel Schreckliches, Todbringendes gesehen und erlebt, aber trotz allem zog sie ihn liebevoll auf, solange sie das konnte. Sie starb als junge Frau an den Folgen des KZ-Aufenthaltes. Da war er gerade mal 11 Jahre alt. Sie war eine liberale Jüdin, die ihren Sohn Gerhard immer gelehrt hat, seinen Glauben nie aufzugeben!
Nach ihrem Tod wurde der Junge Gerhard in ein Kinderheim gebracht, das von der katholischen Kirche in Süddeutschland betrieben wurde. Gerhard Schmal wurde dort sehr schlecht behandelt. Man wollte ihn dazu zwingen, seinen jüdischen Glauben aufzugeben und zum katholischen Glauben überzutreten. Er musste schon als Junge hart arbeiten.
Als er endlich alt genug war, dieses Kinderheim in einem Kloster verlassen zu können, versuchte man, ihn zu entmündigen. Er schaffte es aber, sich dagegen zu wehren und begann eine Ausbildung als Sozialpädagoge. Diesen Beruf hat er sehr geliebt und sich dann in seinem Arbeitsleben Haftentlassenen, Jugendlichen und
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anderen sehr gefährdeten Menschen zugewandt. Er war erfolgreich und anerkannt in seinem Beruf.
Dann zog er nach Hamburg-Bergedorf. Dort habe ich ihn mehrmals besucht, weil er seit ungefähr 3 Jahren an einer sehr schwierig zu behandelnden Krebserkrankung leidet. Er ist sehr abgemagert und kann kaum noch etwas essen. Er bekommt große Mengen Morphium gegen die Schmerzen. Und er ist sehr allein dort in Bergedorf. Er gehört zu unserer Liberalen Jüdischen Gemeinde hier in Hamburg.
Seine Mutter hat viel Jiddisch mit ihm gesprochen. Er hat seine Kippa, seinen Tallit, seinen Tanach, seinen Siddur und eine ganze Menge jüdisch-theologischer Literatur zu Hause. Er hat sein Wissen über die Bibel und den jüdischen Glauben immer weiter vervollständigt und voran gebracht. Für seinen pädagogischen Unterricht hat er eine Sammlung von Dokumentarfilmen über Auschwitz und andere Konzentrationslager angelegt. Es sind Filme darunter, die es nur sehr schwer zu kaufen gibt. Er hat sie immer wieder ausschnittweise - vor allem in Schulen - gezeigt, wenn er die Möglichkeit dazu hatte.
Gerhard Schmal ist ein sehr beeindruckender jüdischer Mann. Seine Geschichte und sein ganzes Leben ist für uns ein Wegweiser. Gott hat ihm sein Leben geschenkt, Gott ist sein Vater. Er gab ihm all diese Kraft und Liebe und seine Möglichkeiten, sich für eine menschlichere Welt einzusetzen.
Gerhard will Euch allen etwas sagen! Seine Mutter und er waren in einer liberalen jüdischen Gemeinde in Belgien. Es war eine kleine bescheidene Gemeinde, nur zehn Menschen, aber sie hatten eine Orgel in der Synagoge. Die orthodoxe jüdische Gemeinde dort wollte die liberale jüdische Gemeinde schließen! Aber die liberalen
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Juden hielten zusammen und haben nicht aufgegeben. Das will Euch heute Gerhard Schmal sagen:
„Haltet zusammen! Gebt euren Glauben nicht auf!“
Lassen Sie nicht zu, dass unsere LJGH mit den Füßen getreten wird. Wir sind kein „Russischer Klub“, wie einige Personen, die es lieben, Laschon ha-Ra unter Menschen zu verbreiten, es schon vielen Jahren sagen. Wir sind liberale moderne Jüdinnen und Juden aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Sprachen und Erfahrungen, aber wir alle haben etwas gemeinsam: Wir sind alle aus den Gruben der Schoah herausgekommen, aus den Gruben der Unmenschlichkeit, und wir werden nie wieder in diese Gruben zurückgehen! Deshalb sollen wir jetzt zusammenhalten und unseren jüdischen liberalen Glauben nicht aufgeben!
https://www.youtube.com/watch?v=4uGPnKuav3c
Liebe Freunde, ich wünsche Ihnen ein fröhliches und freies Pessach, und ich freue mich, mit Ihnen den Pessach-Seder zu feiern und Sie dann am Pessach–Schacharit zur Thora aufzurufen!
Liberaler Landesrabbiner Dr. Moshe Navon der LJGH für Hamburg.

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Der wöchentliche Toraabschnitt Wajikra

– Was ist das Opfer im Judentum?

„Die Opfergesetze sind für uns wie ein Buch mit sieben Siegeln. Wir begreifen weder ihre grundlegende Bedeutung noch die Absicht ihrer Vorschriften und Regelungen. In der Tat mag ihr Aufhören seit der Zerstörung des Tempels unsere Gefühle für die Opfer abgestumpft haben. Auch die Zehn Gebote, welche die gesamte Thora repräsentieren, erwähnen die Opfer nicht. Wer nicht sündigt, muss keine Opfer darbringen, und wird von Gott denen vorgezogen, die sündigen und dafür mit Opfern büßen. Daher stellt Schemuel fest: "Hat der Ewige etwa ein solches Wohlgefallen an Brandopfern und Schlachtopfern wie am Gehorsam gegen den Befehl des Ewigen? Siehe, Gehorsam ist mehr wert als Opfer, Demut ist besser als das Fett von Widdern." (I Sam. 15, 26) (Frau Prof. Dr. Nechama Leibowitz)

Sehen Sie, das Judentum entwickelt schon seit mehr als 200 Jahren eine Theologie der Selbstverwirklichung anstatt des Opferdienstes! Deshalb fangen wir das Grundgebet des Judentums – die Amida, das an der Stelle der Tempelopfer in unserem offenen Gottesdienst wirkt - mit den folgenden Worten an: „Ewiger, tue meine Lippen auf, damit mein Mund dein Lob verkündige!“, - und wir meinen damit:

17 „Ewiger, tue meine Lippen auf, damit mein Mund dein Lob verkündige!

18 Denn an Schlachtopfern hast du kein Wohlgefallen, sonst wollte ich sie Dir geben;
Brandopfer gefallen Dir nicht.

19 Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein zerbrochener Geist;
ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten.“ (Ps. 51)

Aber, eine Minute, was bedeutet ein zerbrochener Geist für moderne Menschen?

Was bedeutet heute ein zerbrochenes Herz?

  • Ein Mensch, der an allem völlig verzweifelt? Ein Mensch, der das Vertrauen in die eigene Kraft völlig verloren hat. Ein Mensch, der die innere Vitalität verloren hat. Ein Mensch, der keine Motivation mehr hat,zu leben und zu arbeiten und glücklich zu sein.

Ist es wirklich so, dass solch eine menschliche Tragödie ein gefälliges Opfer für den Gott Israels ist? Ist es wirklich das, was sich Gott, dem das Jüdische Volk Tag und Nacht während vieler Tausender Jahre dient, vorstellt?

Sie werden sicher überrascht, aber es gibt noch viele religiöse Juden, die genau so denken. Entweder sie verwandeln sich in die Opfer der Willkür von fundamentalistischen religiösen Funktionären oder sie selbst werden bedauernswerte Monster, die im Namen der Religion die Seelen anderer Menschen zu zerstören versuchen, so dass es dann später einfacher für sie ist, die erschöpften Menschen als Opfer für ihre Interessen zu opfern.

Heute erstickt die ganze Welt an diesem „Heiligen“ aus den verschiedenen Religionen, und niemand  weiß, wie wir mit diesen Phänomenen umgehen können. Aber, bitte, haben Sie keine Angst, und leben Sie nicht unter solch einem Diktat! Wie es in einem anderen Psalm gesagt wurde: „Sie kamen aus dem Staub und sie werden zu Asche werden! An diesem Tag zerbrechen alle ihre bösen Pläne  und sie verschwinden in einem Augenblick! " (Vergl. Psalm 146 , 3-4:

תֵּצֵא רוּחוֹ יָשֻׁב לְאַדְמָתוֹ בַּיּוֹם הַהוּא אָבְדוּ עֶשְׁתֹּנֹתָיו

 

Lassen Sie uns der alten Sprache der Bibel zuhören: „Opfer“ auf Hebräisch – Korban ( קורבן  ) – mit einer ähnlichen Wurzel wie der Begriff Kirwa ( קרבה  ) - Nähe. Unsere Tradition sagt, dass wir das, was wir verloren haben, als Besitz vor Gott darbringen. Du bringst zu ihm dein Leid, deine Leere, deine Verzweiflung, weil Er dein liebevoller wahrer Arzt ist:

« 3Er heilt, die zerbrochenes Herzens sind, und verbindet ihre Schmerzen.

4Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.». Psalm 147

 

Du bist für Ihn ein strahlender Stern. Er will deinen Name ehren!

Dein Ego ist rund um dein „Ich“ als eine harte Schale gewachsen, das Licht deiner Persönlichkeit fällt durch dein  Ego wie durch ein kosmisches schwarzes Loch; aber grausame Lebensumstände brechen die Schale deines Ego auf und Du bleibst zurück als dein einsames, im Stich gelassenes „Ich“ - ohne die übliche Komfortzone . Bring deine Einsamkeit und Verlassenheit vor  Gott. Dies ist das Opfer, das  Gott gefällig ist:

«Öffne meine Ohren und öffne meine Lippen. Erschaffe mir, o Gott, ein reines Herz,
und gib mir von Neuem einen festen Geist in meinem Innern!» (Ps. 51)

 

 

Am 10. April feiern wir den Seder-Pessach, kommen Sie, bitte alle! Und am 11. April, am Dienstag um 11 Uhr, lesen wir aus unserer Thorarolle vor, wegen des großen Festes Pessach. Dies ist auch ein wichtiges Ereignis für alle Juden, die ihr Leben in Hamburg mit Ehre und in Freiheit und in Friede fortsetzen wollen!

Alle Juden, denen ihre Ehre und Freiheit wichtig ist, alle Juden, die die alte Weisheit und die Erfahrung unserer Vorfahren aus allen Generationen hier in Hamburg schützen wollen, versuchen Sie, an diesem Tag zur Thorarolle zu kommen!

 

Schabbat Schalom

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon, LJGH für Hamburg!

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Der wöchentliche Toraabschnitt,

Schabbat ha-Chodesch, Wajakhel-Pekudei, 27 Adar, 5777, mewarchim Chodesch Nissan (27.03-28.03.2017).

 

Am Anfang unseres Wochenabschnittes — Wajakhel — lesen wir:

„Und Mose versammelte die ganze Gemeinde der Kinder Israels und sprach zu ihnen:  Das ist's, was der Ewige  geboten hat, das ihr tun sollt: Sechs Tage sollt ihr arbeiten; den siebenten Tag aber sollt ihr heilig halten als einen Schabbat der Ruhe des Ewigen.  Wer darinnen* arbeitet, soll sterben.  (2 Mose 35, 1 -3).

Der Schabbat ist ursprünglich der Ruhetag für alle Menschen. Gemäß der Thora schuf Gott am sechsten Schöpfungstag den ersten Menschen:

 „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde… (1. Mose 1, 27 – 28)“.

Das bedeutet: Gottes Bild erfüllt sich in seiner Vollkommenheit in dem lebendigen Treffen zwischen Mann und Frau. Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus ihrer Herzen. Sie schaffen durch ihre gegenseitigen Beziehungen das dynamische Abbild Gottes. Ihr Segenskreislauf kann sich unter allen Menschen der Erde ausbreiten, damit sie Gottes Abbild in der Menschheit vermehren. Aber von wo können Menschen so viel Energie beziehen? - „Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.“ (Bereschit 1,27). Nun kann die Schöpfung, das Abbild, sich mit dem Urbild selbst treffen, um aus dem Treffen mit Gott selbst, - mit der Quelle des Lebens – um an diesem Ruhetag die lebendige Energie zu schöpfen.

Es ist ein Geheimnis für das ganze Volk Israel: die lebendige innere Balance in sich selbst und mit den MITMENSCHEN zu bewahren.

Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus der Herzen. Ihr Segenskreislauf breitet sich unter allen Menschen auf der Erde aus.

Das ist Schabbat, ein Ruhetag in dem Licht der Ewigkeit!

Liebe Freunde und Freundinnen,

Wir hatten am vergangenen Samstag, dem 18. März 2017, einen sehr berührenden Minjan versammelt. Minjan in der jüdischen Tradition ist eine besondere Gruppe der Betenden - zehn erwachsene Mitglieder der Gemeinschaft. Wenn es einen Minjan gibt, können wir die Thorarolle öffnen und sieben Personen nacheinander zur Thora aufrufen. Nach jedem Abschnitt der Thora liest die ganze Gemeinde zusammen mit dem Rabbiner einen besonderen Segen für die, die zur Thorarolle aufgerufen waren, für ihn oder sie und für ihre ganze Familie. Unsere Vorfahren stiegen am Schabbat zur Thora auf  in der Hoffnung, dass wir, wenn wir geboren werden, weiterhin zur Thorarolle aufsteigen!

Am vergangenen Samstag wurden Mitglieder unserer LJGH zur Thora aufgerufen, die bereits im fortgeschrittenen Alter sind. Zum ersten Mal wurden ihre Namen vor der Thorarolle genannt, so wie die Namen ihrer Vorfahren vorher während tausenden von Jahren. Sie kamen zur Thora für unsere Freiheit und Unabhängigkeit und Würde! Der Kreis des Segens, der durch zwei Diktaturen zerrissen wurde, ist wieder geschlossen, und der Gott Israels belebt die Seelen der Töchter und der Söhne Israels wieder.

Wir versammeln uns wieder zum Minjan als Rückkehr zu unseren Wurzeln am großen Feiertag Pessach am 11. April am Morgen um 11 Uhr. - Für unsere gemeinsame Freiheit und Unabhängigkeit und Würde!

Wie Sie bereits wissen, waren wir endlich in der Lage, unsere Thorarolle zu erneuern! Rabbinerin Hanna Klebansky aus Israel, die die Thorarolle  repariert hat, sagte zu uns allen: "Um die Thorarolle gut zu pflegen, soll sie ständig gelesen werden."

Sefer Tora - ist das Herz unserer LJGH. Für unsere Freiheit und Unabhängigkeit und Würde tragen wir die Thorarolle von Schabbat zu Schabbat, um sie an zukünftige Generationen weiterzugeben !

Wer will, kann noch für die Reparierung der Thorarolle spenden!

Schabbat Schalom!

Dr. Navon,

liberaler Landesrabbiner der  LJGH

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Der wöchentliche Toraabschnitt,
Ki Tissa - 20. Adar 5777

(Schemot-Ex. 30,11 - 34,35) Haftara: Jecheskel 36, 16-38

In unserem Thoraabschnitt erfahren wir, wie Moshe Rabeinu (Mose) die Bundestafeln zerbricht:

„15 Mose aber wandte sich um und stieg vom Berg hinab, die zwei Tafeln des Bundes in seiner Hand; diese waren auf beiden Seiten beschrieben, vorn und hinten waren sie beschrieben.

16 Und die Tafeln waren das Werk Gottes, und die Schrift war die Schrift Gottes, eingegraben in die Tafeln.

17 Als nun Josua das Geschrei des Volkes hörte, das jauchzte, sprach er zu Mose: Es ist ein Kriegsgeschrei im Lager!

18 Er aber antwortete: Das klingt nicht wie Siegesgeschrei oder wie Geschrei der Niederlage, sondern ich höre einen Wechselgesang!

19 Es geschah aber, als er nahe zum Lager kam und das Kalb und die Reigentänze sah, da entbrannte Moses Zorn, und er warf die Tafeln weg und zerschmetterte sie unten am Berg.

20 Und er nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und verbrannte es mit Feuer und zermalmte es zu Pulver und streute es auf das Wasser und gab es den Kindern Israels zu trinken“. (Schemot = 2 Mose 32)

Moshe erhielt die „heiligen Tafeln des Bundes“ von Gott selbst, und er zerbrach sie, als wären sie leere, unbeschriebene Steine! Einige, besonders fromme, Juden können jetzt Moshe verurteilen: „Er zerbrach das Heiligtum des Heiligtums des jüdischen Volkes! Es ist eine Entweihung des Gottesnamens!“ – Hören Sie diese Stimmen in jüdischen Gemeinden auch heute? Kennen Sie diese „frommen“ Stimmen der Machthaber, die unverschämterweise ihren Mitmenschen deren Freiheit und ihre Würde im „Namen der jüdischen Tradition“ rauben?! Es ist nur für Feiglinge ein Geheimnis, dass diese Machthaber heute nicht nur unter radikalen Islamisten oder fundamentalistischen Christen existieren, sondern sehr gern auch in der jüdischen Gemeinschaft! Aber dies ist die Mentalität der götzengläubigen Menschen, die vor dem Goldenen Kalb in der Wüste Sinai tanzen, während Moshe sich gleichzeitig auf dem Berg Sinai um ihre Freiheit kümmert und die Tafeln der Freiheit vorbereitet!

Bitte lesen Sie nochmal diese Verse in der Thora, mit großer Aufmerksamkeit, um etwas Neues für sich von der alten Weisheit der Thoralehrer zu lernen. Moshe lehrt uns hier, dass alle äußeren Symbole und Rituale in der jüdischen Tradition nur dann gültig sind, wenn die jüdische Gemeinschaft nicht die Sklaven von Vorurteilen und Stereotypen sind, wenn sie frei sind von ihrem Stolz und ihrer Gier. Wenn sie frei sind für JHWH, Israels Gott. - Das ist alles, was auf die Tafeln des Bundes  geschrieben wurde: oder „Liebe“ oder „Freiheit!“, weil die Freiheit vor Gott die Liebe von Gott ist.

Die Sehnsucht nach Freiheit allen Hindernissen zum Trotz verbirgt sich in der Mündlichen Thora. Lesen Sie bitte die folgende Auslegung:

„Rabbi Jehoschua, Levis Sohn, sagte: … Und es steht geschrieben über die Gesetzestafeln [2. Mos. 32,16]: Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. - Du sollst aber nicht lesen Charuth, das ist: eingegraben, sondern Du sollst lesen Cheruth, das ist: Freiheit, denn ein Freier ist nur, wer das Gesetz (Tora) erforscht.

Wer das Gesetz erforscht, wird auch erhöht ... (Mischna, Sprüche Der Väter, Kapitel 6).

Erhöht, sage ich Ihnen, zu Gottesliebe, die echte Freiheit für jeden Menschen ist, auch für fromme Juden, und auch für die jüdischen Agnostiker und auch für die  jüdischen Atheisten. 

„Allerdings – so fragt mich der Atheist – wo sind jetzt die Bruchstücke der Tafeln des Bundes, in welchem Museum? Und wo sind die zweiten Tafeln des Bundes, die im Heiligtum des Heiligtums des Volkes Israels bewahrt wurden? Wer hat sie zerbrochen und weggeworfen? Eigentlich hat das Judentum schon lange keine Beweise mehr!“

Jetzt hören Sie bitte meine einfache Antwort: „Du hast das gemacht! Und ich auch! Und wir alle machen das schon 3300 Jahre! Eine so lange anti-jüdische Tradition, die sich noch immer in der jüdischen Tradition versteckt! Die götzengläubigen Machthaber würden gern auch heute Rufmord an Moshe verüben wegen dieser Aussagen. Moshe Rabbeinu hat das sicher gewusst. Lesen Sie, bitte, nochmal, was er mit diesen versklavten Machthabern gemacht hat: „Und er (Moshe) nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und verbrannte es mit Feuer und zermalmte es zu Pulver und streute es auf das Wasser und gab es den Kindern Israels zu trinken“ (ibid).

Seitdem tragen wir, die Kinder Israels, das Pulver des goldenen Kalbes in unserem Magen und Darm (tractus digestivus), aber die Bruchstücke der zerbrochenen Tafeln des Bundes in unserem Herzen! Es ist eigentlich das zerbrochene Bild Gottes im Menschen, das nach Freiheit strebt, das ohne Liebe blutet! Aber seien Sie nicht enttäuscht:  Wir können diese Bruchstücke in unserer Seele LANGSAM zusammensammeln, Schritt für Schritt, in kleinen Schritten, wie ein Puzzle, um die ganzen Tafeln für sich selbst zu entdecken! Das ist eigentlich der Gottesdienst. Das werden wir versuchen in unserem Beit Midrasch mit Moshe Rabbeinu weiter zu lernen!

 - Aber wie kann man seinen Darm von dem antiken Pulver des goldenen Kalbes befreien?

 - Fragen Sie bitte Ihren Hausarzt!

Zusammenfassung:

Das Bild Gottes im Menschen ist wie eine zerbrochene Vase: Je mehr die götzengläubigen Machthaber im Verlauf der Geschichte unmenschliche Katastrophen verursachen, desto mehr Scherben sind in der Seele der Mitmenschen. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit für die Errettung der Welt vor der totalen inneren Zerstörung: Jeden einzelnen Mensch so zu behandeln, als wäre er der einzige Mensch auf der ganzen Welt, wie eine zerbrochene Vase, die letzte im ganzem Weltall!

Das bedeutet, die Tafeln des Bundes Schritt für Schritt aufzusammeln!

Wollen wir es tun?

Wenn „Ja“, dann kommen Sie bitte zu unserem regelmäßigen Unterricht am Schabbat-Schaharit, einmal pro Monat, um die Thora zu hören (Sie finden die Termine in unseren Monats-Flyern)!

נעשה ונשמע

Schabbat Schalom

Dr. Navon, Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg!

__________________________________________________________________________ Gab es Leben auf dem Mars?

Der Mars war einmal ein sehr gemütlicher Planet mit einer außergewöhnlichen Atmosphäre. Das Leben auf dem Mars konnte sich in diesem Gewächshaus viel schneller als auf der Erde entwickeln. Wie die marsianischen Leute sagten, lieber näher an der Sonne, als an der kalten Erde leben!

Diese hochentwickelte Zivilisation auf dem Mars hatte auf der Basis einer genialen Theorie der Magnetfelder eine sehr effektive Waffe geschaffen, schon lange vor der Steinzeit der Menschen.

Die marsianischen Kriege zerstörten aber schnell den Magnetfeldschutz des Planeten und seine Atmosphäre wurde abgestreift. Mars verwandelte sich in die ewige rote Wüste.

Die sich sehr langsam entwickelnden Erdlinge schickten schließlich einen neugierigen Roboter auf den verlockenden Planeten Mars. Der Roboter hat alle Ecken dieses riesigen Wüstengrabes untersucht, bis er die goldenen Platten mit einem hauchdünnen Relief entdeckte – es waren versteckte semantische Zeichen.

Einhundert Wissenschaftler untersuchen seitdem Tag und Nacht die Aufnahmen von den goldenen Platten, um die Mars-chroniken zu entziffern, aber die Regierung hat entschieden, auf eine vorzeitige Veröffentlichung zu verzichten.

Der Geheimdienst hat empfohlen, die Entdeckung vorerst geheim zu halten, in der Hoffnung, dass unter den gefundenen Datensätzen eine Formel der alten magnetischen Waffen vom Mars entdeckt wird.

Allerdings, ich habe ein kleines Fragment aus der marsianischen Geschichte, ein Fragment ohne großen wissenschaftlichen Wert für die Armee, bekommen – natürlich  unter der strengsten Schweigepflicht. Umso interessanter für mich, diese einzigartige Entdeckung mit Ihnen zu teilen - aber natürlich, unter der strengsten Schweigepflicht.

"... Im 15 Jahr der Regierung von Nil-Ats, dem Vater des marsianischen Volkes, wurden zwei junge Marsianer - Mleh-Liw und Tum-leh - freundlicherweise für die Ausbildung  ihrer guten Manieren in eine Spezialschule in der roten Wüste geschickt. Mleh-Liw und Tum-leh waren wegen ihrer dummen Unerfahrenheit nicht in der Lage gewesen, zu verstehen, wie barmherzig und edel Nil-Ats, der Vater des marsianischen Volkes war. Die jungen Mleh-Liw und Tumleh hatten eine Untergrund-Zeitung verbreitet, in der sie betonten, dass Nil-Ats ein wirklich schrecklicher Diktator sei. Er sei gleichzeitig ein Richter, ein Staatsanwalt und ein Henker. Er würde Konzentrationslager in wasserloser roter Wüste bauen, in denen schon bereits ein Viertel des marsianischen Volkes ermordet worden sei und noch andere schreckliche Verleumdungen gegen den Vater des Vaterlands veröffentlichten sie…

Nil-Ats, der Vater des marsianischen Volkes, hat sich besonders darum gekümmert, dass die Würde aller Marsianer unantastbar sei,  besonders seine eigene Würde,  deshalb schickten seine Beamten die siebzehnjährigen unerfahrenen Freunde sofort in eine Spezialschule in der roten Wüste!

Der Vater des marsianischen Volkes starb nach 43 Jahren Herrschaft im Alter von 120 Jahren.

Der neue Führer des marsianischen Volkes, Rel-Tih, begnadigte die ganze Generation von Mleh-Liw und Tum-leh, um Platz zu schaffen für die edle Erziehung der neuen jungen Generation!

Mleh-Liw und Tum-leh kehrten in ihre Heimatstadt zurück und bekamen sofort eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Es war für sie ein großer Luxus! In der Schule der edlen Erziehung, die in der roten Wüste war, hatten sie viele Jahre auf  Pritschen in vier Etagen geschlafen. Jede Pritsche war einen Kilometer lang.

Mleh-Liw war agiler und fähiger für Handarbeiten. Er baute schnell die Wohnung nach ihrem Geschmack um. Er befestigte Gitter aus Stahl an den Fenstern gegen die vielen Diebe und setzte auch spezielle Schlösser gegen Räuber in jede Zimmertür. Jede Tür wurde mit Stahl ausgekleidet und bei Gefahr könnten die Bewohner sie leicht unter Strom setzen. Falls Banditen die Außentüren aufbrechen könnten, bräuchten sie noch viel Zeit, um sich  Zugang zu den inneren Räume zu verschaffen. Mleh-Liw hat ausserdem noch  ein hochmodernes Alarmsystem installiert! Die Polizei könnte zu jeder Zeit schon beim ersten Signal erscheinen. Ja, Mleh-Liw war ein schlauer Kerl!

Die neue Wohnung war nach drei Tagen geschützt und fertig. Mleh-Liw saß mit Tum-Leh in seinem Zimmermit einer Flasche Wodka im Bewusstsein der völligen Sicherheit. Die beiden Freunde feierten ein bescheidenes Fest, um den erfolgreichen Abschluss der Arbeiten zu feiern. Tum-Leh wusste nicht, wie er seinem alten Freund danken könne.

In eine solchermaßen geschützte Wohnung könnte man ohne Zweifel in der Zukunft eine gute Ehepartnerin einladen!

Mleh-Liw aber war bescheiden und wollte die Dankbarkeitsbezeugungen gar nicht hören. Er stand auf, um in die Toilette zu gehen, ging aus Zimmer und schloss die Tür mit einem Schlüssel von außen.

"Was für ein Witz!“ - rief Tum-Leh - “öffne sofort die Tür und gib mir meinen Schlüssel zurück!".

"Alles in Ordnung“, - versicherte ihm Mleh-Liw – “unser großer Führer Rel-Tih hat den Befehl gegeben, Privatschulen für die Umerziehung des Volkes in jedem einzelnen Haus, in allen Städten und Dörfern zu schaffen, da die Schulen in der roten Wüste schon lange nicht mehr ausreichen. In dieser Situation ist jeder von uns verpflichtet, sich um seinen geliebten Freund persönlich zu kümmern! ".

"Warte, warte!“, - rief Tum-Leh - “und warum ich über diesen Befehl in der Presse oder in öffentlichen Versammlungen nichts gehört?!"

" Fürsorglichen Freunde haben sich selbst an die Beamten gewandt, um über die  Fehler ihrer Mitbewohner  zu berichten. Sie und nur sie haben danach das Zertifikat erhalten, eine Privatschule zu Hause zu öffnen!"

"Also spionierst du mich aus? – Tum-Leh war wütend – „Oh, du ... (hier konnten die Wissenschaftler  die marsianische Idiome nicht entziffern) ... !!! "

"Du bist in guten Händen“ - sagte ruhig Mleh-Liw –  “Wasser und Brot wurden für dich bis deinem sorglosen Tod zur Verfügung gestellt!"

"Na, ja“ - plötzlich schien Tum-Leh nüchtern und ruhiger zu werden – “in einem Land, wo jeder zweite Bürger ein Gefangener ist, soll jeder erste ein Wachmann sein!  Zu diesem Zeitpunkt kommst du zuvor, aber es ist eindeutig nicht für lange. In der roten Wüste wächst  eine neue Generation von Aufsehern - alle diejenigen, die noch in der Lage sind, auf Kosten der anderen zu überleben! Aber was ist das für Leben? "

Fragen Sie mich noch nach dieser decodierten Geschichte: "Gab es Leben auf dem Mars?".

Also, ich antworte Ihnen mit der Frage des marsianischen Bürgers: „Aber was ist das für Leben?!“

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Liebe Freunde und Freundinnen,

ich gratuliere Ihnen zur  Entdeckung der Mars-Chroniken. In den folgenden Thoraabschnitten lernen wir, welche Verbindungen die rote Mars-wüste und die graue Wüste Sinai in der menschlichen Geschichte haben.

Unten zitieren wir nur einige Fragmente aus der Chronik der Wüste Sinai für die künftigen Forschungen: 

Darum sage den Kindern Israels: Ich bin der Ewige, und ich will euch aus den Lasten Ägyptens herausführen und will euch aus ihrer Knechtschaft erretten und will euch erlösen[c] durch einen ausgestreckten Arm und durch große Gerichte.

Und Mose sagte dies den Kindern Israels. Sie aber hörten nicht auf ihn vor Missmut und harter Arbeit. 2Mose 6,6-9

Und die Kinder Israels handelten nach dem Wort Moses und forderten von den Ägyptern silberne und goldene Geräte und Kleider.

Dazu gab der Ewige dem Volk bei den Ägyptern Gunst, dass sie ihr Begehren erfüllten; und so beraubten sie Ägypten. 2Mose 12,35-36.

17 Und es geschah, als der Pharao das Volk ziehen ließ, da führte sie Gott nicht auf die Straße durch das Land der Philister, obwohl sie die nächste war; denn Gott sprach: Es könnte das Volk reuen, wenn es Kämpfe vor sich sehen würde, und es könnte wieder nach Ägypten umkehren.

18 Darum führte Gott das Volk einen Umweg durch die Wüste am Schilfmeer.[b] Und die Kinder Israels zogen gerüstet aus dem Land Ägypten. 2Mose 13, 17-18

10 Und als der Pharao nahe zu ihnen kam, erhoben die Kinder Israels ihre Augen, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her! Da fürchteten sich die Kinder Israels sehr, und sie schrien zum Ewigen.

11 Und sie sprachen zu Mose: Gibt es etwa keine Gräber in Ägypten, dass du uns weggeführt hast, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten herausgeführt hast? 2Mose 14 10-11

Und Gott redete alle diese Worte und sprach:

2 Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter[a] neben mir haben! 2 Mose 20, 2-3

Als aber das Volk sah, dass Mose lange nicht von dem Berg herabkam, da sammelte sich das Volk um Aaron und sprach zu ihm: Auf, mache uns Götter,[a] die uns vorangehen sollen! Denn wir wissen nicht, was mit diesem Mann Mose geschehen ist, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat.

2 Da sprach Aaron zu ihnen: Reißt die goldenen Ohrringe ab, die an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter sind, und bringt sie zu mir!

3 Da riss sich das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab, die an ihren Ohren waren, und sie brachten sie zu Aaron.

4 Und er nahm es aus ihrer Hand entgegen und bildete es mit dem Meißel und machte ein gegossenes Kalb. Da sprachen sie: Das sind eure Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben! 2 Mose 32, 2-4

…..

20 Und er (Moshe) nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und verbrannte es mit Feuer und zermalmte es zu Pulver und streute es auf das Wasser und gab es den Kindern Israels zu trinken. 2 Mose 32, 20

Schließlich hören wir noch eine andere Stimme - diesmal aus der Eiswüste von Stalin!

Was sagte Ostap Bender, als er seine lang erwartete Million vom illegalem Millionär Koreiko erhielte?

" Also bin ich ein Millionär!“ - sagte Ostap mit einer fröhlichen Überraschung. – “Der Traum eines Idioten wurde erfüllt!“

Ostap wurde plötzlich traurig. Er staunte  über die  Alltäglichkeit der Situation, ihm schien es seltsam, dass die Welt sich in diesem Augenblick nicht geändert hat, und dass drumherum nichts, absolut nichts passierte." („Das goldene Kalb“ Kapitel 30, - ein in 1931 veröffentlichter satirischer Roman der sowjetischen Schriftsteller Ilja Ilf und Jewgeni Petrow).

Sie erinnern sich wahrscheinlich daran, dass Ostap Bender sich von seinem „goldenen Kalb“ an der Grenze zwischen SSSR und Rumänien verabschieden musste .

Es ist genau,  wie es den Kindern Israels passierte, die das Gold von ihren Nachbarn in Ägypten vor ihrem Auszug eingesammelt hatten. Auch sie haben diesen Schmuck wegen des goldenen Kalbes in einem einzigen Augenblick in der Wüste Sinai verloren.

Schabbat Schalom!

Liberaler Landesrabbiner Dr. Moshe Navon,

Liberale Jüdische Gemeinde zu Hamburg 5777

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Der wöchentliche Toraabschnitt, Wochenabbschnitt 
Jitro – „Anochi“ 5777

Wenn ehrlicher Dialog stattfindet, kommt unsere Seele zum Leben zurück.

Wir öffnen in dieser Woche einen neuen Abschnitt der Tora - Jitro. Dies ist einer der einfachsten und zugleich einer der schwierigsten Abschnitte der Thora, weil er die Zehn Gebote oder (in besserer Übersetzung) die Zehn Reden * (Gottes) enthält.

Alle, jede Atheistin, jeder Agnostiker, auch wenn sie noch nie etwas über die Thora gehört haben, kennen diesen Dekalog:

 

Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht morden,[1]

Du sollst nicht die Ehe brechen.

du sollst nicht die Ehe brechen,

Du sollst nicht stehlen.

du sollst nicht stehlen,

Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

du sollst nichts Falsches gegen deinen Nächsten aussagen,

Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen und du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Zehn_Gebote

Diejenigen, die die Thora studiert haben, sagen mir sofort, dass der Rabbi die ersten vier Gebote zu zitieren vergessen habe. - Nein, ich habe sie nicht vergessen, ich lese sie täglich auf Hebräisch vor dem Gebet, wie die Juden in Jerusalem während der Zeit des Tempels, aber die meisten Menschen der europäischen Kultur kennen diese Grundsätze nur als die moralischen Regeln der Gesellschaft. Sie werden mir zustimmen, dass jede Person, die aufrichtig diese moralischen Prinzipien befolgt, ein gern gesehener Gast in vielen Häusern ist, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem sozialem Status.

Aber ich möchte Sie heute einladen, etwas zu entdecken. Aus der Sicht unserer Tradition ist es nicht nur eine Liste von Regeln der Etikette, sondern ein ständiger Dialog, der seinen Sitz in der Mitte unseres Lebens hat. Wenn wir genau heute den Anfang der zehn Reden hören wollen, dann gehorchen wir endlich:

 

Ex 20,2–17 EU

Dtn 5,6–21 EU

„Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“

„Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“

„Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

„Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

„Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.“

„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.“

„Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!“

„Achte auf den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat.“

„ Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. “

An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.

An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du.

Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er.

Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt.

Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.

Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht morden,[1]

Du sollst nicht die Ehe brechen.

du sollst nicht die Ehe brechen,

Du sollst nicht stehlen.

du sollst nicht stehlen,

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Zehn_Gebote„Die Zehn Gebote beginnen mit der Erklärung:

"Ich bin (Anochi) der Ewige, dein Gott" und enden mit der Verfügung: "Du sollst nicht Gelüste tragen." /“Du sollst nicht stehlen.“

Rambam betrachtet in seinem Sefer Ha-Mitzwot und in seinem berühmten Kodex den ersten Vers des Dekalogs als positives Gebot. Mehr noch, er macht ihn zum ersten und vordersten Gebot, indem er darlegt, es verkörpere "die Grundlage der Grundlagen und der Eckpfeiler aller Wissenschaften."
Die Mündliche Thora vertieft dies noch:

„ Rabbi Jehoschua, Levis Sohn, sagte: … Und es steht geschrieben über die Gesetzestafeln [2. Mos. 32,16]: G-tt hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. - Du sollst aber nicht lesen Charuth, das ist: „eingegraben“, sondern sollst lesen Cheruth, das ist: Freiheit, denn ein Freier ist nur, wer das Gesetz erforscht. Wer das Gesetz erforscht, wird auch erhöht ... (zu Gott selbst)“ (Mischna Sprüche Der Väter, Kapitel 6)

Also, es geht nicht einfach um moralische Prinzipien. Es geht um den Dialog zwischen Ich und  JHWH, zwischen dem Volk Israel, also jedem Jude und jeder Jüdin, und JHWH. Der Dekalog, die Zehn Gebote/ das Zehnworte als Dialog! Und es geschieht nicht nur  vor 3300 Jahre, sondern hier und jetzt!

 

Ich kann schon Ihre Frage hören: "Entschuldigen Sie, bitte, Rabbi, und wo hören Sie diese Stimme? Vielleicht in der Psychiatrie?" Lassen Sie mich Ihnen ein offenes Geheimnis erzählen: "Es gibt keine unsichtbaren Stimmen, die wir hören. Wir können der Stimme der Stille unserer inneren Welt zuhören, wie es in der Bibel über den Propheten Elias geschrieben wurde: er erwartete, Gott im Donner und Feuer auf dem Berg Sinai zu hören, wie es in unserem Thoraabschnitt durch Moshe beschrieben ist, aber er hörte nur die Stimme der feinen Stille. Keine Show, sondern einfach einmal sich selbst Ruhe geben! Mit diesem Zuhören des Propheten begann vor 2800 Jahre die Wiederbelebung des Volkes Israels. Und: Mit unserem Zuhören beginnt die Wiederbelebung unserer jüdischen liberalen Gemeinde zu Hamburg.

Unsere Stärke - nicht in Kraft, sondern im Geist! Lo ba -Koah ellah ba-Ruach!

לֹ֤א בְחַ֙יִל֙ וְלֹ֣א בְכֹ֔חַ כִּ֣י אִם־בְּרוּחִ֔י אָמַ֖ר ה' צְבָאֽוֹת׃

זכריה ד ו

 

Dann hören wir nicht nur die gedruckten Worte, sondern die Stimme unserer Freiheit!

Viele unserer Zeitgenossen leben mit einem ständigen inneren Geräusch, wie ein fehlerhaftes Radiogerät und gleichzeitig strahlen ihre Nerven Störgeräusche in alle Richtungen aus. Dies ist eigentlich ein Zeichen vom "Haus der Sklaverei." Aber wenn in unseren Seelen plötzlich Ruhe und tiefe Stille herrschen, dann beginnen wir zu verstehen, was in unserem Thoraabschnitt vor 3300 Jahren gesagt wurde: "Ich bin JHWH, dein Gott ..., der dich aus dem Hause der Sklaverei herausgeführt hat ..." und es passiert jeden Moment unseres jetzigen Lebens, als natürlicher und aufrichtiger Dialog.

Dann sind wir in der Lage, die bemerkenswerten Geheimnisse der Thora zu entdecken, nicht durch inneren Monolog, sondern durch den inneren Dialog. Dekalog als Dialog!

Abschließend werde ich Ihnen damit ein Gedicht von Yehuda Amichai zitieren, dem berühmten israelischen Dichter. Er war erst 11 Jahre alt, als seine Familie 1935 aus Deutschland in das damalige Palästina auswanderte!

„Mein Vater war Gott und er wusste es nicht.

er gab mir

die zehn Gebote

nicht mit Donner und Raserei; auch nicht mit Feuer oder in einer Wolke, vielmehr in Sanftheit und liebe. und er fügte Zärtlichkeit und gütige Worte hinzu

und 'ich bitte dich' und 'bitte'. und er sang 'halte'

und 'erinnere' den Schabbat

in einer einzigen Melodie und er flehte und

weinte leise zwischen den geboten:

'du sollst den Namen deines Gottes nicht missbrauchen',

tu es nicht, missbrauche nicht, ich bitte dich, 'du sollst nicht falsch gegen deinen nächsten aussagen.'

und er umarmte mich fest und flüsterte in mein Ohr

'stiehl nicht. begehe nicht Ehebruch. morde nicht'

und er legte die Flächen seiner offenen Hände

auf meinen Kopf für den Segen am Jom Kippur.

'lebe ehrenhaft, damit du ein langes Erdenleben hast'

und die Stimme meines Vaters war weiß wie das Haar auf seinem Kopf

später wendete er mir noch ein letztes Mal sein Gesicht zu

wie an dem Tag, als er in meinen armen starb und sagte

ich möchte noch zwei Gebote zu den zehn Geboten hinzufügen:

das elfte gebot – 'verändere dich nicht.'

und das zwölfte gebot – 'du kannst dich verändern.'

so sprach mein Vater zu mir und dann wendete er sich ab und ging

und verschwand in seine fremdartigen Entfernungen“.

אבי היה אלוהים / יהודה עמיחי

אבי היה אלוהים ולא ידע.

הוא נתן לי את עשרת הדיברות לא ברעם ולא בזעם, לא באש ולא בענן אלא ברכות ובאהבה.

והוסיף לטופים והוסיף מילים טובות, והוסיף “אנא” והוסיף “בבקשה”.

וזמר זכור ושמור בניגון אחד

והתחנן ובכה בשקט בין דבר לדבר,

לא תשא שם אלוהיך לשוא, לא תשא, לא לשוא, אנא, אל תענה ברעך עד שקר.

וחבק אותי חזק ולחש באוזני, לא תגנב, לא תנאף, לא תרצח. ושם את כפות ידיו הפתוחות על ראשי בברכת יום כפור.

כבד, אהב, למען יאריכון ימיך על פני האדמה.

וקול אבי לבן כמו שער ראשו.

אחר כך הפנה את פניו אלי בפעם האחרונה כמו ביום שבו מת בזרועותיי,

ואמר:”אני רוצה להוסיף שנים לעשרת הדברות:הדבר האחד-עשר, “לא תשתנה”

והדבר השנים-עשר,”השתנה, תשתנה”

כך אמר אבי ופנה ממני

והלך ונעלם במרחקיו המוזרים.

 

              Zitate von Nechama Leibowitz

 

Schabbat Schalom!

Liberaler Landesrabbiner Dr. Moshe Navon,

Liberale Jüdische Gemeinde zu Hamburg 5777

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Auslegung des Thoraabschnitt „Beschalach“ - Und es geschah, als der Pharao das Volk ziehen ließ. 10./11.02.2017

In unserem Wochenkapitel „Beschalach“ ziehen die Kinder Israels aus Ägypten. Als Pharao und die ägyptische Armee hinter den Kindern Israel herjagen, sagt das Volk zu Moshe: „Waren nicht genug Gräber in Ägypten, dass du uns musstest wegführen, dass wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das getan, daß du uns aus Ägypten geführt hast? 12 Ist's nicht das, dass wir dir sagten in Ägypten: Höre auf und laß uns den Ägyptern dienen? Denn es wäre uns ja besser den Ägyptern dienen als in der Wüste sterben“. Schemot 14, 10-11

Aber der Ewige hat seinerseits zu Moshe gesagt:

  „15 Was schreist du zu mir? Sage den Kindern Israel, daß sie ziehen“.

Der jüdische Kommentator erklärt:

„Der Heilige, gesegnet sei er, sprach zu Moshe: Moshe, meine Kinder sind in Bedrängnis hingegeben, das Meer versperrt den Weg, der Feind verfolgt, und du stehst da und machst es lang mit dem Gebet! „Was schreist du zu mir?“ Denn er hatte gesagt: Es gibt eine Zeit, es kurz, und es gibt eine Zeit, es lang zu machen“. (Mechilta de Rabbi Jischmael, Beschallach (Wajehi) 3 zu Ex 14,15 – ist ein halachischer Midrasch zum  Sefer Schemot).

Ja, es war noch ein langer Weg für die Kinder Israels in die Freiheit.

Ich habe schon einmal gesagt, dass die alten Israeliten damals mehr Angst vor der Freiheit  als vor der Sklaverei hatten: "Denn es ist besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben!" Aber was für eine Sklaverei war es? Typischerweise hatten die alten Sklavenbesitzer ihre Sklaven gepflegt, damit sie als Arbeitskräfte profitabel blieben. Aber die Ägypter nutzten die Zwangsarbeit der Kinder Israels, um sie zu zerstören. Sie töteten ihre Kinder und sie verspotteten sie, um ihre Menschenwürde mit Füßen zu treten, und um die Kinder Israels ohne deren Widerstand zu zerstören.

Über dem Tor von Auschwitz stand geschrieben "Arbeit macht frei":

Die Nazi-Verbrecher hatten in diesem Todeslager vom ersten Moment versucht, die Gefangenen "zu erziehen", um sie in ihre treuen und übereinstimmenden Opfer zu verwandeln. Die deutschen Nazis versuchten, die inneren Einstellungen der Opfer mit den Wünschen und Plänen der Tyrannen und Mörder in Einklang zu bringen, ohne dass diese, die Opfer, es merken sollten. Diese Sklaverei wurde in die Haut der Gefangenen eintätowiert: der Name wurde durch die  Zahl ersetzt. Arbeit wurde in Todesstrafe verwandelt. Der grausame Mord wurde Freiheit genannt. Die wenigen Menschen, die Auschwitz überleben konnten, sollten noch viele Jahre mit ihren Erinnerungen an Auschwitz kämpfen, um sich von dieser inneren Sklaverei zu befreien. Wer kann wissen, ob und wie viele der  Überlebenden das erreichen konnten?

Lassen Sie uns zu der ewigen Thora zurückzukehren. In einem der vorangegangenen Thoraabschnitte versprach Gott, nicht nur die Kinder Israels aus Ägypten, aus dem Haus der Sklaverei, zu bringen. Er versprach ihnen, dass er sie führen würde, buchstäblich, heraus  aus der "Last der großen Leiden von Ägypten" – Mi-Tachat-Ssivlot-Mitzrayim! - Es ist das innere Stigma der Sklaverei, dass das Opfer das mörderische Wünschen und Streben des Henkers verinnerlicht. Dieses Gift wirkt innerlich in der Seele des Opfers weiter, selbst wenn die unmenschlichen Tyrannen schon lange vom Antlitz der Erde verschwunden sind.

Die alten Hebräer in der Wüste sind an ihren Henker-Pharao durch innere Fesseln gebunden, und anstatt weiter in ihre Freiheit zu fliehen, bleiben sie stehen und  wenden sich gegen  Moshe mit schweren Anschuldigungen:

„11 Und sie sprachen zu Moshe: Gibt es etwa keine Gräber in Ägypten, dass du uns weggeführt hast, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten herausgeführt hast?

12 Haben wir dir nicht schon in Ägypten dieses Wort gesagt: „Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen?“ Denn es wäre für uns ja besser, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben!“

Aber Gott antwortete Moshe: "Warum du schreist zu Mir, gehe weiter!“, weil der Weg zur Freiheit ist offen für diejenigen, die um ihrer Freiheit willen zu handeln wagen. Dies ist der erste Schritt zur inneren Freiheit von Sklaverei, und es ist der erste Schritt zur Erkenntnis JHWH Gott Israels.

Ich möchte Ihnen hiermit über ein Ereignis  berichten. Europa erinnert sich am 27. Januar an den Tag der Befreiung der Häftlinge aus Auschwitz.*) Einmal war ich vor vielen Jahren im Gespräch mit einem sowjetischen Arzt. Er war in der medizinischen Kommission der sowjetischen Armee in Auschwitz, nach der Befreiung. Sowjetische Militärärzte versuchten noch, einige kranke Häftlinge zu retten. "Es war unmöglich“, - hat der Arzt festgestellt – und er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte und sagte nur:  " Dieses ist das vielleidende jüdische Volk!".

Frau Galina Jarkova, die Vorsitzende der LJGH, und ich als Gemeinderabbiner waren in diesem Jahr am Abend des 26. Januar in das Hamburger Rathaus eingeladen, zu einer Theateraufführung unter dem seltsamen Namen "Zyklon B".

Die Tatsache, dass  Zyklon B für Auschwitz von der Firma „Tesch und Stabenow, Internationale Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m.b.h., Hamburg“ in Hamburg hergestellt wurde, war mir vorher nicht bekannt. Nach dem Krieg hat in Hamburg der Prozess gegen Dr. Tesch stattgefunden.  Die britische Besatzungsregierung hat das Gerichtsverfahren auf Englisch durchgeführt. Die deutschen Schauspieler haben das Gerichtsverfahren jetzt für uns alle, die Gäste der Hamburgischen Bürgerschaft, in deutscher Sprache wiedergegeben. Sie lasen die Auszüge aus dem Gerichtsprotokoll in völliger Stille. Es gab nicht viele Juden im Saal. Ich habe insgesamt nur fünf von uns gesehen - unter Hunderten von deutschen Bürgern, den Nachkommen jener Generation vor siebzig Jahren, die bei den Verfahren in den Jahren 1945 und 46  Zuhörer und  Zeugen und Angeklagte waren. Dr. Tesch war selbst nicht direkt an den Massenmorden an den Juden beteiligt. Er argumentierte, dass er das Gas als Desinfektionsmittel verkaufte, dass er keine Ahnung hatte, dass mit diesem Gas Millionen von Menschen vergiftet wurden. Aber das Gericht konfrontierte mit seiner Lüge und verurteilte ihn zur Todesstrafe.

Ich fragte mich, warum die Kinder und Enkel der deutschen Kriegsgeneration Interesse daran haben, das Thema dieses Gerichtsverfahrens wieder lebendig werden zu lassen? Und die Antwort habe ich in der Thora gefunden: sie wollen sicherstellen, dass das Giftgas in Auschwitz nicht bis heute und in der Zukunft ihre Seelen und die Seelen ihrer Kinder vergiftet":

„17 Ich aber, siehe, ich will das Herz der Ägypter verstocken, dass sie ihnen nachziehen; dann will ich mich verherrlichen[c] an dem Pharao und an seiner ganzen Heeresmacht, an seinen Streitwagen und seinen Reitern.

18 Und die Ägypter sollen erkennen, dass ich der JHWH bin, wenn ich mich am Pharao, an seinen Streitwagen und an seinen Reitern verherrliche!“

Schabbat Schalom!

Liberaler Landesrabbiner Dr. Moshe Navon,

Liberale Jüdische Gemeinde zu Hamburg 5777

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Wort des Rabbiners zu Tu BiShwat

Mein Lehrer aus HUC und Kollege Rabbiner Yehoram Mazor aus Israel schreibt:

"Den Lesenden und Betenden Schalom und Chag Sameach, ein Frohes Fest Tu BiSchwat! 
"Was bedeutet "Tikun Seder Tu BiSchwat"?
Wir wissen aus der Überlieferung, dass dieser Brauch von Ha'ari und seinen Schülern im Zentrum der Kabbala, in Zfat (Safed), im 16. Jahrhundert eingeführt wurde. Ha-Ari und seine Schüler, die Kabbalisten, bemühten sich, alte Bräuche wieder einzuführen, um das Volk nach der Vertreibung aus Spanien zu ermutigen. Das Zentrum der Kabbala strebte in all seinem Tun und Handeln danach, mit der Natur in Erez Israel in Einklang zu kommen, denn in den langen Exiljahren hatte sich das jüdische Volk auch geistig von der Natur Erez Israels entfremdet. Deswegen maßen die Weisen von Zfat (Safed) Tu BiSchwat eine große Bedeutung zu. Sie bemühten
sich, sich im Geiste mit den Bergen, Hügeln, Tälern, Schluchten und Feldern zu vereinigen. Sie feierten diesen Tag, indem sie Früchte des Landes aßen. Im Laufe der Zeit bekam der Brauch des ,,Nachtgebets" , des
Tikun Seder Tu BiSchwat, seinen besonderen Charakter. Er wurde als ein ,,Seder” ähnlich dem des Pessach gestaltet, einschließlich des Segnens von vier Bechern Wein. Man beginnt mit Weißwein, mischt ihn mit etwas Rotwein und endet schließlich mit Rotwein. Der Wein symbolisiert das Ende des Winters und den Beginn des Sommers. Auch in der Diaspora, wo kein ,,Seder Tu BiSchwat" gefeiert wurde, pflegte man an diesem Tag Früchte zu essen. In jeder Gemeinde und ethnischer Gruppe wurde der Brauch nach eigenem Charakter und Geschmack unterschiedlich gestaltet.
In Israel bekam dieser Tag seit der Rückkehr nach Zion die Bedeutung der Neupflanzung. Die Schulkinder pflanzen Bäume, um dem Land die grüne Herrlichkeit von früher wieder zu geben. Dieser Brauch ist zwar schon bei der Jugend verwurzelt, jedoch wächst das Bedürfnis, diesem Tag einen tieferen Sinn zu verleihen. So wie die Kabbalisten versuchen wir mit diesem Tikunheft, die Bindung des Stadtmenschen zur Natur zu festigen. Wir können nicht alle Bauern werden und das Land tatsächlich bebauen, aber wir können die geistige Bindung an das Land wieder stärken. Frohes Fest mit wieder entdecktem Inhalt"

Dr. Moshe Navon, Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Bo: 6. Schwat 5777 / 03.-04. Februar 2017
(Tora: Exodus 10:1 - 13:16 HAFTARA: Jeremiah 46:13-28)

Unser Wochenabschnitt „Bo“ erzählt, wie das jüdische Volk aus Ägypten, aus dem Haus der Sklaverei, auszog. Das jüdische Volk litt in dieser Sklaverei. Aber diejenigen, die das jüdische Volk versklavten, litten auch. Die Thora beschreibt zehn Plagen, die die Peiniger schlugen. Eine von ihnen ist die ägyptische Finsternis. Der jüdische Kommentator Ketaw Sofer erklärt: „Wenn ein Mensch wählt andere nicht zu sehen, so ist die Finsternis in der Welt“.

Anthony de Mello verdeutlicht: “ Nur zu oft sehen wir die Menschen nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind“. (Wer bringt das Pferd zum Fliegen?).

Deswegen ist das erste Merkmal des Hauses der Freiheit, der freien Gesellschaft, dass wir uns gegenseitig ehrlich sehen. Wir sehen die Würde eines anderen Menschen, berücksichtigen seine Bedürfnisse, können seine Schwäche verzeihen, so wie wir unsere eigene Schwäche verstehen und verzeihen.

Was bedeutet für uns die Plage der Finsternis? - In der Gemeinschaft, die aus Versklavenden und Versklavten besteht, kann niemand sich glücklich fühlen: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, dieweil ihr auch seid Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“  Schemot 23:9 Wenn wir über JHWH unser Gott sprechen, wissen wir dass wir kaum über ihn wissen können, aber wollen wir, dass Gott mit uns immer ist. Das Geheimnis unseres Bundes mit Gott JHWH ist, dass wir uns ständig von unseren inneren Komplexen befreien, dass wir niemanden abgrenzen oder ablehnen. Das ist nur dann möglich, wenn wir unser Gedächtnis von traumatisierten Erinnerungen befreien! Damit befreien wir uns selbst von den Schatten anderer Menschen! Dann können wir endlich die Stimme der tiefe Stille hören: „Ich bin der Ewige dein Gott, der ich dich  aus dem Hause der Sklaven befreit hat und du bist jetzt endlich, der du bist!“! Dann sind wir fähig, andere Menschen nicht in der ägyptischen Finsternis, sondern im Licht Gottes zu sehen: „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in Deinem Licht sehen wir das Licht“. Ps 36, 9.

Schabbat schalom,

Moshe Navon

Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

5777/2017

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Waera 27-28 Januar, Rosch Chodesch Schwat
(Tora: Schmot 6:2-9:35, Maftir Bemiddbar. 28, 9 – 15, Haftara: Jesaja 66, 1-24)

 

„Waera“, der Tora-Abschnitt dieser Woche, beschäftigt sich mit den Plagen, die Gott über Ägypten brachte:

„1 Und der Ewige sprach zu Mose: Siehe, ich habe dich dem Pharao zum Gott gesetzt, und dein Bruder Aaron soll dein Prophet sein.

2 Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde, und dein Bruder Aaron soll es dem Pharao sagen, dass er die Kinder Israels aus seinem Land ziehen lassen soll.

3 Aber ich werde das Herz des Pharao verhärten, damit ich meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten zahlreich werden lasse.

4 Und der Pharao wird nicht auf euch hören, sodass ich meine Hand an Ägypten legen und mein Heer, mein Volk, die Kinder Israels, durch große Gerichte aus dem Land Ägypten führen werde.

5 Und die Ägypter sollen erfahren, dass ich der Ewige bin, wenn ich meine Hand über Ägypten ausstrecke und die Kinder Israels herausführe aus ihrer Mitte“. (2 Mose 7 - Schemot)

Besonders interessant erscheint dabei der folgende Vers: „Aber ich will das Herz des Pharao verhärten, damit ich meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten zahlreich werden lasse“(7:3).

Die Thora verbietet uns streng, einen Menschen zu vergöttlichen, in einem Menschen einen Gott zu sehen. Aber was lesen wir in unserem Wochenabschnitt? Gott selbst hat Moshe, der ein verfolgter und geflohener Sklave des Pharao war, dem Pharao zum Gott gesetzt!

Wie oft sind wir gezwungen mit anzusehen, wie eine Person X, die ein bisschen Macht und Position und Vermögen hat, ihre Mitmenschen unterdrückt, deren  schwache Position ausnutzt?

O, wie diese Person X sich bemüht und alle ihre Vorteile missbraucht, um anderen zu schaden und sie unglücklich zu machen, weil sie sich fast als Gott fühlt!   Es ist egal, ob diese Person X religiös oder areligiös ist, der barmherzige Gott hat keinen Platz in ihrem Herzen! Gott existiert für Herr/Frau X nicht! Und was sagt JHWH, der Gott von Awraham, Izchak und Jaakow, JHWH, der Gott der Fremdlinge, der Witwen und der Waisen? (vrgl. Schemot 22, 20-23, Dewarim 16, 9-14) – Gott sagt: „Herr/Frau X, ich mache den Mitmenschen, den du verfolgt und unterdrückt hast, zum Gott über dich! Du willst Mich nicht kennenlernen, dann wirst du deinen Mitmenschen, für den du die Opferrolle vorgesehen hattest, in der Gottesrolle treffen“.

Ja, wenn wir diese Geschichte hören, trösten wir uns: die Gerechtigkeit kommt in unsere Realtät! Aber, eine Sekunde, was bleibt Moshe in dieser Gottesrolle? Er wird dem Pharao befehlen, das jüdische Volk gehen zu lassen! Aber was macht der authentische Gott dann? Der Ewige sagt zu Moshe, dass Pharao dies nicht tun wird, er wird nicht auf Moshe hören, weil der Ewige das Herz Pharaos verhärten wird. Welche Enttäuschung für Moshe?! Gott setzt ihn in die Gottesrolle gegenüber dem vergöttlichten Pharao, aber Gott wird ihn, Moshe,  nicht in dieser Rolle entsprechend unterstützen. Das ist echt eine der schwierigsten Stellen der Thora für unser Verständnis: Statt das Herz des Henkers des jüdischen Volkes zu erweichen, verhärtet Gott es. Statt der Tragödie des jüdischen und des ägyptischen Volkes vorzubeugen, wo die ersten Opfer ihre Kinder sind, verhärtet Gott das Herz des Pharaos in diesem Konflikt. Wie kann man dies mit unserer Wahrnehmung des barmherzigen Gottes verbinden? Und die Antwort auf diese unausgesprochene Frage ist sehr unerwartet: „Auf diese Art und Weise werde Ich meine Zeichen und Wunder im Lande Ägypten mehren.“ Für diesen Zweck wird das Herz Pharaos verhärtet? Und die unschuldigen Kinder werden doch sterben? Aber Pharao war schon grausam genug! Der Pharao hatte durch seine besondere Grausamkeit und Unmenschlichkeit seinen Platz über den verhärteten Menschen, den Sklavenhaltern, sowie den Sklaven, gewonnen. Die allgemeine Massengrausamkeit und Verhärtung der Herzen im Land Ägypten, im Haus der Sklaven, fokussiert sich im Herzen des Pharaos – er ist der Hausherr der Unmenschlichkeit! Das wissen wir jetzt, aber damals war es nur Gott und seinem Propheten Moshe bewusst. Deshalb erklärt Gott Moshe, dass Er die Verhärtung des Herzens des Pharaos zu einer solchen Grenze führen wird, dass unter dieser Grausamkeit alle Bewohner und Bewohnerinnen in Ägypten leiden werden – die Kinder(Söhne) Israels sowie die Ägypter, einschließlich Pharao selbst. Sie alle werden lernen, wie tief der Abgrund der Unmenschlichkeit in menschlichen Herzen sein kann und welche Früchte er in die Realität bringen kann!

Es scheint aus, dass ohne diese bittere Erfahrung man nicht der Stimme der feinen Stille in seinem Herzen zuhören kann - kol demmama dakkah (Vrgl. Melachim 1 19,12).

Nur nach der bitteren Ernüchterung von allen Menschen wird die Zeit der Barmherzigkeit Gottes zu Allen kommen, die Zeit der Befreiung der Kinder Israel und die Zeit der Befreiung der Kinder Ägypter. Sonst wären sie alle nicht fähig die Barmherzigkeit Gottes zu akzeptieren, - nicht die Kinder Israels, nicht später die Kinder Ägypter, und auch nicht die Kinder anderer Völker, die aus dieser Geschichte etwas Positives auch lernen wollen.

Der Abgrund der Unmenschlichkeit in unseren Herzen ist so tief, dass wir keine Ahnung von uns selbst haben. Es ist, als ob ein kleines Kind den blauen Himmel sieht, und keine Ahnung hat, wie tief der dunkle Kosmos  ist und welche Gefahren er in sich für unsere so kleine und so unsichere Erde und unseren Himmel verbirgt?!

Auch heute stellen wir Menschen ähnliche Fragen, wenn wir sehen, welche grausamen Diktatoren so viele grausame Kriege gegen Menschen, gegen die  Menschlichkeit führen. Sie beweisen allen zusammen, dass ihre Herzen jeden Tag und jede Nacht ein neues Niveau der Grausamkeit erreichen können. Viele Menschen fragen denn Gott auch heute: – „Unser Vater im Himmel - bis wann…?“ 

– „Bis alle die grausamen Sklavenhalter und ihre treuen Sklaven offensichtlich erfahren werden, dass ich der Ewige bin, der meine Kinder aus ihrer Mitte herausführe“.

 – „Aber, unser Barmherziger Gott, wie lange können wir noch warten? Wir sind doch keine Supermänner und Superfrauen und unsere Geduld ist begrenzt?! Wir leben nur hier und jetzt und wir wollen noch von dem Leben ein bisschen Freude haben. Wir glauben doch, dass Du uns für das Paradies geschaffen hast und nicht für die Hölle?“

  • Wir hören danach nur die Stimme der feinen Stille:
  • „Siehe, Ich habe dir „deinen Machthaber“ zum Gott gesetzt. Du sollst alles reden, was Ich dir gebieten werde, dass er meine Kinder aus seiner angeblichen Gewalt ziehen lassen soll…“

Dr. Moshe Navon 5777 /2017

Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

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„Die Premiere: „Mister X“

Ein bekanntes Unternehmen "Horizontal-International“, das Dokumentarfilme produziert, hatte mit einer armen Familie aus  Detroit einen Vertrag unterzeichnet. Die Firma bekam die Rechte darüber, das ganze Leben des neugeborenen Kindes der Familie, von seiner Geburt, ständig zu filmen. Das Unternehmen verpflichtete sich seinerseits, den Lebensunterhalt des Sohnes für das ganze Leben zu übernehmen. Die armen Eltern, die ihr Kind nicht ernähren konnten, waren so glücklich. Das Kind, nennen wir es wegen dieser diskreten Angelegenheit, Mr. X,  war von Geburt an daran gewöhnt, dass er von Kamerateams begleitet wurde. Diese "transparente" Art und Weise des Lebens schadete ihm nicht, und er lebte glücklich umgeben von Kindern, Enkeln und sogar Urenkel bis er 93 Jahre alt war.

Ein Jahr später lud die Firma zur Premiere seines Films "Das ganze Leben des Mr. X von der Geburt bis zum Tod" ein.  Viele prominente Personen aus der ganzen Welt wurden eingeladen. Tausende von Kinogängern versammelten sich in einem großen Film-Theater. Die Leute fragten einander, ob sie dort alle 93 Jahre lang sitzen sollten? Wie konnte die Firma ihr Versprechen erfüllen? Alle waren voller Neugier.

Der Film begann mit der gesunden Geburt des Kindes und einem schwachen Lächeln der gequälten Mutter. Plötzlich begannen die Bilden mit hoher Geschwindigkeit zu wechseln, bis sie wieder in einen normalen Rhythmus des menschlichen Lebens zurückkamen. An diesem Punkt zeigte der stolze junge Mister X seinen Eltern sein Diplom. Wieder eilten die Bilder bis zum nächsten „langsamen“ Punkt, um die erste Liebeserklärung des Misters X dem Publikum zu zeigen. Der nächste langsame Punkt  war bereits die Geburt der Tochter von Mr. X.

Als die letzte Szene auf dem Friedhof abgeschlossen wurde und die letzten Filmtitel über die Leinwand gingen, fühlten sich viele Zuschauer veralbert. Aber dann kam der Vertreter des Unternehmens auf die Bühne und fragte: „Liebes Publikum, was haben Sie in so kurzer Zeit gesehen? Ein bekannter Filmkritiker Mister Y kam zum Mikrophon und erklärte, dass er zum ersten Mal das menschliche Leben als eine rollende Welle erlebt hätte. Während sich die erste Welle hebt, beginnen sich schon neue kleine Wellen zu heben – die Kinder, die Enkel und alle entfernten Nachkommen der menschlichen Welle. Der Vertreter der Firma erklärte mit einem gewinnenden Lächeln, dass es nur um den Anfang eines neuen großen tausendjährigen Projekts ginge. Mit der neuen Nanotechnologie könne sich jeder ohne Problem filmen lassen. Nach und nach würde die gesamte Menschheit eine riesige Daten-Bank von dokumentierten Erinnerungen an ihre Vorfahren erstellen. Spezielle leistungsstarke Sender würden all diese persönlichen Lebensfilme ständig ins All senden, so dass das Leben jeder einzelnen Person wie das Licht der Sterne, auch weit entfernte Galaxien erreichen würde... Das hypnotisierte Publikum konnte nicht fassen, welches grandiose Projekt da angefangen hatte, das so eine kosmische Bedeutung für jeden von uns haben würde.

Ein älterer Mann in einem schwarzen Mantel und einem weichen grauen Hut kam auf die Bühne in die tiefe Stille. Seine dunklen Augen waren ein wenig traurig, aber zugleich, versteckten sie in ihrer Tiefe ein kleines Lächeln. "Mein Name ist Epstein.“, - stellte er sich vor. – „Sie haben das Rad erfunden.“ - sagte Epstein den Vertretern der Firma, „obwohl das Patent in der Tat uns gehört! Dieses Projekt läuft schon fast 4000 Jahre. Wir nennen es die schriftliche und mündliche Thora. Wir drehen die Thorarolle jede Woche, jeden Monat und jedes Jahr in unseren Gemeinden. Wir lesen über das Leben unserer Vorfahren und denken dabei darüber nach, was mit uns geschieht - sowohl in der Antike als auch heute. Aber in unserem Film werden nicht nur die Handlungen der Menschen festgehalten, sondern auch ihre inneren Gedanken und Gefühle, ihre Wünsche und Hoffnungen, ihre Kreativität und ihre Überzeugungen, die sich immer und immer wieder mit den inneren Welten jeder neuen Generation treffen, als ewige Wellen. Eigentlich begann alles mit der Tatsache, dass Gott unserem Vater, Awraham, gesagt hat: "Schaue dir das Meer und den Himmel an. Deine Nachkommen werden zahlreich sein, wie der Sand am Meer und wie die Sterne des Himmels, deren Licht die Grenzen aller sichtbaren und unsichtbaren Welten erreicht... "

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Liebe Freunde,

Am diese Woche werden wir, wie immer, beginnen das zweite Buch der Thora zu lesen. Es wird Schemot genannt, was bedeutet auf Hebräisch: "Die Namen"! Alle diejenigen, die an den nächsten Samstagen (Sh. Terminkalender LJGH) zur Thora aufrufen werden, werden damit ihr Buch des Lebens entdecken. Es stehen in diesem Buch statt Kommas und Punkten die leuchtenden Sterne, und statt der Worte - das unsichtbare Licht von G-tt.

Schemot

In unserem Wochenabschnitt „Schemot“ gibt es eine sehr interessante Geschichte über die Rolle aller Frauen im Leben des jüdischen Volkes. Der ägyptische König befahl, alle jüdischen Knaben bei ihrer Geburt zu töten, jedoch gehorchten die Hebammen ihm nicht. Dann schickte der Pharao seine Soldaten, damit sie die jüdischen Knaben im Nil ertränken. Dann versteckte eine der jüdischen Mütter mit ihrer Tochter das neugeborene Kind am Ufer des Flusses. Letzten Endes rettete die Tochter Pharaos dieses Kind, Moses, und erzog es in ihrem Haus. Sie ließ ihm eine gute Erziehung angedeihen, was ihm ermöglichte, Leiter des ganzen jüdischen Volkes zu werden. Aber das ist noch nicht alles. Die Frau von Moses, die Midianiterin Zipora, rettete das Leben von Moses in der Wüste. Schmot 4:24-26. Das war, als Mose aus dem Exil nach Ägypten zurückkehrte, um sein Volk herauszuziehen.

Aber was unsere mündliche Thora dazu erzählt? Jetzt werden Sie noch mehr überrascht:

„Und es ging ein Mann aus dem Geschlecht von Levi. (2 Mose) (18) Wo ging er hin? R. Juda b. Zebina sagte, dass er dem Rat seiner Tochter folgte. Ein Tanna (ein Thoralerer 1-2 Jahrhundert nach E.Zr.) lehrte: Amram war der größte, der einflussreichste Mann seiner Generation; als der böse Pharao ein Dekret erlassen hatte: "Alle Söhne, die geboren werden, werden in den Fluss geworfen", sagte er: es ist vergeblich, hat keinen Sinn mehr, Kinder in die Welt zu setzen...die Söhne werden geboren werden, nur um zu sterben. Er stand auf und ließ sich von seiner Frau (Yochewed) scheiden. Alle Söhne Israels folgten seinem Beispiel und schieden sich von ihren Frauen. (damit sie gar keine Kinder mehr in die Welt setzten) Seine (kleine) Tochter (mit Namen Miriam) sagte zu ihm: "Vater, dein Dekret ist strenger als das des Pharao; denn Pharao verfügte nur, dass die Söhne sterben sollten, während dein Dekret dazu bewirkt, dass gar keine Kinder, weder Mädchen noch Jungen geboren werden. Pharaos Dekret verfügte nur über diese Welt, während dein Dekret diese Welt betrifft und die kommenden Generationen.(20) Im Falle des bösen Pharao gibt es Zweifel, ob sein Dekret erfüllt wird oder nicht, während es in deinem Fall, denn du bist ein Gerechter, ein Zaddik, sicher ist, dass dein Gebot erfüllt werden wird. (Das Volk Israel wird auf dich hören), denn es wurde gesagt: Wenn Du etwas bestimmst, dann soll es nach deinem Willen oder Befehl passieren, (21) Daraufhin stand Amram auf und nahm seine Frau wieder zur Frau. Und  alle anderen Männer (Israels) folgten seinem Beispiel und nahmen ihre Frauen zurück.
Und nahm seine Frau zur Frau (18) - es sollte so gelesen werden: und nahm seine Frau wieder zur Frau"(22)  sagt R. Juda b. Zebina : - Er verhielt sich seiner Frau gegenüber, als wäre es ihre  erste Eheschließung ; er setzte sie in eine Sänfte ,  ihre beiden Kinder Aaron und Miriam tanzten vor ihr, und die  Engel verkündeten, sie sei eine glückliche  Mutter ihrer  Kinder.(23) (in der Folge wurde dann Moshe geboren...Sie können dazu noch lesen: http://de.chabad.org/parshah/article_cdo/aid/697655/jewish/Miriams-Wagemut.htm ) (Schmot Rabba 1, 17).
D.h. kleine Miriam hat nicht nur ihren Bruder Moshe, sondern die ganze Generation, die mit Moshe Ägypten verlassen hat, gerettet! Und weiter: Ein kleines Mädchen trifft eine wichtige halachische Entscheidung, und der große Richter des Volkes Israel muß sie anerkennen, weil jedes Kind vor Gott das Recht auf seine eigene Geburt hat.

Alle die oben genannten Frauen, jüdische und nicht jüdische, retteten Mose und halfen ihm, ein Held zu sein. Er wurde zu einem mutigen Retter seines ganzen Volkes. Wir können sagen, dass G‘‘tt in dieser Geschichte weder das Herz der versklavten Juden noch der sie versklavenden Ägypter erreichen könnte. Aber Sein guter Wille fand die Antwort in den Herzen der Frauen verschiedener Völker.

In unserer Gemeinde und unter den Freunden gibt es auch Frauen aus verschiedenen Völkern, die unbemerkt den Willen G‘‘ttes für unseren gemeinsamen Erfolg erfüllen. Machen Sie die Augen auf und Sie werden sehen, dass die alte Geschichte der Tora sich in unserer Gemeinde wiederholt.

Schabbat schalom,

Moshe Navon

Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

5777/2017

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Wajechi – (Bereschit – 1. Mose 49,27 – 50, 26).

Diese Woche lesen wir in Wajechi („und er lebte“) von den letzten Tagen Jakobs vor seinem Tod. Wir wissen nicht, woran er starb, jedoch wir wissen, wie er sich vor dem Tod verhielt. Er ruft zu sich seinen Sohn Josef und seine Enkel Efrajim und Menasche, um sie zu segnen. Deshalb nennen wir diesen Thoraabschnitt - Wajechi –„und Jakob lebte“. Jakob lebt bis heute, weil der Segenskreislauf im Rhythmus seines Herzen von seinen Nachkommen zu seinen Nachkommen, von Mensch zu Mitmensch strömt. 
Wir lernten in der Thoraabschnitt „Wajjschlach“: „Er (Jakob) sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn um den Vorrang mit Gott und mit Menschen gekämpft hast du und hast obsiegt. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er (Gott) aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und Er segnete ihn daselbst“. (Bereschit =1. Mose 32, 28-29). 
– Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn um den Vorrang des Segens mit Gott und mit Menschen gekämpft hast du und hast obsiegt!
Sollen wir, die Kinder Israels für den Segenskreislauf im Rhythmus des Herzen weiter kämpfen? - Was fragst du mich in dem heutigen Ozean des unmenschlichen Hasses und Fluches? – Ja, natürlich, weil sich die Quelle des Segenskreislaufs bei unserem Vater im Himmel versteckt:
„Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht.
Breite deine Gnade über die, die Dich kennen, und deine Gerechtigkeit über die Frommen“. Psalm 36 10-11
כִּי עִמְּךָ מְקוֹר חַיִּים בְּאוֹרְךָ נִרְאֶה אוֹר. מְשֹׁךְ חַסְדְּךָ לְיֹדְעֶיךָ וְצִדְקָתְךָ לְיִשְׁרֵי לֵב. תהילים לו, י-יא
im Thoraabschnitt „Wajjiggasch“ wurde ein ähnliches Verb erwähnt: Watechi und Chaj in Bezug auf Jakob sowie Joseph:
Da sagten sie (Sohne Jakobs) ihm alle Worte, die Joseph zu ihnen geredet hatte. Und als er die Wagen sah, die Joseph gesandt hatte, um ihn abzuholen, da wurde der Geist ihres Vaters Jakob lebendig (Watechi),
und Israel sprach: Für mich ist es genug, dass mein Sohn Joseph noch lebt (Chai!)! Ich will hingehen und ihn sehen, bevor ich sterbe! 1. Mose 45, 27-28“
Das Targum Onkelos (2. Jahrhundert nach eur. Zeitrechnung) erklärt: „der Geist ihres Vaters Jakob“ – und schwebte der Geist der Gottesheiligkeit (Ruach Kudscha – aram.) über Jakob, ihrem Vater.
, רוּחַ יַעֲקֹב אֲבִיהֶ ) ברשית, מ"ה, כ"ז - אונקלוס שם( " ושרת רוח קודשא על יעקוב אבוהון
Der Segenskreislauf im Rhythmus des Herzens Jakobs strömt weiter, wenn er hört, dass sein verlorener Sohn Josef lebt! Der Segenskreislauf des Geistes der Heiligkeit Gottes! Der Segenskreislauf ist in sich wieder geschlossen.
Jakob wollte damals sofort hingehen und Josef sehen, bevor er sterbe! Und er ruft in unserem Thoraabschnitt zu sich seinen Sohn Josef und seine Enkel Efrajim und Menasche, um sie vor seinem Tode zu segnen. Der Segenskreislauf ist in sich wieder geschlossen: Jakob segnete seine Nachkommen vor seinem Tod: „Der Gott, vor dem meine Väter Awraham und Jizchak wandelten, der Gott, der ein Leben lang mein Hirte war ... der Engel, der mich vor dem Bösen erlöste, möge die Knaben segnen.“ Es ist wichtig, dass Jakob jetzt nicht in den Abgrund des Nichtseins vor dem Tod schaut, sondern an alles gesegnete Gute denkt, dass er im Leben hatte. Er will diese gute gesegnete Lebensenergie an seine Kinder und Enkel weitergeben. Deshalb hat er immer Mut, mit dem Tod und dem Fluch zu kämpfen – mit den falschen Nachrichten über den angeblichen Tod Josephs. Es war so damals in dem Ozean des unmenschlichen Hasses und Fluches unter unseren Vorfahren? Deshalb schreibt die jüdische Tradition den Eltern vor, ihre Kinder vor der Sabbat-Mahlzeit zu Hause zu segnen, so wie Jakob damals Efrajim und Menasche segnete. 
Daraus lernen wir, dass wir der nächsten Generation nicht davon erzählen sollen, wie schwer wir lebten, sondern wie wir diese Schwierigkeiten mit Gottes Segen und menschlichem Mut immer wieder überwanden. Besonders werden wir aufgerufen, das zu tun in schwierigen Augenblicken der Schicksalsprüfungen wie den letzten Minuten vor dem Tod. 
Derjenige, der gewohnt ist, in den Abgrund des Bösen zu schauen, bekommt ein Schwindelgefühl wegen seiner bloßen Tatsache. Aber derjenige, der bestrebt ist, mit den positiven Einstellungen und mit positiven Leuten zu leben, kann diesen Anstoß an die nächsten Generationen weitergeben. Ja, natürlich sollen wir dafür weiter kämpfen, weil die Quelle des Segenskreislaufs sich nur bei unserem Vater im Himmel versteckt:
„Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht.
Breite deine Gnade über die, die Dich kennen, und deine Gerechtigkeit über die Frommen“. Psalm 36 10-11
Jakob lebte, weil der Segenskreislauf im Rhythmus seines Herzen von Mensch zu Mitmensch strömt. Deshalb trägt Jakob den Name ISRAEL. Deshalb tragen wir den Name „Kinder ISRAELs“.
Die Quelle des Segenskreislaufs ist nur bei unserem Vater im Himmel versteckt:
„und über den Sanftmütigen sein (Gottes) Geist schweben wird“ ( Rollen von Toten Meer, 4Q521, 6-7).
Wenn die jüdischen Eltern ihre Kinder vor der Sabbat-Mahlzeit zu Hause segnen, so wie Jakob damals mit Mut und Demut Efrajim und Menasche segnete, leben sie alle weiter. 
Aber was machen wir unter anderem in unserer LJGH während unserer Gottesdienste? Wir segnen noch und noch die jüdischen Kinder, die diesen Segen Jakobs in ihrer Kindheit wegen des Ozeans des unmenschlichen Hasses und Fluches verloren haben. Wir kämpfen natürlich dafür im Rhythmus des Herzens weiter, im Rhythmus des jüdischen Jahreszyklus. Wer das versteht, der kommt mit… 
Schabbat Schalom 
Mit herzlichem Segen für Sie! בברכה לבבית
Dr. Navon
Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

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Dwar Tora: Wajigasch - 9 Tewet 5777 (2017)
In unserem Wochenabschnitt für diesen Schabat "Wajigasch" offenbart sich Josef seinen Brüdern: ,,Ich bin Joseph, lebt mein Vater wirklich noch?" (Bereschit 45:3). Aus der vorherigen Erzählung wissen wir, dass Josef weiss, dass sein Vater lebt. Aber Jakob lebt nur als Vater, wenn zwischen den Brüdern die wahre Versöhnung verwirklicht wird. Als einer seiner Söhne von zehn Brüdern in die Sklaverei verkauft wurde, hörte er in der Wirklichkeit auf, für diese zehn Brüder Vater zu sein.
Deswegen fragt Josef die zehn Brüder in der Wirklichkeit, ob sie bereit sind, wieder die Söhne ihres Vaters und seine Brüder zu werden.
„Aber seine Brüder“, sagt die Tora, „konnten ihm nicht antworten, denn sie schraken zurück vor ihm“ (dort). Der noble ägyptische Fürst, von dem ihr Leben, wie sie dachten, abhing, erwies sich als der ihnen ergebene Bruder. In der Wirklichkeit war ein solcher Josef für die Brüder bedeutend schlimmer, als ein fremdländischer mächtiger Führer. Jetzt hätte er die volle Möglichkeit, sich an ihnen zu rächen. Aber sie wurden nicht nur von dieser verständlichen menschlichen Angst übermannt. Sie wurden sich auch jetzt erst bewusst, was für eine Tragödie ihr Leben vor diesem Treffen war. 
Indem sie Josef in die Sklaverei verkauft hatten und seine mit Blut beschmierten Kleider ihrem Vater gebracht hatten, hörten sie nicht nur auf, Söhne ihres Vaters Jakob zu sein. Sie hörten in diesem Augenblick auch auf, Söhne unseres himmlischen Vaters zu sein.
Das ist die schlimmste Strafe für jeden Juden und jede Jüdin: das eigene Gewissen zu verlieren und es nicht einmal zu bemerken. „Ich hörte auf, ich selbst zu sein. Die anderen haben es bemerkt, ich noch nicht.“ In dem Augenblick, als die Brüder Josef wieder erkannten, wurde jedem von ihnen bewusst, in welchem Abgrund des Nichtseins er bis jetzt war.
Das Verblüffendste in dieser Geschichte ist, dass Josef dieses Bewusstwerden seiner Brüder sieht. Und er streckt ihnen seine Hand aus, um sie aus diesem Abgrund des Nichtseins herauszuholen: „Da sprach Josef zu seinen Brüdern: Tretet näher zu mir! Und sie näherten sich; und er sprach: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Und nun kränket euch nicht und es entbrenne nicht in euren Augen, dass ihr mich hierher verkauft; denn zur Lebenserhaltung hat G‘‘tt mich vor euch her gesandt.“ Josef erinnerte sie daran, dass auch, als sie die Verbindung mit ihrem himmlischen Vater verloren hatten, der G‘‘tt Israels sie nicht verlassen hatte. Vor unseren Augen geschieht das Unmögliche: Die von innen heraus zerstörte Familie lebt wieder auf, durch ihre Wiedervereinigung. 
 Viele können sagen, dass dies eine antike Legende antiker Leute ist Aber deren Ideal dauert bis heute an. Sie wiederholt sich in unserem Leben immer wieder. Die Juden erkennen sich gegenseitig wieder als Brüder. Sie sind erschüttert, was für ein dramatischer Prozess sie zur Versöhnung miteinander und mit sich selbst führt. Wie viel geistige Kraft, Geduld und Aufmerksamkeit das erfordert. Aber mit unserem himmlischen Vater, dem Gott Israels ist es bitter zu streiten. Derjenige, der es nicht wagt, diesen Prozess zu beginnen, bleibt im Abgrund des Nichtseins.
Für unser psychisches Wohlbefinden ist es besser, die Unannehmlichkeiten in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen als eine notwendige Stufe zu sehen, zu uns selbst aufzusteigen. 
Wenn ich fühle, dass jemand einem Menschen oder einer Gemeinde mit unmenschlichen Mitteln Schädigungen und Leid zufügt, wollen wir unbewusst sofort erfahren, dass Gottes Gericht irdisch gegen diese Personen vorgeht, sodass alle Menschen ihre Strafe auf dieser Welt sehen können. Ja und Jah, wir wollen alle Gottes Gerechtigkeit erleben. Aber das ist in Wirklichkeit nur die nächste Stufe, die der Ewige uns in der Leiter Jakobs setzte, um uns näher zu uns selbst zu bringen. Um Gottes Gerechtigkeit צִדְקָתְךָ in ihrer unmittelbaren Verbindung mit Gottes Gnade חַסְדְּךָ zu erfahren, sollen wir reif dafür sein. Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Gnade, es gibt keine Freiheit ohne Liebe, und es gibt keinen Menschen ohne Mitmensch:
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
in deinem Licht schauen wir das Licht.
11 Erweise deine Gnade auch weiterhin denen, die dich kennen
und deine Gerechtigkeit denen, die aufrichtigen Herzens sind! ps. 36 10

כִּֽי־עִ֭מְּךָ מְק֣וֹר חַיִּ֑ים
בְּ֝אוֹרְךָ֗ נִרְאֶה־אֽוֹר׃ 
מְשֹׁךְ חַסְדְּךָ לְיֹדְעֶיךָ 
וְצִדְקָתְךָ לְיִשְׁרֵי לֵב. תהלים לו י_יא

Dr. Moshe Navon,
Rabbiner der LJGH und Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Dwar Tora: Chanukka 5777 (2016)

Das Fest Chanukka nähert sich wieder. Das Licht des Chanukka-Festes vertreibt die Finsternis der Unmenschlichkeit, die wieder so grausam in die Welt eindringt durch abscheuliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit!

Das Licht dieser Hoffnung leuchtet für uns hier in Hamburg durch die Geschichte des liberalen Israelitischen Tempels. Wir können uns heute noch einmal daran erinnern, dass vierhundert jüdische Kinder diesen Tempel in der Nazi-Zeit besucht haben. Die Zeitzeugin Eva Stiel spricht für diese

Generation: „Wir haben, wie die ersten liberalen Juden, unsere Glaubenshaltung aus der Welt des Zweifels gewonnen…“ Wir können das Licht der inneren Lebendigkeit und Ehrlichkeit jetzt in dieser Zeit wieder anzünden. Wir können nun verstehen, dass dies von uns selbst und genau jetzt abhängt.

Heute hat jeder von uns auch viele Ängste, die Zeit und Kraft und Mut erfordern. Der radikale fundamentalistische Islamismus führt weiter einen gnadenlosen Krieg gegen alle Menschen, gegen jeden von uns, ohne Grenzen.

Der religiöse Hass vergiftet die ganze Welt, jedoch sagt die Erfahrung unserer Vorfahren, dass wir immer Mut und Liebe finden können, um die festlichen Kerzen in unseren Häusern und in unseren Herzen anzuzünden, als ein bescheidenen Zeichen: „Wir geben nie auf, um Mensch mit Mitmenschen in jeder Lage zu bleiben!“ Der große liberale Rabbiner Leo Baeck, ließ uns dazu ein ganz klares Testament zurück: „Was wir an unserem Mitmenschen tun ist Gottesdienst“.

Dies ist ein moralischer Kompass für ein liberales Judentum im heutigen Deutschland, für den Aufbau unserer Gemeinde und für alle besonnenen Menschen! Das ist das einzige Bindeglied, das uns mit denjenigen Juden verbindet, die hier einst lebten, - schon vor 200 Jahren, um eine liberale, freie, menschliche jüdische Gemeinde zu gründen.

Und jetzt, angesichts der neuen und neuesten Anschläge gegen die Menschlichkeit kann jeder daran denken, was er für die wiederhergestellte liberale jüdische Gemeinde tun kann, damit das Licht der Hoffnung für uns alle nicht erlischt. Heute wie zu allen Zeiten brauchen uns alle Menschen, die hier leben, brauchen unser Licht der Chanukkija. Vergessen Sie nicht:

Chanukka bedeutet Wieder-Erneuung. Wir können, wie unsere Vorfahren, unsere Glaubenshaltung aus der Welt des Zweifels und der Finsternis gewinnen… Das Licht der Wieder-Erneuung vertreibt die Finsternis der Unmenschlichkeit.

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches jüdisches Fest des Lichts - Chag Urim sameach!

Dr. Moshe Navon
Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

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Chajej Sara (25/26.11.2016)

Unser heutige Tora- Abschnitt heißt „Chajej Sara.“ Er beginnt mit der Tatsache, dass Sara im Alter von 127 Jahren stirbt. Warum dann heißt unser Wochenkapitel  „Das Leben Saras“ und nicht „Der Tod Saras“? Fast am Ende unsers Wochenabschnitts steht, dass Isaak seine Frau Rebekka in das Zelt Saras brachte. „Er gewann sie lieb, und Isaak tröstete sich nach seiner Mutter.“ Somit geht das Leben Saras weiter, trotz ihrem Tod. In die Welt, in der Sara immer lebte, in das Zelt Saras, bringt Isaak seine Lieblingsfrau, von der die Enkel Saras geboren werden. Auf den ersten Blick scheint es gewöhnlich zu sein: Die Kinder sind die natürliche Fortsetzung ihrer Eltern, ihrer Vorfahren. Aber die Thora betont gerade die außergewöhnliche Dimension des Verhältnisses zwischen den Eltern und den Kindern. Die Thora betont, dass Isaak Rebekka in das Zelt Saras brachte, das heißt die Welt, in der Isaak zum ersten Mal die Liebe seiner Mutter erlebte und die für ihn immer eine lebendige Welt sein wird. Und die Worte“ Er gewann sie lieb“ zeigen, dass die beiden diese Welt der Liebe und somit das Andenken an Sara bewahren.  Es gibt keine bessere Erinnerung an einen Menschen, als seiner Liebe  zu ermöglichen, ihre Früchte zu tragen, auch nachdem er nicht mehr mit uns ist.

Deswegen ist es wichtig für uns, die Nachkommen Saras, die Nachkommen Isaaks die jüdische Tradition zu bewahren, die uns dazu aufruft, niemals die verstorbenen Eltern zu vergessen. Das bedeutet nicht, dass wir uns an sie manchmal mit dem Seufzer erinnern. Das bedeutet, dass wir mit unseren konkreten Taten von ihrem Leben und ihrer Liebe zu uns zeugen sollen. Unter anderem sollen wir als Erinnerung an sie „Ner Neschama“ („Die Kerze der Seele“) in der Jahrzeit, am Tag der Erinnerung an ihren Tod nach dem jüdischen Kalender, anzünden. Wir sollen versuchen, unsere Verwandten und Freunde am Sabbat, der diesem Tag folgt, in der Synagoge zu versammeln und Kaddisch, das jüdische Totengebet, zu sagen. Und natürlich, sollen wir Werke der Nächstenliebe und Zdaka („Spende“) als Erinnerung an unsere Eltern machen.  Somit ermöglichen wir der Liebe unserer Eltern, ihre Früchte zu tragen, auch wenn sie körperlich nicht mehr mit uns sind.

Die Mutter trägt ihre Kinder unter ihrem Herzen die ersten 9 Monate ihres Lebens. Nach ihrem Hinscheiden tragen ihre Kinder ihre Liebe in ihrem Herzen das ganze Leben lang. Aber mehrere Jahrtausende lang weiß die jüdische Tradition, dass ohne die drei obengenannten Elemente der Liebe zu unseren Eltern  das Licht dieser Liebe erlischt. Wir begraben beinahe von neuem nicht unsere Eltern, sondern die Erinnerung an sie.

Deswegen zünden wir jedes Jahr „Ner Neschama“ in unserem Haus, damit unsere Kinder sehen, dass wir unsere Eltern nicht vergessen und damit sie uns nicht vergessen.  Deswegen laden wir zum Kaddisch in die Synagoge unsere Verwandten und Freunde ein, um von unserer Erinnerung vor der ganzen jüdischen Gemeinde und dem ganzen jüdischen Volk zu zeugen. Deswegen machen wir die Werke der Nächstenliebe zum Andenken an sie, damit ihre Liebe weiter Früchte unter den lebenden Menschen trägt:

„G'tt voller Erbarmen, in den Himmelshöhen thronend,
es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart, in den Höhen der Gerechten und Heiligen,
strahlend wie der Glanz des Himmels,
all die Seelen aller Verstorbenen Menschen.

Sieh die gesamte Gemeinde betet für das Aufsteigen ihrer Seelen,
so berge sie doch Du, Herr des Erbarmens,
im Schutze deiner Fittiche in Ewigkeit
und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens.

G'tt sei ihr Erbbesitz,
und im Garten Eden ihre Ruhestätte,
und sie mögen ruhen an ihrer Lagerstätte in Frieden.
Und sie mögen wieder erstehen zu ihrer Bestimmung
am Ende der Tage.

Schabbat Schalom!

Dr. Navon,

Liberaler Landesrabbiner , LJGH für Hamburg

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Wa-jjera (18./19.11.2016)

Unser Wochenabschnitt der Tora „Wa-jjera‘“ („Und erschien“) beginnt mit dem Versprechen des Ewigen an Awraham und Sara, dass ihnen ein Sohn geboren wird. Sara, die seit langem nicht mehr fähig war, ein Kind zu gebären, lachte dabei innerlich. Deswegen deutet der Name des geborenen Kindes, Izchak/Isaak, darauf hin, dass seine Mutter nicht an das Versprechen des Ewigen glaubte:

Da erschien ihm (Awraham) der Ewige  bei den Terebinthen Mamres, als er an der Tür seines Zeltes saß zur heißen Tageszeit.

Und er erhob seine Augen und schaute, siehe, da standen drei Männer ihm gegenüber. Und als er sie sah, eilte er ihnen entgegen vom Eingang seines Zeltes, beugte sich zur Erde nieder

und sprach: Mein Herr, habe ich Gnade vor deinen Augen gefunden, so geh doch nicht vorüber an deinem Knecht! (…)

Da sprach Er: Gewiss will ich um diese Zeit im künftigen Jahr wieder zu dir kommen, und siehe, deine Frau Sarah soll einen Sohn haben! Sarah aber horchte am Eingang des Zeltes, der hinter ihm war.

Und Abraham und Sarah waren alt und recht betagt, sodass es Sarah nicht mehr nach der Weise der Frauen ging.

Darum lachte sie in ihrem Herzen und sprach: Nachdem ich verblüht bin, soll mir noch Wonne zuteilwerden! Dazu ist mein Herr ein alter Mann!

Da sprach der Ewige zu Abraham: Warum lacht Sarah und spricht: »Sollte ich wirklich noch gebären, so alt, wie ich bin?«

Sollte denn dem Ewigen etwas zu wunderbar sein? Zur bestimmten Zeit will ich wieder zu dir kommen im nächsten Jahr, und Sarah wird einen Sohn haben!

Da leugnete Sarah und sprach: Ich habe nicht gelacht!, denn sie fürchtete sich. Er aber sprach: Doch, du hast gelacht! 1. Mose 18 (…)

Und Abraham gab seinem Sohn, der ihm geboren wurde, den ihm Sarah gebar, den Namen Isaak.

Und Abraham beschnitt Isaak, seinen Sohn, als er acht Tage alt war, wie es ihm Gott geboten hatte.

Und Abraham war 100 Jahre alt, als ihm sein Sohn Isaak geboren wurde.

Und Sarah sprach: Gott hat mir ein Lachen bereitet; wer es hören wird, der wird lachen über mich! 1. Mose 21

Isaak/Izchak hat denselben Wortstamm wie das Wort „Zechok“, - das Lachen. Am Ende wird Gott selbst über unser ungläubiges Lächeln lachen!

Genauso machen wir es manchmal in unserem Leben. Wir glauben nicht an unseren Erfolg und lachen ironisch über uns selbst. Wir weinen und klagen über unser Schicksal, weil wir das, was wir wollen, nicht erreichen können, aber trotzdem kommen Erfolg und Freude oft zu uns, wenn wir einfach erschöpft sitzen und ruhen.

Der Ewige zeigt uns damit, dass Er an uns und unsere Fähigkeiten mehr glaubt als wir selbst. Er will, dass wir mit Ihm auch lächeln können, dass wir mit Gott in Frieden und Freude leben, dass wir uns mit Ihm glücklich fühlen können. Als wir noch kleine Kinder waren, haben wir das ohne Worte verstanden, aber je mehr wir unsere Erfahrungen in und mit dieser Welt machen, desto weniger wollen (oder können?) wir uns über unser unglaubliches Glück freuen.

In dieser Geschichte gibt es einen erstaunlichen Augenblick.

Awraham hat vorher nicht für sein Wunderkind Izchak gebetet,

aber Gott gibt ihm das Beste, als er in Ruhe an der Tür seines Zeltes saß:

„Da erschien ihm (Awraham) der Ewige  bei den Terebinthen Mamres, als er an der Tür seines Zeltes saß zur heißen Tageszeit. Und er erhob seine Augen und schaute…“.

Ein Philosoph sagt: „Das Glück ist ein Schmetterling. Jag ihm nach, und er entwischt dir. Setz dich hin, und er läßt sich auf deiner Schulter nieder. (Anthony de Mello, „Eine Minute Unsinn“).

Wir sind die Kinder Awrahams, wir sind die Kinder Izchaks - des Lachen Gottes:

setz dich hin und erhebe deine Augen!

Shabbat shalom!

Rabbiner Dr. Navon

Liberaler Landesrabbiner für LJG zu Hamburg

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Sukkot 5777

Ein Stromkreis fließt immer zwischen zwei Polen. So ist das auch im Leben des Volkes Israel

Schon zur Zeit  des Jerusalemer Tempels gab es diese zwei Pole: jedes Jahr im Frühling und im Herbst besuchte jeder Jude und jede Jüdin zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen den Tempel in Jerusalem: zu Pessach, Schawuot und Sukkot. Zu Pessach – zum Fest des  Auszugs des jüdischen Volkes aus Ägypten, aus dem Haus der Sklaverei, und zu Sukkot, wenn an die Wanderung des jüdischen Volkes durch die Wüste erinnert wurde,  in der sie all ihre Hoffnung nur auf Gott setzten.


Auch damals ging Pessach dem Schawuot - Fest  voran. Pessach ist die Erinnerung an die menschliche, physische Befreiung.  Schawuot ist das Fest der geistlichen Befreiung, das Fest der Freiheit des Volkes Israels; zu Schawuot feiern wir, dass die Zeit gekommen war, den Bund mit Gott zu schließen.

Aber auch Rosch Ha-Schana und Jom-Kippur gingen dem Sukkot- Fest  voraus.  Sie werden gefeiert, um für die Aussöhnung mit Gott alles zu tun, was wir als Menschen tun können. Das Feiern dieser Feste ermöglicht die Erneuerung des Bundes nach einer Zeit der Umkehr.

Gemäß dem Midrasch führte die Sünde beim Tanz um das goldene Kalb zu dieser Notwendigkeit der Erneuerung. Deshalb kam Moshe mit der zweiten Ausführung der Tafeln des Bundes vom SINAI herunter, an diesem allerersten JOM HA-KIPPURIM zu dem Volk Israel.

Man kann also sagen: wir hatten einmal die zerbrochenen Tafeln des Bundes und die ganzen  -   heute aber haben wir nur noch die Erinnerungen an sie und an den Tempel in Jerusalem: wir haben kein festes Gebäude für Gott und seine Tafeln. Deshalb bekommt auch das Fest Sukkot eine neue Dimension:

Wir feiern heute Sukkot, das Laubhüttenfest, in der zeitlichen Laubhütte, nicht in der eines festen Gebäudes. In diesem Sinn will das jüdische Volk die Anwesenheit Gottes in seiner Mitte, auch ohne festes Gebäude, für das ganze nächstes Jahr gewinnen.

Wenn wir dafür, zu diesem Zweck, keine feste Gebäude haben, haben wir trotzdem ein feste Hoffnung auf den Gott Israels. Wir hoffen, dass der Ewige für sein Volk, für seinen einzigartigen Sohn und Diener, immer ein festes Haus – ohne Kredite und ohne Machenschaften - hat!

Damit hängt auch das Gebot des Nehmens des Lulaw (Netilat Lulaw) zusammen. Zu Sukkot schütteln wir vier Pflanzenarten in die vier Himmelsrichtungen. Zusammen mit den Pflanzen und der ganzen Natur dürstet unser Körper nach Wasser und Leben. Das ganze obdachlose Weltall zittert mit uns vor Gott in der Hoffnung, dass wir alle – die Menschen und die Sterne - mit Ihm eine sichere Unterkunft bekommen! Unsere Seele dürstet nach der lebendigen Energie, die vom Schöpfer ausgeht. Die Wüste des Hasses trocknete unsere Seele aus.

Die festlichen Gottesdienste in der Synagoge in dieser Zeit stärken uns. Sie bringen uns dazu,  diese verschütteten Quellen wieder auszugraben. Das ist ein gesegneter Weg: wir sollen in der Wüste der Menschheit graben, um  das lebendige Wasser der Menschlichkeit zu finden. Auch in uns selbst! Die Frucht dieser inneren Arbeit ist die Rückkehr zu uns selbst. Wir werden dabei wieder zu Gottes Abbild, das in jedem Mensch verborgen ist. Wir finden damit den Weg zurück zum verlorenen Frieden.

Deshalb gibt es auch heute bei uns zwei Pole in unseren festlichen Gottesdiensten: zwischen den Synagogalen Gottesdiensten und unserer täglichen Begegnung mit den Mitmenschen. Der Segenskreislauf strömt vom Menschen zum Mitmenschen im Rhythmus seines Herzens, um sich allmählich unter allen Menschen auf der Erde auszubreiten.

Wir sollen allerdings aufmerksam darauf achten, dass die positive Energie, die wir unseren Mitmenschen spenden, mit dem Überfluss zu uns zurückkommt. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass Gott selbst als einzigartige Quelle des Segens in unserem Leben ist. Die Erfüllung der sittlichen Gebote der Thora hilft uns dabei. Sie sind wie zwei Ufer, die den lebendigen Fluss bewahren.

Chag sukkot sameach!

Rabbi Dr. Navon

Liberaler Landesrabbiner LJGH für Hamburg

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Jom Kippur 5777

Heute feiern wir Jom Kippur mit Fasten, Umkehr und Gebet. Im Altertum, als der Tempel noch existierte, brachte man an diesem Tag besondere Opfer dar. Der Hohepriester legte dem Sündenbock die Sünden des Volkes auf und schickte ihn damit in die Wüste.

Seit 2000 Jahren haben wir keinen Sündenbock für unseren Jom-Kippur. Trotzdem feiern wir Jom Kippur auf unsere eigene, ganz jüdische und menschliche Weise. Jochanan Ben Sakkaj, ein berühmter Rabbiner der talmudischen Zeit, betonte, dass wir statt des Opferaltars Gmilut Chassadim haben, das heißt: Werke der Nächstenliebe. Wir können uns das Judentum nicht ohne dieses grundtiefe Konzept vorstellen.

Andererseits haben wir bis jetzt noch nicht völlig die Lehre aus diesem Konzept von Jochanan Ben Sakkaj gezogen. Wir haben nicht wirklich verstanden, worauf es ankommt. Bis heute suchen wir unbewusst immer noch den Sündenbock, dem man die Schuld für unsere Handlungen geben oder aufbürden kann. Und wenn wir keinen Sündenbock zur Hand haben oder finden, dann versuchen wir unbewusst, die Schuld auf unseren Nächsten abzuwälzen.

Seitdem vergessen wir oft, dass wir schon lange kein „priesterliches Judentum“ mehr erleben, sondern ein rabbinisches. Warum passiert das mit uns? Warum wälzen wir die Schuld von uns ab anstatt für sie einzustehen und Verantwortung zu übernehmen? Weil wir oft den Hochmut vor Gott anstelle der Demut wählen.

Der Talmud sagt deswegen: „Vierer Dinge wegen geht den Haushalten der Besitz verloren: u. a.: wegen derer, die ein Joch von ihrem Hals abwerfen und es ihren Mitmenschen auflegen […]“ (bSuk 29b). – Wir können uns selbst sogar wegen den Hochmut verlieren.

Deswegen schreibt uns das Judentum an diesem Tag der Versöhnung die erschöpfende Fastenzeit und die tiefen Gebete vor, um unseren starken Wunsch, einen Sündenbock zu finden, in den starken Wunsch zu verwandeln, unseren Mitmenschen zu unterstützen. Es ist ein ständiger Weg der Besserung unseres Lebens im nächsten Jahr!

Neben all dem Dunklen, der Schuld und dem Leid, mit dem wir uns in uns selbst auseinander setzen sollen, soll immer auch das Licht der Weisheit, ein Aufatmen, zu sehen und zu spüren sein.

Wir machen in unserem Glauben diese sehr positive Erfahrung. Sie bringt uns weiter und lässt uns eine andere, eine neue, menschliche Haltung einnehmen. Gott zeigt uns den Weg. Darum lernen wir mit dem Talmud weiter:

„Rav sagte: Vierer Dinge wegen geht den Haushalten der Besitz verloren: ... Und der dreiste Hochmut schließt alles andere ein. Aber über die Demütigen (anavím) steht geschrieben: ‚Und die Demütigen werden das Land erben und großen Frieden genießen’“ (Ps 37,11), (Talmud bSuk 29b).

Nur der Demütige kann wissen, wie man das Joch der Werke der Nächstenliebe tragen kann!

Gmar Chatima Towa

Dr. Navon, Liberaler Landesrabbiner der LJGH für Hamburg

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Shabbat Shuva (08.10.2016)

Die zehn Tage der Buse, die zwischen Rosch HaSchana und Jom Kipur liegen, sind von besonderer Bedeutung für alle Juden. Unsere Taten werden gemessen und unserer Namen werden hoffentlich in das Buch des Lebens geschrieben. Kommen Sie und beten mit uns!

Heute werden wir auch für unserer Freunde in Florida (USA) – Frau Frank, ihre Familie und ihre Gemeinde Temple Beit Am, sowie für die ganze Florida und Region beten. Ein besonders schwerer Sturm zieht über die Region und hat schon viele Tote und Verwüstungen gefordert. Frau Frank unterstützt unsere Gemeinde in außerordentlichen Ausmaß. Wir fühlen uns ihr persönlich verbunden und möchten ein Gebet für Ihr Wohl und Gesundheit sprechen. Bitte, beten mit uns!

Seien Sie alle eingeschrieben in das Buch des Lebens!

Schabbat Shalom

Rabbiner Moshe Navon

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Wort des Rabbiners, Einweihung des Friedhofs der LJGH. 06.10.2016

"Bei uns, Juden, ist ein Friedhof sehr wichtig; wir möchten, daß die Toten in Ruhe liegen können. Es heißt für uns ein 'Beit Chajim', ein Haus des Lebens, weil hier sind die Menschen, die ins ewiges Leben eingegangen sind. Es ist für uns sehr wichtig, und besonders, hier, nach der Schoa! Ich habe in Israel einen Menschen kennengelernt. Er erzählte mir persönlich, dass er viele Menschen sah, die nach dem Ermorden nicht begraben wurden und er wollte deshalb jedem Menschen seine letzte Ehre geben.
Das Krankenhaus „Rambam“ in Haifa kannte ebenfalls seine Telefonnummer.
Er wollte nicht, dass man die Leichen der abgetrieben Babys in den Müll wirft.
Er nahm jedes tote Kind mit seinem Auto und begrub sie persönlich mit Gebet im Friedhof. Er erzählte mir, dass die Babys kleine Menschen waren und dass er noch ihre Wärme gespürt hat.

Ein englischer Philosoph, Thornton Wilder, hat einmal gesagt: "Da ist ein Land der Lebenden und da ist ein Land der Toten; als Brücke dazwischen ist unsere Liebe."

Die Jüdische Tradition fördert von uns diese Liebe als eine Brücke durch die Erinnerung an die Verstorbenen zu bauen. Die Mutter trägt Ihre Kinder unter ihrem Herz neuen Monaten bis zur Geburt, die Liebe der Kinder begleitet die Seele ihrer Mutter bis in Ewigkeit.

Wir danken Gott dass wir jetzt endlich einzigartige Möglichkeit haben, Juden und ihre Verwandten die letzte Ehre zu erweisen.
Ich werde nun Psalmen vorlesen, während wir gemeinsam siebenmal in Prozession das Gelände umrunden, um zu zeigen, daß von nun an dieses Grundstück für die ewige Erinnerung geweiht ist.

Dannach sagen wir das Kaddisch und El Male Rachamim.

Ich hoffe, wir werden uns nicht zu oft hier treffen.

קדיש יתום נוסח אשכנז

יִתְגַּדַּל וְיִתְקַדַּשׁ שְׁמֵיהּ רַבָּא. [אמן בְּעָלְמָא דִּי בְרָא, כִרְעוּתֵהּ. וְיַמְלִיךְ מַלְכוּתֵהּ, וְיַצְמַח פֻּרְקָנֵה, וִיקָרֵב מְשִׁיחֵהּ. [אמן]

בְּחַיֵּיכוֹן וּבְיוֹמֵיכוֹן וּבְחַיֵּי דְכָל-בֵּית יִשְׂרָאֵל, בַּעֲגָלָא וּבִזְמַן קָרִיב, וְאִמְרוּ אָמֵן.
[אמן יְהֵא שְׁמֵיהּ רַבָּא מְבָרַךְ, לְעָלַם לְעָלְמֵי עָלְמַיָּא]
יְהֵא שְׁמֵיהּ רַבָּא מְבָרַךְ, לְעָלַם לְעָלְמֵי עָלְמַיָּא יִתְבָּרַךְ וְיִשְׁתַּבַּח וְיִתְפָּאַר וְיִתְרוֹמַם וְיִתְנַשֵּׂא וְיִתְהַדָּר וְיִתְעַלֶּה וְיִתְהַלָּל, שְׁמֵהּ דְּקֻדְשָׁא בְרִיךְ הוּא. [אמן לְעֵלָּא מִן-כָּל-בִּרְכָתָא, שִׁירָתָא, תִּשְׁבְּחָתָא וְנֶחָמָתָא דַאֲמִירָן בְּעָלְמָא, וְאִמְרוּ אָמֵן. [אמן]

יְהֵא שְׁלָמָא רַבָּא מִן שְׁמַיָּא וְחַיִּים עָלֵינוּ וְעַל כָּל יִשְׂרָאֵל וְאִמְרוּ אָמֵן. [אמן]

עֹשֶׂה שָׁלוֹם בִּמְרוֹמָיו, הוּא בְּרַחֲמָיו יַעֲשֶׂה שָׁלוֹם עָלֵינוּ, וְעַל כָּל-עַמּוֹ יִשְׂרָאֵל, וְאִמְרוּ אָמֵן. [אמן]

Gott voller Erbarmen, in den Himmelshöhen thronend,
es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart,
in den Höhen der Gerechten und Heiligen, strahlend wie der Glanz des Himmels,
all die Seelen der Sechs-Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa,
ermordet, geschlachtet, verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens;
durch die Hände der Nazi-Mörder und ihrer Helfer aus den weiteren Völkern.

Sieh die gesamte Gemeinde betet für das Aufsteigen ihrer Seelen, so berge sie doch Du, Herr des Erbarmens, im Schutze deiner Fittiche in Ewigkeit und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens.

G'tt sei ihr Erbbesitz, und im Garten Eden ihre Ruhestätte, und sie mögen ruhen an ihrer Lagerstätte in Frieden. Und sie mögen wieder erstehen zu ihrer Bestimmung am Ende der Tage.

 

לזכר קורבנות השואה

אֵל מָלֵא רַחֲמִים, שׁוֹכֵן בַּמְּרוֹמִים,

הַמְצֵא מְנוּחָה נְכוֹנָה, עַל כַּנְפֵי הַשְּׁכִינָה,

בְּמַעֲלוֹת קְדוֹשִׁים וּטְהוֹרִים, כְּזוֹהַר הָרָקִיע מַזְהִירִים,

אֶת כָּל הַנְּשָׁמוֹת שֶׁל שֵׁשֶׁת מִילְיוֹנֵי הַיְּהוּדִים, חַלְלֵי הַשּׁוֹאָה בְּאֵירוֹפָּה,

שֶׁנֶּהֶרְגוּ, שֶׁנִּשְׁחֲטוּ, שֶׁנִּשְׂרְפוּ וְשֶׁנִּסְפּוּ עַל קִדּוּשׁ הַשֵׁם, בִּידֵי הַמְרַצְּחִים הָנַאצִים וְעוֹזְרֵיהֶם מִשְּׁאָר הֶעַמִּים.

לָכֵן בַּעַל הָרַחֲמִים יַסְתִּירֵם בְּסֵתֶר כְּנָפָיו לְעוֹלָמִים,

וְיִצְרוֹר בִּצְרוֹר הַחַיִּים אֶת נִשְׁמוֹתֵיהֶם.

ה' הוּא נַחֲלָתָם, בְּגַן עֵדֶן תְּהֵא מְנוּחָתָם,

וְיַעֶמְדוּ לְגוֹרָלָם לְקֵץ הַיָּמִין, וְנֹאמַר אָמֵן.

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Rosch ha-Schana  5777 - 2016

Wir feiern an Rosch ha-Schana die Erschaffung des ersten Menschen, Adam. Wenn wir uns in den Sinn der folgenden Mischna vertiefen, so können wir verstehen, dass wir wirklich auch die Erschaffung eines jeden von uns feiern:
«...Um zu bezeugen die Größe des Heiligen, gelobt sei er, geschieht es, dass ein Mensch so viele Münzen mit einem Stempel prägt, und alle gleichen sie einander, aber der König aller Könige, der Heilige, gelobt sei er, prägt jeden Menschen mit dem Stempel des ersten Menschen, und nicht einer gleicht dem anderen. Deshalb ist jeder einzelne Mensch verpflichtet zu sagen: Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden» (Traktat Sanhedrin Kapitel IV Mischna V ):

Diese Mischna betont die absolute Einzigartigkeit eines jeden von uns: Jeder von uns ist wie der erste Adam in der ganzen Welt: „Diese unfassbare Welt ist für mich erschaffen worden, und ich kann das deutlich durch mein Leben ausdrücken. Andererseits kann ich die Einzigartigkeit eines anderen Menschen anzunehmen! Er kann dasselbe sagen: Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden“.
Wir vertiefen weiter mit Leo Baeck:
„Warme Herzen sind immer zu finden, die zeitlebens in heißer Regung eine ganze Welt beglücken möchten, aber noch nie den prosaischen Versuch unternommen haben, auch nur einem Menschen wahrhaft Segen zu bereiten. Es ist leicht, sich an Menschenliebe zu begeistern, sich tränenfeucht in ihr zu ergehen. Irgendeinem, der nichts weiter als eben ein Mensch ist, Gutes zu tun, sein Menschenrecht durch die Tat anzuerkennen, ist schwerer. Wer im Namen seines Menschenrechts vor uns hintritt, fordert damit die bestimmte sittliche Handlung, die nicht ersetzt sein kann durch das bloße allgemeine Wohlwollen...... Womit hat sich nicht die bloße Nächstenliebe schon abgefunden!“
Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass Menschen oft schöne Worte verwenden, um ihre unschönen Taten zu vertuschen. Sie missbrauchen andere Menschen als seelenlose Nutzbringer für ihre Interessen. Aber ihre Taten schreien lauter als ihre Münder. Daher schreibt die jüdische Tradition 10 Tage der Buße von Rosch Haschana bis Jom Kippur vor. Nur eine Person, die sich von allem Bösen und aller Infamie losgesagt hat, ist fähig, persönliche Beziehungen zu Gott und den Mitmenschen aufzubauen. Dann kann der Mensch verstehen, was es heißt: „Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden, " Das bedeutet, gut und schön zu leben, weil in dieser schönen Welt Gottes viele andere schöne Menschen und Lebewesen leben. Durch dein Wesen sollst du SIE ALLE erfreuen, so dass SIE ALLE sagen können: Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden!

Shana Tova!

Dr. Moshe Navon, Liberaler Landesrabbiner der LJG zu Hamburg

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Wochenabschnitt Ki-Teze (17.09.2016)

Der Ewige, dein Gott, verwandelte für dich den Fluch in Segen, weil der EWIGE, dein Gott, dich liebt.

In unserem Wochenabschnitt steht geschrieben:

 „Kein Ammoniter oder Moabiter soll in die Gemeinde des EWIGEN kommen; auch nicht das zehnte Glied soll in die Gemeinde des Ewige kommen, ewiglich; 4weil sie euch nicht mit Brot und Wasser entgegenkamen auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zoget, und dazu Bileam, den Sohn Beors, von Petor in Mesopotamien wider euch dingten, dass er dich verfluchte. 5 Aber der Ewige, dein Gott, wollte nicht auf Bileam hören; sondern der Ewige, dein Gott, verwandelte für dich den Fluch in Segen, weil der EWIGE, dein Gott, dich liebt.“ Dewarim 23, 4-6 = 5 Mose.

In unserer Haftara steht geschrieben:

„Fürchte dich nicht, denn du wirst nicht beschämt werden! Schäme dich nicht, denn du sollst nicht zuschanden werden; denn du wirst die Schande deiner Jugend vergessen, und an die Schmach deiner Witwenschaft wirst du nicht mehr gedenken… Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit werde ich dich sammeln“. Jesaia 54, 1-10

Balak und Bileam opfern und beten vor Gott zusammen, um mit dem Fluch, mit dem Rufmord, das Leben der Söhne Israels, die Gott lieben, zu vernichten (Bemidbar 23).

Gott aber verwandelte für die Söhne Israels den Fluch in Segen, weil ER, der EWIGE, sie liebt – bis heute.

Wozu brauchen wir noch einen Kommentar? Sind die Thora - das Wort Gottes und die Jüdische Tradition - nicht geradezu absolut in diesen Worten für uns lebendig und aktuell, für die Liberale Jüdische Gemeinde für Hamburg?!

Der fremde Prophet sieht die Zelte Israels vom hohen Berg aus, wie ein Adler, und segnet dieses Volk: „«Wie schön sind deine Zelte, Jakob“ und „deine bescheidene Liberale Jüdische Gemeinde, Israel!“ – antworten alle unsere Freunde in der ganzen Welt (Vgl. Bemidbar. 24,5). Es ist eine schöne und dramatische Erzählung in der Thora, aber sie wiederholt sich in unserem Leben auch heute. Der jüdische Prophet sagt uns: „Fürchte dich nicht, denn du wirst nicht beschämt werden!“

Die Rabbinerin Regina Jonas tröstet uns auch durch einen Brief aus dem Konzentrations-Lager Theresienstadt, durch einen Kommentar, in Bezug auf unseren Wochenabschnitt:

„Du sollst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet “ Bemidbar 22, 12

Unser jüdisches Volk ist von Gott in die Geschichte gesandt worden als ein „gesegnetes“. Von Gott „gesegnet“ sein heißt, wohin man tritt, in jeder Lebenslage Segen, Güte, Treue spenden. Demut vor Gott, selbstlose hingebungsvolle Liebe zu seinen Geschöpfen erhalten die Welt. Diese Grundpfeiler der Welt zu errichten, war und ist Israels Aufgabe. – Mann und Frau, Frau und Mann haben diese Pflicht in gleicher jüdische Treue übernommen. Diesem Ideal dient auch unsere ernste prüfungsreiche Theresienstädter Arbeit. Diener Gottes zu sein und als solche rücken wir aus irdischer in ewige Sphären.

Möge all unsere Arbeit, die wir uns bemühten als Diener Gottes zu leisten, zum Segen für Israels Zukunft sein, und die der Menschheit… “

Die Nazis haben Menschen zu Nummern gemacht und danach ausgelöscht. Es war Fluch und es war Vernichtung. Wir, die Juden in Deutschland in Hamburg, sollen dagegen Menschen, die uns begegnen, als Gottes Segen in unserem Leben begreifen. Aus dieser selbstloser hingebungsvolle Liebe können wir uns bewusst machen, dass es Menschen sind: die Zahl ist nicht ihr Wesen.

Die Thora lehrt uns über wesentliche Aufgabe Israels: „Gott sagt zu Awraham: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (Bereschit 12, 2-3 = 1 Mose). - Es besteht für uns alle immer die Gefahr, dass die geistlichen Nachkommen von Bileam und von Balak die religiösen Gefühle missbrauchen. Leider wirken die schrecklichen Konsequenzen der Schoah noch nach in unseren Seelen. Wie viele Menschen sind darin schon geübt, die Namen ihrer Mitmenschen durch Rufmord in eine Nummer zu verwandeln, um den Weg zu ihren egoistischen Zwecken „frei zu räumen“?! Deshalb tröstet uns alle Gott: „Ich bin der Ewige, ich bin auch mit dir in dieser enttäuschenden Notsituation, ich verwandlee für dich den Fluch in Segen!“ Seine zarte Flamme entzündet die Liebe in unserem Herzen und verbrennt den Hass, seine zarte Stimme verwandelt den Fluch in Segen, und den Rufmord in die ewige Ehre. Jeder, der diese gesegnete Atmosphäre in jüdischen Gemeinden in Deutschland treu unterstützt, kann ehrlich in jüdischem Gottesdienst Gott segnen:

„Gesegnet seiest Du, Ewiger, unser Gott, der uns aus Ägypten und aus den Gruben der Shoah herausgeführt hat.

Gesegnet seiest Du, Ewiger, der  uns noch immer aus den Gruben des Hasses, der Rache und des Mordes in die Liebe, in die Versöhnung und in das gesegnete Leben herausführt.

Gesegnet seiest Du, Ewiger, unser Gott, der für uns aus seiner Liebe heraus den Fluch in Segen verwandelt!“

Dr. Moshe Navon, Liberaler Landesrabbiner der LJG zu Hamburg

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Paraschat Schoftim (7 Elul 5776 - 9-10 September 2016)

5 Mose = Dwarim 16:18-21:9 / Haftara des Trostes: Jeschajahu 51:12-52:12

Einsetzung von Richtern. Bewahrung des Rechts

Du sollst dir Richter und Vorsteher einsetzen in den Toren aller deiner Städte, die der Ewige, dein Gott, dir gibt in allen deinen Stämmen, damit sie das Volk richten mit gerechtem Gericht.

Du sollst das Recht nicht beugen. Du sollst auch die Person nicht ansehen und kein Bestechungsgeschenk nehmen, denn das Bestechungsgeschenk verblendet die Augen der Weisen und verdreht die Worte der Gerechten.

Der Gerechtigkeit, ja der Gerechtigkeit jage nach, damit du lebst und das Land besitzen wirst, das der Ewige, dein Gott, dir geben will.

Verbot des heidnischen Götzendienstes

Du sollst dir kein Aschera-Standbild von irgendwelchem Holz aufstellen neben dem Altar des ewigen, deines Gottes, den du dir machen wirst, und du sollst dir auch keine Gedenksäule aufrichten, die der Ewige, dein Gott, hasst.

Leitgedanken (haGalil):
"Ihr sollt keinen Baum pflanzen,
der Götzen dient"
(Dew. 16:21)

„Frage: Dieses Verbot ist dem Gebot, Richter zu ernennen, gegenüber gestellt. Warum gleicht ein unfähiger Richter einem Götzenbaum?"

Antwort: Es ist leicht, ein Götzenbild zu erkennen, wenn es aus Holz geschnitzt oder in Stein gehauen wurde. Aber ein Götzenbaum sieht aus wie jeder andere Baum.

Ein schlechter Richter wird mit einem solchen Baum verglichen, weil er äußerlich wie alle anderen Richter ist. Alle haben einen Bart und peijot; sie tragen rabbinische Gewänder und sehen vornehm aus. Aber sie können innerlich korrupt sein.

Ein ehrlicher Richter hat seinen eigenen Willen. Er lässt sich von niemandem beeinflussen und weicht kein Jota von der Torah ab. Ein schlechter Richter lässt sich leicht von anderen Leuten beeinflussen. Er wird mit einem Baum verglichen, weil er sich nach dem Wind der öffentlichen Meinung nach allen Seiten biegt und die Gruppe bevorzugt, von der er sich Vorteile verspricht“. (Die Quelle: http://www.hagalil.com/judentum/torah/wochenabschnitt/schoftim.htm ).

Ein ehrlicher Richter lehrt und richtet gemäß Gottes Willen. Er weicht kein Jota von der inneren Gelassenheit, Integrität, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ab.

Die liberalen Juden kehrten nach der Shoah nach Hamburg zurück, um diesen Weg als ganzheitliche Menschen, mit Verstand und Herz, fortzusetzen. Wer die Torah mit offenen Augen erforscht, der weiß, dass der Weg zur persönlichen Freiheit durch die Beziehung zwischen den Menschen verläuft. Wer lernt, jeden Tag seine Mitmenschen mit Liebe und Würde zu behandeln, der wird von Gott erhöht: „Was wir an unseren Mitmenschen tun, ist Gottesdienst.“ (Leo Baeck) 

Die Welt leidet wieder unter dem Terror der Unmenschlichkeit, der versucht, andere Menschen zu erniedrigen oder sogar zu vernichten. In dieser Zeit sollten wir unsere Mitmenschen in unserer Gemeinde mit noch größerer Aufmerksamkeit und Würde behandeln, um gegen die Welle der Unmenschlichkeit einen ständigen Widerstand zu leisten.
Die liberalen Juden versuchen nach der Shoah auch nach Hamburg zurückzukehren.

Frage: Was brauchen wir jetzt hier besonders für unsere Gemeinde?

Antwort: ehrliche Menschen!


Liebe Freunde, ich wünsche Ihnen einen friedlichen Schabbat mit den ehrlichen Mitmenschen, dieses Schabbates, sowie aller nächsten Schabbatot

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon in der LJGH für Hamburg

P.S. Anthony de Mello - Ein ehrlicher Finder

Mulla Nasrudin fand am Weg einen Diamanten, aber laut Gesetz können Finder den Fund nur

behalten, wenn sie ihn mitten auf dem Marktplatz dreimal bei verschiedenen Gelegenheiten ausgerufen haben.

Nasrudin war jedoch ein zu religiös gebundener Mensch, um das Gesetz zu missachten, und zu habgierig, um das Risiko einzugehen, seinen Fund herausrücken zu müssen. Also begab er sich in drei aufeinanderfolgenden Nächten, als er sicher war, dass jedermann fest schlief, in die Mitte des Marktplatzes und verkündete mit leiser Stimme: "Ich habe einen Diamanten gefunden an der Straße, die in die Stadt führt. Jeder, der den Eigentümer kennt, sollte sich sofort mit mir in Verbindung setzen."

Natürlich wurde davon niemand klüger als zuvor, außer einem Mann, der in der dritten Nacht zufällig am Fenster stand und den Mulla etwas murmeln hörte.

Als er herauszufinden versuchte, was das war, antwortete Nasrudin: "Ich bin in keiner Weise verpflichtet, dir das zu sagen. Aber so viel werde ich sagen: Da ich ein rligiöser Mensch bin, habe ich mich des Nachts hierher begeben, um in Erfüllung des Gesetzes gewisse Wörter auszusprechen."

Man muss nicht das Gesetz brechen, um wirklich niederträchtig zu sein. Man braucht es nur buchstabengetreu zu befolgen.

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Wochenabschnitt Balak
Balaks Auftrag an Bileam (Bemidbar 22-24) (15.07.2016)

In unserem Wochenabschnitt steht geschrieben, dass Balak, der König der Moabiter, Bileam bittet, den bedrohlichen Vormarsch Israels aus Ägypten durch einen Fluch zu stoppen. Es war eine heidnische Sitte): ein fremdes Volk mit Hass zu verfluchen, zu erniedrigen und  zu vernichten. Der fremde Prophet Bileam hat diesen gut bezahlte Job von König Balak bekommen, aber in der Stille seiner Seele, in seinem Gewissen hört er eine zarte Stimme: „Du sollst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet “ Bemidbar  22, 12 = 4 Mose.
Balak und Bileam opfern und beten vor Gott zusammen, aber sie verfolgen ganz verschiedene Zwecke: der eine sucht den Fluch bei Gott, um das Leben des Anderen zu vernichten, der andere bekommt den Segen von Gott, um das Leben der Anderen zu unterstützen:
„Und Bileam sprach zu Balak: Baue mir hier sieben Altäre, und stelle mir hier sieben Stiere und sieben Widder bereit!
2 Und Balak machte es so, wie es Bileam ihm sagte. Und Balak und Bileam opferten auf jedem Altar einen Stier und einen Widder.
3 Und Bileam sprach zu Balak: Tritt zu deinem Brandopfer! Ich will dorthin gehen. Vielleicht begegnet mir der HERR, und was er mich sehen lassen wird, das werde ich dir verkünden! Und er ging hin auf eine kahle Höhe.
4 Und Gott begegnete dem Bileam. Er aber sprach zu ihm: Die sieben Altäre habe ich errichtet und auf jedem einen Stier und einen Widder geopfert.
5 Der HERR aber legte Bileam ein Wort in den Mund und sprach: Kehre um zu Balak, und so sollst du reden!
6 Und er kehrte zu ihm zurück, und siehe, da stand er bei seinem Brandopfer, er und alle Fürsten der Moabiter.
7 Da begann er seinen Spruch und sprach:
»Aus Aram hat mich Balak herbeigeführt, der König der Moabiter von den Bergen des Ostens: Komm, verfluche mir Jakob, komm und verwünsche Israel!
8 Wie sollte ich den verfluchen, den Gott nicht verflucht? Wie sollte ich den verwünschen, den der HERR nicht verwünscht?
9 Denn von den Felsengipfeln sehe ich ihn, und von den Hügeln schaue ich ihn. Siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und nicht unter die Heiden gerechnet wird.
10 Wer kann den Staub Jakobs zählen und die Zahl des vierten Teiles von Israel? Meine Seele sterbe den Tod der Gerechten, und mein Ende soll dem ihren gleichen!“ 11 Da sprach Badlak zu Bileam: Was hast du mir angetan? Ich habe dich holen lassen, dass du meine Feinde verfluchst, und siehe, du hast sie sogar gesegnet!
12 Er antwortete und sprach: Muss ich nicht darauf achten, nur das zu reden, was mir der HERR in den Mund gelegt hat? (4 Mose 23)

Bileam sieht die Zelte Israels vom hohen Berg, wie ein Adler, und segnet dieses Volk von ganzem Herzen: „«Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!» (ebd. 24,5). Für diese schönen Worte über Israel könnte Bileam gegenüber dem wütenden König mit seinen Leben bezahlen. Mit diesen Worten kommen die gläubigen Juden bis heute zur  Synagoge, um Gottes Segen statt einen Fluch, und Liebe statt Hass aus der Synagoge in die Welt weiter zu bringen. Es ist eine schöne und dramatische Erzählung in der Thora, aber sie wiederholt sich in unserem Leben noch immer bis heute.
3000 Jahre nach dieser Situation wie sie in der Thorageschichte beschrieben wurde, kam ein anderer „böser König“, ein wütender Führer der Nazis. Er wollte das jüdische Volk verfluchen und in den Ruin treiben. In dieser Zeit schrieb die Rabbinerin Regina Jonas im Konzentrations-Lager Theresienstadt einen Brief, einen Kommentar, in Bezug auf unseren Wochenabschnitt:
„Du sollst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet “ Bemidbar 22, 12
Unser jüdisches Volk ist von G-tt in die Geschichte gesandt worden als ein „gesegnetes“. Von Gott „gesegnet“ sein heißt, wohin man tritt, in jeder Lebenslage Segen, Güte, Treue spenden. Demut vor Gott, selbstlose hingebungsvolle Liebe zu seinen Geschöpfen erhalten die Welt. Diese Grundpfeiler der Welt zu errichten, war und ist Israels Aufgabe. – Mann und Frau, Frau und Mann haben diese Pflicht in gleicher jüdische Treue übernommen. Diesem Ideal dient auch unsere ernste prüfungsreiche theresienstädter Arbeit. Diener Gottes zu sein und als solche rücken wir aus irdischer in ewige Sphären.
Möge all unsere Arbeit, die wir uns bemühten als Diener Gottes zu leisten, zum Segen für Israels Zukunft sein, und die der Menschheit…  “
Diesen Willen der ermordeten Juden versuchen wir heute in Deutschland und in Israel zu erfüllen, um Segen statt Fluch für alle Menschen zu ernten!
Die Nazis haben Menschen zu Nummern gemacht und danach ausgelöscht. Wir sollen aber Menschen, die uns begegnen, als Gottes Segen in unserem Leben begreifen. Wir können uns bewusstmachen, dass es Menschen sind: die Zahl ist nicht ihr Wesen.
Die Thora lehrt uns über wesentliche Aufgabe Israels: „Gott sagt zu Awraham: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (Bereschit 12, 2-3 = 1 Mose).
D.H. das Wesensmerkmal des Abraham und seiner Nachkommen ist es, zum Segen für Andere zu werden, ein Segen für Andere zu sein.
Ist es möglich, ohne Risiko Beziehungen zu unseren Mitmenschen mit „selbstloser hingebungsvoller Liebe zu seinen Geschöpfen“ einzugehen, um ein Segen für Israels Zukunft, und die der Menschheit zu sein? - Es besteht immer die Gefahr, dass die geistlichen Nachkommen von Balak, die mit uns „mitbeten“, unsere religiösen Gefühle missbrauchen werden. Leider wirken die schrecklichen Konsequenzen der Schoa noch nach in menschlichen Seelen, sogar unter einigen Juden. Sie sind darin geübt die Namen der Mitmenschen durch Rufmord in eine Nummer zu verwandeln, um den Weg zu ihren egoistischen Zwecken „frei zu räumen“. Deshalb tröstet uns alle Gott: „Ich bin der Ewige, ich bin auch mit dir in dieser enttäuschenden Notsituation!“ Seine zarte Flamme entzündet die Liebe in unserem Herzen und verbrennt den Hass, seine zarte Stimme verwandelt den Fluch in Segen, und den Rufmord in die ewige Ehre. Jeder, der diese gesegnete Atmosphäre in jüdischen Gemeinden in Deutschland treu unterstützt, kann ehrlich in unserem Gottesdienst Gott segnen:
„Gesegnet seiest Du, Ewiger, unser Gott, der uns aus Ägypten und aus den Gruben der Schoa herausgeführt hat. Gesegnet seiest Du, Ewiger, der uns noch immer aus den Gruben des Hasses, der Rache und des Mordes in die Liebe, in die Versöhnung und in das gesegnete Leben herausführt.“

Dr. Moshe Navon
Liberaler Landesrabbiner für LJG zu Hamburg

 

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Wochenabschnitt „Beh’aalotcha“ 5776-2016 Siwan-Juni min. hul. (08.07.2016)

Unser Wochenabschnitt „Beh’aalotcha“ spricht über die Wanderung der Söhne Israels in der Wüste:
„23. Auf Befehl des Ewigen lagerten sie und auf Befehl des Ewigen brachen sie auf. Auf das Merkzeichen vom Ewigen warteten sie auf seinen Befehl hin, verkündet durch Moshe*.“ Bemidbar 9
„Warum soll der Ewige mit den Menschen durch Moshe sprechen?“. Moshes Bruder Aharon und seine Schwester Miriam haben genauso gefragt: „Redet denn Gott allein durch Moshe? Redet er nicht auch durch uns?“ Bemidbar 12:1 – Die Thora antwortet: „Moshe war sehr sanftmütig, mehr als irgendein Menschen auf dem Erdboden!“ (Bemidbar 12:3).
Das bedeutet, dass Gott mit jedem Menschen spricht, aber dass nur Sanftmütige die lebensspendende Kraft der Worte Gottes zu anderen Menschen bringen können.
Das Fragment 4Q521 aus den Rollen vom Toten Meer zeigt für diese Exegese die Analogien von qumranischer Seite:
„6. Und über den Sanftmütigen wird sein Geist schweben (vgl. 1 Mose 1,2; Jes 61) . 12 Dann wird er Erschlagene heilen, und Tote wird Er lebendig machen, den Sanftmütigen wird Er die frohe Botschaft verkünden (Jes 61,1)…“
Deshalb sagen wir vor unserem Amida-Gebet:
Gott, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde (Ps 51,17).
Ja, Gott spricht zu jedem Menschen, aber Gottes Wort können wir nur durch die Sanftmütigen hören. Es gibt in der Welt viele Führer, die mit Gewalt und Stolz regieren, aber sie passen gemäß der Thora nicht zum Jüdischen Volk. Die mündliche Thora erklärt in Bezug auf Führungskräfte, die die Würde des Menschen mit Füßen treten, um ihre politischen Zwecke zu erreichen:
„Rabbi Eleazar aus Modein sagte: Wer …seinen Nächsten öffentlich beschämt…,
der hat keinen Anteil an der künftigen Welt (findet keine Ruhe in der kommenden Welt), selbst wenn er auch gute Werke getan hat! Awot 3, 16
הַמַּלְבִּין פְּנֵי חֲבֵרוֹ בָּרַבִּים אף על פי שיש בידו מעשים טובים,– אֵין לוֹ חֵלֶק לָעוֹלָם הַבָּא : סדר נזיקין, מסכת אבות ג, יד
„Rabbi Chanina, Dosas Sohn, sagte auch:
Wer den Geist der Mitmenschen erfreut,
an dem hat auch der Geist Gottes seine Freude;
wer aber den Geist der Mitmenschen nicht erfreut,
an dem hat auch Gottes Geist keine Freude. Awot 3, 14 (https://de.wikisource.org/wiki/Sprüche_der_Väter)
Deshalb sagt das jüdische Volk:
„Auf das Merkzeichen vom Ewigen warten wir auf Befehl des Ewigen, verkündet durch den sanftmütigen Moshe.“*

Thoraabschnitt Schelach lecha min. isr.
"Schlach-lecha anaschim wejaturu et Erez Kna'an ascher ani noten liWnej
Jisra'el ..." –
Im Thoraabschnitt Schelach lecha sendet Mosche 12 Kundschafter - Meraglim - zum Land Kenaan. Nach der vierzigtägigen Mission sprechen aber nur Jehoschua und Kalew positiv über das Land. Nun will das Volk nach Ägypten zurückkehren. Dafür bestraft G“tt das Volk mit vierzigjährigem Dasein in der Wüste!
Die Kundschafter bringen zwei Nachrichten:
1. „Wir sind in das Land gekommen, wohin Du uns geschickt, und wahrlich, es fliest von Milch und Hönig, und das ist seine Frucht“ (Bemidbar 13,27)
2. „Das Land, das wir durchzogen haben, es auszukundschaften, ist ein Land, das seine Bewohner verzehrt, und alle Leute, die wir gesehen, sind von großer Länge“ (Bemidbar 13, 32)
Da hatte das Volk ein Ziel vor Augen: Das Land, das fliest von Milch und Hönig!
Doch gab es auch ein Hindernis: das Land, das seine Bewohner verzehrt!
Das Volk hat sich auf das Hindernis konzertiert, weshalb er 40 Jahre in der Wüste bleiben musste – in der Wüste, die ihn wahrlich verzehrt hat, weil es dort nicht von Milch und Hönig fließt. Die nächste Generation hat sich auf den Zweck konzentriert, und sie konnten das Land, das von Milch und Hönig fließt, erreichen!
Wir lernen von dieser Geschichte: man erreicht immer das, auf was man sich konzentriert: wenn wir erfolgreich sein wollen, werden wir nie den Zweck aus den Augen verlieren und uns nie auf die Hindernisse konzentrieren.


Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon LJGH für Hamburg

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Parascha/ Wochenabschnitt: „Korach“ minhag Jisrael 4. Mose 16,1 - 18,32;
Lesung zum Wochenabschnitt und Kommentar
(01.07.2016)

„Unsere Parascha zum Schabbat, berichtet von der Rebellion Korachs und seiner Anhänger. Korach entstammte der levitischen Großfamilie Kehat. Zu ihm gehörten die bekannten Aufrührer Datan und Aviram. Insgesamt waren es 250 namhafte Männer, die sich gegen Mose „erhoben“ (hebr. jakumu), indem sie die Autorität von Mose und Aaron als erwählte Leviten in Zweifel zogen.
Als wäre die Absonderung der Leviten durch G``tt selbst nicht ausreichend!
Sie wollten keine menschliche Autorität über sich dulden und beriefen sich darauf, dass G``tt inmitten der Versammlung sei, doch sie waren unzufrieden, sie wollten mehr...
Sie fragen genauso (Bemidbar 16:3) wie Moshes Bruder Aharon und Schwester Miriam gefragt haben: „Redet denn der Gott allein durch Moshe? Redet er nicht auch durch uns?“ Bemidbar 12:1
Diesen Machtkampf finden wir leider auch oft in Jüdischen Gemeinden auch heute. Viele vergessen, dass Demut vor G-tt, selbstlose hingebungsvolle Liebe zu seinen Geschöpfen die Welt erhalten.  - Thora erklärt: „Moshe war sehr sanftmütig, mehr als irgend ein Menschen auf Erdboden!“ Bemidbar 12:3
Was macht Mose in so einem Fall?: "Und Mosche ließ Datan und Awiram rufen"/  4.Buch Mose Kapitel 16, Vers 12Bamidbar/ Numeri.

Raschi erläuterte diesen Vers wie folgt:
„Was wir daraus lernen, dass Mosche die Rebellen rufen ließ: Wir dürfen nicht stur und streitsüchtig sein. Mosche lief den Aufrührern geradezu nach, um sie mit friedfertigen Worten zu beschwichtigen. Das tat er, obwohl Datan und Awiram den Streit entfacht hatten. Er ließ sie zu sich rufen, weil er hoffte, sie zu überzeugen und dadurch den Streit schlichten zu können.
Wir können immer wieder versuchen, Frieden zu stiften, selbst nachdem die streitenden Parteien ihre Standpunkte vorgetragen haben. (Ktaw Sofer* )“.

Die Geschichte wiederholt sich in jeder Generation, auch in Hamburg heute, weil einige Juden nicht die Thora ernst nehmen wollen. Für diese Menschen spricht ein weltlicher Therapeut:
„Wenn wir lernen einander zuzuhören und Raum zu geben für unsere tiefsten Bedürfnisse, wenn wir den Terror in uns loslassen und unserem Selbst zu lauschen beginnen, bewegen wir uns individuell und kollektiv immer mehr in ein Klima hinein, in dem wir innerem und äußerem Terror in uns immer weniger Resonanzraum bieten“.


Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon LJGH für Hamburg

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Wochenabschnitt „Beh’aalotcha“ 5776-2016 Siwan-Juni min. hul.  (17. Juni 2016)
Unser Wochenabschnitt „Beh’aalotcha“ spricht über die Wanderung der Söhne Israels in der Wüste:
„23. Auf Befehl des Ewigen lagerten sie und auf Befehl des Ewigen brachen sie auf. Auf das Merkzeichen vom Ewigen warteten sie auf seinen Befehl hin, verkündet durch Moshe*.“ Bemidbar 9
„Warum soll der Ewige mit den Menschen durch Moshe sprechen?“. Moshes Bruder Aharon und seine Schwester Miriam haben genauso gefragt: „Redet denn Gott allein durch Moshe? Redet er nicht auch durch uns?“ Bemidbar 12:1 – Die Thora antwortet: „Moshe war sehr sanftmütig, mehr als irgendein Menschen auf dem Erdboden!“ (Bemidbar 12:3).
Das bedeutet, dass Gott mit jedem Menschen spricht, aber dass nur Sanftmütige die lebensspendende Kraft der Worte Gottes zu anderen Menschen bringen können.
Das Fragment 4Q521 aus den Rollen vom Toten Meer zeigt für diese Exegese die Analogien von qumranischer Seite:
„6. Und über den Sanftmütigen wird sein Geist schweben (vgl. 1 Mose 1,2; Jes 61) . 12 Dann wird er Erschlagene heilen, und Tote wird Er lebendig machen, den Sanftmütigen wird Er die frohe Botschaft verkünden (Jes 61,1)…“
Deshalb sagen wir vor unserem Amida-Gebet:
Gott, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde (Ps 51,17).
Ja, Gott spricht zu jedem Menschen, aber Gottes Wort können wir nur durch die Sanftmütigen hören. Es gibt in der Welt viele Führer, die mit Gewalt und Stolz regieren, aber sie passen gemäß der Thora nicht zum Jüdischen Volk. Die mündliche Thora erklärt in Bezug auf Führungskräfte, die die Würde des Menschen mit Füßen treten, um ihre politischen Zwecke zu erreichen:
„Rabbi Eleazar aus Modein sagte: Wer …seinen Nächsten öffentlich beschämt…,
der hat keinen Anteil an der künftigen Welt (findet keine Ruhe in der kommenden Welt), selbst wenn er auch gute Werke getan hat! Awot 3, 16

הַמַּלְבִּין פְּנֵי חֲבֵרוֹ בָּרַבִּים אף על פי שיש בידו מעשים טובים,– אֵין לוֹ חֵלֶק לָעוֹלָם הַבָּא : סדר נזיקין, מסכת אבות ג, יד
„Rabbi Chanina, Dosas Sohn, sagte auch:
Wer den Geist der Mitmenschen erfreut,
an dem hat auch der Geist Gottes seine Freude;
wer aber den Geist der Mitmenschen nicht erfreut,
an dem hat auch Gottes Geist keine Freude. Awot 3, 14 (https://de.wikisource.org/wiki/Sprüche_der_Väter)

Deshalb sagt das jüdische Volk:
„Auf das Merkzeichen vom Ewigen warten wir auf Befehl des Ewigen, verkündet durch den sanftmütigen Moshe.“*
                         Thoraabschnitt Schelach lecha min. isr.
"Schlach-lecha anaschim wejaturu et Erez Kna'an ascher ani noten liWnej
Jisra'el ..." –

Im Thoraabschnitt Schelach lecha sendet Mosche 12 Kundschafter - Meraglim - zum Land Kenaan. Nach der vierzigtägigen Mission sprechen aber nur Jehoschua und Kalew positiv über das Land. Nun will das Volk nach Ägypten zurückkehren. Dafür bestraft G“tt das Volk mit vierzigjährigem Dasein in der Wüste!
Die Kundschafter bringen zwei Nachrichten:
1. „Wir sind in das Land gekommen, wohin Du uns geschickt, und wahrlich, es fliest von Milch und Hönig, und das ist seine Frucht“ (Bemidbar 13,27)
2. „Das Land, das wir durchzogen haben, es auszukundschaften, ist ein Land, das seine Bewohner verzehrt, und alle Leute, die wir gesehen, sind von großer Länge“ (Bemidbar 13, 32)
Da hatte das Volk ein Ziel vor Augen:  Das Land, das fliest von Milch und Hönig!
Doch gab es auch ein Hindernis: das Land, das seine Bewohner verzehrt!
Das Volk hat sich auf das Hindernis konzertiert, weshalb er 40 Jahre in der Wüste bleiben musste – in der Wüste, die ihn wahrlich verzehrt  hat, weil es dort nicht von Milch und Hönig fließt. Die nächste Generation hat sich auf den Zweck konzentriert, und sie konnten das Land, das von Milch und Hönig fließt, erreichen!
Wir lernen von dieser Geschichte: man erreicht immer das, auf was man sich konzentriert: wenn wir erfolgreich sein wollen, werden wir nie den Zweck aus den Augen verlieren und uns nie auf die Hindernisse konzentrieren.
Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon LJGH für Hamburg

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Schawuot  in Hamburg– 6. Siwan 5776 (11.-12. Juni 2016)

Am 11. & 12. Juni feiern wir das Wochenfest „Schawuot“. Das Fest erinnert an den Empfang der zweiten Zehn Gebote (DAS ZEHNWORT) auf dem Berg im Sinai. Die Steintafeln mit dem ersten ZEHNWORT hatte Moshe zerschmettert, weil das jüdische Volk das Goldene Kalb anbetete. Daraufhin ging Moshe wieder auf die Spitze des Berges Sinai, um erneut um das ZEHNWORT zu bitten. Das ZEHNWORT steht auch heute im Mittelpunkt des Gottesdienstes an Schawuot: Wir erneuern auf diese Art und Weise unseren Bund mit dem Gott Israels:

„Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat,

Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen,

Ehre deinen Vater und deine Mutter,

Gedenke des Schabbats: Halte ihn heilig!

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht die Ehe brechen,

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

Du sollst nicht nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört, verlangen!“

Das erste Gebot drückt eine Sehnsucht nach dem Ewigen aus. Es ist die Grundlage der Grundlagen für die Erfüllung aller anderen Gebote. Das erste Gebot ähnelt den Wurzeln eines Baumes, die seine Zweige ernähren. Viele Menschen entscheiden für sich, nur die Gebote einzuhalten, die sie verstehen. Zum Beispiel - "du sollst nicht morden" oder "du sollst nicht ehebrechen!" … als ob sie nur einige Bruchstücke von den ersten zerschmetterten Tafeln bekommen hätten!

Diese Menschen sagen üblicherweise: „Ich glaube zwar nicht an Gott, aber ich lebe ehrlich: ich morde nicht und ich stelle nicht “. Sagt dir die Thora: „Du sollst an Gott glauben!“? Nein, sie sagt dir in Gottes Namen: „Du kannst mich kennenlernen! Wissen ist besser als nur glauben!“ Und die Thora gibt auch Hinweise für den Weg, wie man ihn kennenlernen kann. Betrachten wir noch einmal jenes ZEHNWORT als Wegweiser mit dem einzigartigen Zweck, Gott JHWH kennen zu lernen:

„Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat,

Du sollst neben mir keine anderen Götter haben: Ich bin der Ewige, dein Gott!

Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes nicht missbrauchen: Ich bin der Ewige, dein Gott!

Ehre deinen Vater und deine Mutter: Ich bin der Ewige, dein Gott!

Gedenke des Schabbats: Halte ihn heilig: Ich bin der Ewige, dein Gott.

Du sollst nicht morden: Ich bin der Ewige, dein Gott!

Du sollst nicht die Ehe brechen: Ich bin der Ewige, dein Gott!

Du sollst nicht stehlen: Ich bin der Ewige, dein Gott!

Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen: Ich bin der Ewige, dein Gott!

Du sollst nicht nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört, verlangen: Ich bin der Ewige, dein Gott!“.

Je mehr wir diese Gebote erfüllen, desto mehr lernen wir den Ewigen in unserem Leben kennen. Danach entsteht für uns die Möglichkeit, mit Moshe Gott JHWH am Berg Sinai direkt zu fragen: „Wie ist deine Name?!“, um seine überraschende Antwort zu hören:  - „Ich bin der Ich bin, Ich werde immer mit dir sein in deinem ganzem „Jetzt und Hier“!
Die Zeit und die Erfahrung helfen uns: viele Juden in Deutschland kommen wieder in ihre Synagoge zurück, trotz innerer Schwierigkeiten und nur dann nehmen wir die alte Weisheit wahr: Das ZEHNWORT – das sind nicht nur einige moralische Prinzipien, sondern die Wurzeln eines Baumes – des Baums unseres Lebens. Sein Samen ist in unserem „Ich“ bei der Zeugung gesät worden. Wer fleißig den Boden des Herzens durch das ZEHNWORT bearbeitet, der bringt immer – hier und jetzt – die lebenspendenden Früchten des Lebens hervor!

Kommen Sie bitte alle zu den Gottesdiensten an Schawuot, besonders am Morgen des 12. Juni (Sonntag), wenn wir aus der Thorarolle lesen, um den Baum Ihres Lebens wachsen zu lassen.

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon der LJGH

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Das Wort des Rabbiners zu Bamidbar (03.06.2016)

Wir beginnen mit diesem Thoraabschnitt das Buch Bamidbar (in der Wüste):
וַיְדַבֵּר ה' אֶל־מֹשֶׁה בְּמִדְבַּר סִינַי בְּאֹהֶל מוֹעֵד בְּאֶחָד לַחֹדֶשׁ הַשֵּׁנִי בַּשָּׁנָה הַשֵּׁנִית לְצֵאתָם מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם לֵאמֹר:
„Und Ewige redete mit Moshe in der Wüste Sinai, im Stiftszelt, am Ersten des zweiten Monats, im zweiten Jahr nach dem Auszug aus dem Lande Ägypten, und sprach. (4Mose 1:1).“
Ramban (Rabbiner Moshe ben Nachman) erklärt, dass von dieser Zeit sprach Gott mit Moshe nur im Stiftszelt in der Wüste Sinai. Moshe stieg nicht mehr den Berg Sinai hinauf, um mit Gott zu sprechen, sondern Gott stieg aus Seiner Unfassbarkeit zu Moshe herab.
Moshe bietet im Stiftszelt in der Wüste immer mehr Resonanzraum der Stimme der sanften Stille (kol demmama daka[1]). Wer diese Stimme immer hört, der weitet seinen seelischen Innenraum in die Ewigkeit Gottes aus.
Wir lernen in diesem Thoraabschnitt folgendes:
wenn Du lebst ganz dein Hier und Jetzt, kannst Du Gottes Stille in der Stille deiner Seele hören:
2 „Nur auf Gott wartet still meine Seele;
von ihm kommt meine Rettung.
5 Sie planen nur, ihn von seiner Höhe hinabzustoßen;
sie haben Wohlgefallen an Lüge;
mit ihrem Mund segnen sie,
aber im Herzen fluchen sie. (Sela.)
6 Nur auf Gott wartet still meine Seele;
denn von ihm kommt meine Hoffnung.
13 bei dir, o Ewiger, steht aber auch die Gnade,
denn du vergiltst einem jeden nach seinem Tun!“ Psalm 62

תהילים סב, ב אַ֣ךְ אֶל־אֱ֭לֹהִים דּֽוּמִיָּ֣ה נַפְשִׁ֑י מִ֝מֶּ֗נּוּ יְשׁוּעָתִֽי
קול דממה דקה מלכים א יט, יא

Schabbat Schalom
Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon, LJGH

 

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Das Wort des Rabbiners zu Bechukotaj: (min.jisr.) 20 Ijar 5776 (25.05.2016)

3 „Wenn ihr nun in meinen Satzungen wandelt und meine Gebote befolgt und sie tut,
4 so will ich euch Regen geben zu seiner Zeit, und das Land soll seinen Ertrag geben, und die Bäume auf dem Feld sollen ihre Früchte bringen. 5 Und die Dreschzeit wird bei euch reichen bis zur Weinlese, und die Weinlese bis zur Saatzeit, und ihr werdet euch von eurem Brot satt essen und sollt sicher wohnen in eurem Land.  6 Denn ich will Frieden geben im Land, dass ihr ruhig schlaft und euch niemand erschreckt. 11 Ich will meine Wohnung in eure Mitte setzen, und meine Seele soll euch nicht verabscheuen;12 und ich will in eurer Mitte wandeln und euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.13 Ich, der Ewige, bin euer Gott, der ich euch aus dem Land Ägypten herausgeführt habe, damit ihr nicht mehr ihre Knechte sein solltet; und ich habe die Stangen eures Joches zerbrochen und euch aufrecht gehen lassen“. (3 Mose-Wajikra 26).
אֲנִ֞י ה' אֱלֹֽהֵיכֶ֗ם אֲשֶׁ֨ר הוֹצֵ֤אתִי אֶתְכֶם֙ מֵאֶ֣רֶץ מִצְרַ֔יִם מִֽהְיֹ֥ת לָהֶ֖ם עֲבָדִ֑ים וָאֶשְׁבֹּר֙ מֹטֹ֣ת עֻלְּכֶ֔ם וָאוֹלֵ֥ךְ אֶתְכֶ֖ם קֽוֹמְמִיּֽוּת׃ ויקרא כו יג
Die Gesetze der Menschen helfen, den Frieden und die Ordnung in der Gesellschaft zu aufrechtzuerhalten, aber die Gesetze der Thora helfen, das Joch der inneren Sklaverei zu zerschlagen. Wir beachten sie, um zu lernen, in Würde zu leben. Wie weit entfernt vom Gott Israels sind die Menschen, die die Religion Israels in das Joch der Sklaverei zu verwandeln versuchen, und wie nah am Gott Israels sind die Menschen, die kontinuierlich den Fluch der inneren Sklaverei in einen Segen der inneren Freiheit verwandeln!
Der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld, der die Schoah überlebt hat, sagte, dass die Nazis die Menschen in die Nummer auf dem Arm verwandeln wollten, um sie von der Erde zu löschen. Aber die Juden wie Rabbiner Leo Baeck führten ihren geistlichen Kampf sogar in den Konzentrationslagern: „Das war ein geistiges Ringen, das jeder leisten musste, nämlich in sich selbst und in seinem Nächsten mehr zu sehen als nur eine Transport-Nummer. Es war der Kampf um den eigenen Namen und um den des Anderen, der Kampf um die Individualität, das Geheimnis des Seins..“.
Diesen Kampf um die Ehre und die Würde und die Einzigartigkeit jeder menschlichen Persönlichkeit gaben sie an uns weiter, weil wir die Chance haben, in Frieden und Demokratie zu leben im Gegensatz zu dem Grauen, dem Unrechtsstaat, in dem unsere Vorfahren leiden sollten.
Unser Engagement heute, um die Unabhängigkeit der liberalen jüdischen Gemeinde zu Hamburg vor dem 200-jährigen Jubiläum der ersten liberalen Gemeinde in Hamburg zu stärken, war und ist integraler Teil dieses geistlichen Kampfes:
„Ich habe die Stangen eures Joches zerbrochen und euch aufrecht gehen lassen. (3 Mose-Waikra 26).

Schabbat Schalom
Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon, LJGH

 

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Das Wort des Rabbiners zu Behar (min.isr. 13 Ijar 5776; 20-21 Mai 2016)


Das Sabbatjahr
25 Und der EWIGE redete zu Mose auf dem Berg Sinai und sprach:
2 Rede mit den Kindern Israels und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, so soll das Land dem EWIGEN einen Sabbat feiern.
3 Sechs Jahre lang sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre lang deinen Weinberg beschneiden und den Ertrag [des Landes][a]einsammeln.
4 Aber im siebten Jahr soll das Land seinen Sabbat der Ruhe haben, einen Sabbat für den HERRN, an dem du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden sollst. (Wajikra: 3 Mose 25)
Das Halljahr (Jubeljahr)
8 Und du sollst dir sieben Sabbatjahre abzählen, nämlich siebenmal sieben Jahre, sodass dir die Zeit der sieben Sabbatjahre 49 Jahre beträgt.
9 Da sollst du Hörnerschall ertönen lassen im siebten Monat, am zehnten [Tag] des siebten Monats; am Tag der Versöhnung sollt ihr ein Schopharhorn[b] durch euer ganzes Land erschallen lassen.
10 Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt im Land eine Freilassung ausrufen für alle, die darin wohnen. Es ist das Halljahr[c], in dem jeder bei euch wieder zu seinem Eigentum kommen und zu seiner Familie zurückkehren soll.
(Wajikra: 3 Mose 25)
Das Lösungsrecht für Landbesitz und für Knechte und Mägde
23 Ihr sollt das Land nicht für immer verkaufen; denn das Land gehört mir, und ihr seid Fremdlinge und Gäste[d] bei mir.
24 Und ihr sollt in dem ganzen Land, das euch gehört, die Wiedereinlösung des Landes zulassen.
25 Wenn dein Bruder verarmt und dir etwas von seinem Eigentum verkauft, so soll derjenige als Löser[e] für ihn eintreten, der sein nächster Verwandter ist; er soll auslösen, was sein Bruder verkauft hat.
26 Und wenn jemand keinen Löser hat, aber mit seiner Hand so viel erwerben kann, wie zur Wiedereinlösung nötig ist,
27 so soll er die Jahre, die seit dem Verkauf verflossen sind, abrechnen und für den Rest den Käufer entschädigen, damit er selbst wieder zu seinem Eigentum kommt.
28 Wenn er ihn aber nicht entschädigen kann, so soll das, was er verkauft hat, in der Hand des Käufers bleiben bis zum Halljahr; dann soll es frei ausgehen, und er soll wieder zu seinem Eigentum kommen. (Wajikra: 3 Mose 25)

Der EWIGE redete zu Mose auf dem Berg Sinai? - Wer versucht, sich einen Gott vorzustellen, hat bereits das zweite Gebot gebrochen: man darf sich Gott nicht als einen Menschen, der spricht vorstellen. Als der Prophet Elia 400 Jahre nach Moses auf demselben Berg stand, erfuhr er, dass ein Mensch Gott nur in der Stimme der sanften Stille hören kann.
Er steigt in die Berge, weil er will, dass kein Lärm ihn von dieser inneren Stille ablenkt. Der jüdische Kalender ist so geschaffen worden, dass die betenden Menschen von Sabbat zu Sabbat Schritt für Schritt auf den geistlichen Berg steigen, auf dem man die Stimme der sanften Stille, die Stimme des Vaters hört.
Aber nicht nur äußerer Lärm lenkt uns vom Sinn unseres Lebens ab. Unsere Seele ist mit Müll vollgestopft: negative Emotionen, Gedanken und Vorstellungen stellen uns unter permanenten Druck. Wir versuchen, diese Störungen loszulassen, aber wir können nicht. Warum? Weil wir uns an das Leben in der Welt der Sklaverei angepasst  haben. Die Gesetze der Thora helfen uns diese Situation zu verstehen, sie geben uns Hinweise, wie man auf den Berg der Freiheit, der Ruhe, der Schönheit und der Liebe steigen kann, - auf den Berg, wo der Ewige mit seinem Freund spricht, mit Dir… Lassen Sie uns hören, wie dieser Weg für unsere Vorfahren begann:
Nach der Tora schuf Gott den Menschen nach Seinem Bild am sechsten Tag der Schöpfung und Er segnete den siebten Tag der Schöpfung, weil Er die Ruhe mit dem ersten Menschen an diesem Tag genoss. Der erste Schabbat war ein Zeichen der Freiheit und des Friedens zwischen Gott und Mensch, zwischen Mann und Frau. Daher hat das Schabbatgebot in den Zehn Geboten, Zehnwort, die das jüdische Volk am Berg Sinai erhielt, einen besonderen Ort: Es gibt mindestens einmal pro Woche weder Sklave noch Sklavenhalter - alle Menschen genießen gleichermaßen die Freiheit und den Frieden miteinander und mit Gott an diesem Tag. Aber das war nur die erste Stufe der göttlichen Pädagogik. Nach dem heutigen Toraabschnitt sollen wir im siebten Schabbatjahr und insbesondere im fünfzigsten Joweljahr unsere Sklaven für immer freilassen. Jeden siebten Tag der Woche passiert eine Wiederholung der göttlichen Lehre: Wir lernen, nur für einen Tag unseren Sklaven die Freiheit zu geben. Im siebten Jahr aber kommt die Prüfung: jetzt sollen wir wirklich unsere Sklaven freilassen, und dann kommt das Gebot des fünfzigsten Jahres - es ist die Abschlussprüfung, die uns zeigt, ob wir eines Bundes mit dem Gott Israels würdig sind oder nicht.
Die Thora lehrt uns: jeder, der bereit ist, Sklavenhalter oder Sklave zu sein, kann nie in Ruhe und Frieden mit Gott leben sowie mit sich selbst. Nur der Mensch, der keine andere Person für seine eigenen Interessen ausnutzt, kann den Schabbat des Friedens bewahren – den Schabbat des Ewigen.


Shabbat Shalom!
Dr. Navon,
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Das Wort des Rabbiners zu Keddoschim 5776 (13.05.2016)

(14 Mai – 6 Jiarr 5776: min. chul. - Kedoschim: min. jisr.- Emor.)

Am Anfang unseres Wochenabschnittes — Keddoschim — lesen wir:
„1 Und der EWIGE redete zu Mose und sprach:
2 Rede mit der ganzen Gemeinde der Kinder Israels und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der EWIGE, euer Gott!
3 Ihr sollt jeder Ehrfurcht vor seiner Mutter und seinem Vater haben und meine Schabbate halten, denn ich, der HERR, bin euer Gott. Wajikra – 3. Mose 19, 1-3

Wenn wir das Wort „heilig“ hören, sehen wir Menschen vor uns, die mit einem Heiligenschein über ihren Köpfen auf Wolken sitzen. Aber hier sagt Gott dem ganzen Volk Israel: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“. Er erklärt uns allen, was wir tun sollen, um heilig zu sein. Zum Beispiel: Seine Schabbate halten und unsere Eltern ehren.
Der Schabbat des Ewigen ist ursprünglich eine Raumzeit für das Treffen zwischen Gott und dem Abbild Gottes. Dieses Treffen bringt Harmonie und Ruhe für alle Menschen. Das Gebot in Bezug auf den Schabbat sowie auf das Ehren der Eltern gehört im Dekalog zu den Beziehungen zwischen Gott und Mensch: Wenn eine Mutter und ein Vater Kinder auf die Welt bringen, nimmt Gott in diesem Wunder teil, deshalb fallen Gottesfurcht und Elternfurcht zusammen. Gemäß der Thora schuf Gott am sechsten Schöpfungstag den ersten Menschen: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde… (1. Mose 1, 27 – 28)“. Danach kommt der Schabbat als Treffen zwischen den ersten Menschen und Gott und dieses Treffen macht den Mensch auch heilig:
„Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte“. (Bereschit 1,27). Gott hat den Schabbat, seinen Ruhetag, als Quelle des Heiligtums für sein Volk in unserem Thoraabschnitt gesegnet.
Aber der Weg zum Heiligtum verläuft in unserem Thoraabschnitt weiter – von der Beziehung zwischen Eltern und Kindern zur Beziehung zwischen Mensch und Mitmensch:
17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen; sondern du sollst deinen Nächsten ernstlich zurechtweisen, dass du nicht seinetwegen Schuld tragen musst!
18 Du sollst nicht Rache üben, noch Groll behalten gegen die Kinder deines Volkes, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Ich bin der EWIGE“. (Wajikra 19).

Ich lese in Deutschland oft bei verschiedenen Autoren, dass Jesus hat gesagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“. Jetzt sehen wir, dass Jesus die Thora zitiert hat, wie jeder Lehrer damals in Israel. Aber es gibt ein noch wichtigeres Gebot in diesem Thoraabschnitt: „Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst.“:
„34 Der Fremdling, der sich bei euch aufhält, soll euch gelten, als wäre er bei euch geboren, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen im Land Ägypten. Ich, der EWIGE, bin euer Gott.“ (Wajikra 19).

Ich sage, dass dieses Gebot wichtiger ist, als „Liebe deinen Nächsten“. Die Liebe zu seinen Eltern oder die Liebe zu seinen Brüdern und Schwestern ist für jeden Menschen fast selbstverständlich, aber die Liebe zu Fremdlingen?! Sehen Sie, was im postchristlichen Europa passiert, wenn Fremdlinge zu uns kommen, um Rettung bei uns zu finden?
Aber Gott sagt zu uns, Juden, was er von uns in der Thora schon einmal gefordert hat:
„Liebe deinen Fremden wie dich selbst, um heilig zu sein, wie ich heilig bin.“
Und was viele Menschen in dieser Aufforderung übersehen, ist die letzte Aussage: „Ich bin der Ewige.“
Das heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin der Ewige.“
und: „Liebe deinen Fremden wie dich selbst […], ich bin der Ewige.“
Was sagt dieses überraschende Satzende aus?

Der liebevolle Umgang mit unseren Mitmenschen ist der einzigartige Weg, Gott zu treffen.
Heißt das, ich kann mich nicht allein mit Gott treffen wie einst Moses, als er den Berg Sinai hinaufstieg?
Am Anfang unserer Parascha lesen wir nicht: „Du sollst heilig sein, denn ich bin heilig, der EWIGE, dein Gott!“, sondern: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der EWIGE, euer Gott!“. Dieses Gebot ergeht an das ganze Volk Israels.
Wer diesen liebevollen Umgang mit seinen Mitmenschen nicht eingehen will, der schließt sich selber von der Aussage des Satzendes aus: „ich bin heilig, der EWIGE, euer Gott!“.
Können wir ohne ein Risiko in Beziehungen mit Mitmenschen einzugehen, um den heiligen Schabbat mit Gott zu genießen? Es besteht immer die Gefahr, dass die andere Menschen unsere religiösen Gefühle missbrauchen werden, uns manipulieren werden, um ihre egoistische Zwecke zu erreichen. Deshalb tröstet uns Gott: Ich bin der Ewige, ich bin auch da! Seine Flamme entzündet die Liebe und verbrennt den Hass
Wenn wir unseren Schabbat mit Gott mitschaffen, schenken wir unsere Zeit, unseren Lebensraum und unsere Achtung anderen Menschen. Es ist ein Geheimnis für das ganze Volk Israel: die lebendige innere Balance in sich selbst und in den MITMENSCHEN zu bewahren. Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen. Der Segenskreislauf breitet sich unter allen Menschen auf der Erde aus. Das ist der einzige Weg, um heilig zu sein, wie der Ewige heilig ist!

Schabbat Schalom!
Landesrabbiner Dr. Navon
LJGH

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Das Wort des Rabbiners zu Acharei Mot 5776 (29.04.2016)

Liebe Freunde, in unserem Wochenabschnitt Acharei Mot lernen wir, wie man die Thora verstehen kann. Die Thora ist ein Buch des Lebens, nicht des Todes.
„Und der Ewige redete zu Mose und sprach: 2 Rede zu den Kindern Israels und sprich zu ihnen: Ich, der Ewige , bin euer Gott! 3 Ihr sollt nicht so handeln, wie man es im Land Ägypten tut, wo ihr gewohnt habt, und sollt auch nicht so handeln, wie man es im Land Kanaan tut, wohin ich euch führen will, und ihr sollt nicht nach ihren Satzungen wandeln. 4 Nach meinen Rechtsbestimmungen sollt ihr handeln und meine Satzungen halten, dass ihr in ihnen wandelt; denn ich, der Ewige, bin euer Gott. 5 Darum sollt ihr meine Satzungen und meine Rechtsbestimmungen halten, denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben: Ich bin der Ewige!“[1]
Die traditionelle Halacha betont bereits: „Der Mensch soll durch die Tora das Leben erlangen, nicht den Tod.“ [2] –  auch für sich selbst, auch für seine Mitmenschen!
Die jüdischen religiösen Vorschriften haben sittlichen Sinn. Wer das vergisst, vergisst den Ewigen: „Darum sollt ihr meine Satzungen und meine Rechtsbestimmungen halten, denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben: Ich bin der Ewige!“. Die Menschen bewahren die Thoragesetze, um mit ihren Mitmenschen den Resonanzraum für die Gottesgegenwart – Schechina – mit zu erschaffen. Deswegen konnte Leo Baeck die ganze Thora in einem Satz zusammenfassen: „Was wir an unseren Mitmenschen tun ist Gottesdienst“. Einige Mitglieder unserer Gemeinde haben mich schon gefragt, warum ich diesen Satz so oft wiederhole. Sie könnten diesen Satz schon auswendig! – Meine Antwort ist sehr pragmatisch: Wenn Sie diesen Satz durch Ihre Taten regelmäßig zusammen umsetzen, wird der Rabbi schweigen.
Ein Therapeut hat diesbezüglich geschrieben:
„Da Zeit und Raum gemäß Einstein einander entsprechen, können wir auch sagen: Wir haben kaum noch Raum für einander. Nicht nur der Lebensraum auf diesem Planeten wird immer enger, auch unser seelischer Innenraum wird immer vollgestopfter. Es ist deshalb ein richtiger Segen, einmal einem Menschen begegnen zu können, der Raum für uns hat, dem wir beispielweise sagen können, was wir auf dem Herzen haben, ohne dass wir innerhalb weniger Minuten unterbrochen oder für das Gesagte verurteilt werden.
Untersuchungen weisen darauf hin, dass hinter vielen Einzelpersonen oder Völkergruppen, die gewalttätig wurden, Menschen stehen, die nie richtig gehört, das heißt angenommen wurden.[3] Damit soll nicht der internationale Terrorismus gebilligt, sehr wohl aber ein Lösungsweg angedeutet werden: Wenn wir lernen einander zuzuhören und Raum zu geben für unsere tiefsten Bedürfnisse, wenn wir den Terror in uns loslassen und unserem Selbst zu lauschen beginnen, bewegen wir uns individuell und kollektiv immer mehr in ein Klima hinein, in dem wir innerem und äußerem Terror in uns immer weniger Resonanzraum bieten“.[4]
Liebe Freunde, ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, die Thoragesetze zu bewahren, um mit Ihren Mitmenschen den Resonanzraum für die Schechina mit zu erschaffen. Wer diese Melodie der tiefen Stille (kol demmama daka[5]) immer hört, der weitet seinen seelischen Innenraum in die Ewigkeit Gottes aus.
Schabbat Schalom
Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon

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Das Wort des Rabbiners zu Pessach 5776 (22.04.2016)

Pessach ist „Zeman Cheruteinu“ – das Fest unserer Freiheit! - „Rabbi Jehoschua, Sohn des Levi, sagte: Und es steht geschrieben über die Gesetzestafeln [2. Mos. 32,16]: Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. - Du sollst aber nicht Charuth lesen, was 'eingegraben' bedeutet, sondern du sollst Cheruth lesen, was 'Freiheit' bedeutet, denn ein Freier ist nur, wer das Gesetz (die Tora) erforscht. Wer das Gesetz erforscht, wird auch erhöht ...“ (Mischna, Sprüche der Väter, Kapitel 6).

Pessach fordert uns noch immer dazu auf, zu unserer persönlichen Freiheit zurückzukehren! Zu unserer Nacherzählung des Auszugs aus Ägypten an Pessach in der LJGH Hamburg gehört auch die Geschichte des Israelitischen Tempels in Hamburg!  Diese Tempelsynagoge  hat statt der Opfertheologie, die sich im Zentrum des alten Tempels vor 2000 Jahren verbirgt, die Theologie der inneren Erneuerung  und Selbstverwirklichung weiter entwickelt, die Theologie der Menschlichkeit und der Mitmenschlichkeit. Vierhundert jüdische Kinder haben diesen Tempel in der Oberstrasse 120 sogar in der schrecklichen Nazi-Zeit besucht. Die Zeitzeugin Eva Stiel erzählt darüber: „Wir haben, wie die ersten liberalen Juden, unsere Glaubenshaltung aus der Welt des Zweifels gewonnen. In der Auseinandersetzung mit dem Alten haben wir sehen und urteilen gelernt. Jeder neue Schritt verlangt von uns Selbständigkeit im Denken und Entscheiden. Würden wir diese Selbständigkeit aufgeben und stattdessen uns blind und kritiklos der Tradition überliefern, so würden wir das Beste in unserem Tun aufgeben, nämlich die innere Lebendigkeit und Ehrlichkeit. Wir wollen nur das von der Tradition übernehmen, was wir als ganze Menschen mit Verstand und Herz verwirklichen können. Wie groß die Auswahl des Übernommenen sein wird, können wir heute noch nicht übersehen. Fest aber steht, dass wir nicht ohne eigene innere Anteilnahme nachahmen wollen, was nur die alte Erstarrung, die die erste Begründen bekämpfen, mit sich bringen würde.  Hier ist endlich der Platz, zu sagen, was uns von den Tempelgründern trennt und was uns mit ihnen verbindet. Das Neue und Trennende ist der wiedererwachte Glaube an den lebendigen Gott der Bibel und die höhere Wertschätzung der jüdischen Tradition. Was uns mit ihnen verbindet, ist unsere innere Selbständigkeit gegenüber der Tradition, und das wollen wir als ein Vermächtnis aufnehmen und weiterpflanzen“.

Die liberalen Juden kehrten nach der Shoah nach Hamburg zurück, um diesen Weg als ganze Menschen mit Verstand und Herz fortzusetzen.  Wer die Thora mit offenen Augen erforscht, der weiß, dass der Weg zur persönlichen Freiheit durch die Beziehung zwischen den Menschen verläuft. Wer lernt, jeden Tag seine Mitmenschen mit Liebe und Würde zu behandeln, der wird von Gott erhöht: „Was wir an unseren Mitmenschen tun, ist Gottesdienst“ (Leo Baeck). Die Welt leidet wieder unter dem Terror der Unmenschlichkeit, der versucht, andere Menschen zu erniedrigen und zu vernichten.  In dieser Zeit sollten wir unsere Mitmenschen mit noch größerer Aufmerksamkeit und Würde behandeln, um gegen die Welle der Unmenschlichkeit einen ständigen Widerstand zu leisten.

Liebe Freunde, ich wünsche Ihnen ein fröhliches und freies Pessach!

Liberaler Landesrabbiner Dr. Moshe Navon, LJGH

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Wochenabschnitt Tazria Mezora (15.04.2016)
In unserem Wochenabschnitt Tazria Mezora lernen wir etwas über eine
Krankheit, die Zara’at (Aussatz) hieß, und mit welchen Konsequenzen man ihr
vor 3000 Jahren begegnet ist :
Das Gesetz über die Reinigung vom Aussatz
1. Und der ewige redete zu Mose und sprach:
2 Dieses Gesetz gilt für den Aussätzigen am Tag seiner Reinigung: Er soll zu
dem Priester gebracht werden[a].
3 Und der Priester soll [dafür] hinaus vor das Lager gehen, und wenn er
nachsieht und findet, dass das Mal des Aussatzes an dem Aussätzigen heil
geworden ist,
4 so soll der Priester gebieten, dass man für den, der gereinigt werden
soll, zwei lebendige Vögel bringt, die rein sind, und Zedernholz, Karmesin
und Ysop;
5 und der Priester soll gebieten, dass man den einen Vogel schächtet in ein
irdenes Geschirr, über lebendigem Wasser.
6 Den lebendigen Vogel aber soll man nehmen mit dem Zedernholz, dem Karmesin
und Ysop und es samt dem lebendigen Vogel in das Blut des Vogels tauchen,
der über dem lebendigen Wasser geschächtet worden ist;
7 und er soll denjenigen siebenmal besprengen, der vom Aussatz gereinigt
werden soll, und ihn so reinigen; und den lebendigen Vogel soll er in das
freie Feld fliegen lassen.
8 Der zu Reinigende aber soll seine Kleider waschen und alle seine Haare
abschneiden und sich im Wasser baden; so ist er rein. Danach darf er in das
Lager gehen; doch soll er sieben Tage lang außerhalb seines Zeltes bleiben.
(Waijkra – 3.Mose 14 )
Die alten Rabbiner haben sich vor 1.500 Jahren den Kopf über diese ganz und
gar nicht logische Handlung zerbrochen, um eine einfache Erklärung in diesem
Gesetz zu finden. Sie kamen zur der Entscheidung:
„Ein Mensch wird mit „Aussatz“ bestraft, wenn er üble Nachrede sagte, und
deshalb wird seine Reinigung auch durch kleine Vögel vollzogen, die
andauernd zwitschern und schnattern.“ (aus der Aggada. Plaut: Die Tora in
jüdischer Auslegung, Teil 3, S. 135).
Die alten Rabbiner listen also Laschon Hara als eine der Ursachen für die
Krankheit der biblischen tzara'at auf. Der Talmud (Arachin 15b). Das laute
Aussprechen von Laschon Hara wird von der Gegenwart Gottes nicht toleriert
(Talmud Sota 42a). Woher wissen die alten Weisen von diesem Grund für den
Aussatz? - Gemäß der Erzählung in der Thora begeht Miriam mit ihrem Bruder
Aaron Laschon Hara. Sie fragt in Be-Midbar – 4. Mose Kapitel 12, warum Moses
so viel mehr befähigt sei als jeder andere, das jüdische Volk zu führen.
Gott hört es und belegt Miriam mit Zara'at, weswegen sie für eine Woche
außerhalb des Lagers bleiben muss.
Es ist sehr interessant, wie ein jüdischer Witz der modernen Zeit diese
althergebrachte Tradition thematisiert. Dieses Mal ist es nicht ein kleiner
Vogel, der eine reinigende Rolle spielt, sondern kleine Federn :
„Ein Nachbar hatte über Künzelmann schlecht geredet und die Gerüchte waren
bis zu Künzelmann gekommen. Künzelmann stellte den Nachbarn zur Rede.
"Ich werde es bestimmt nicht wieder tun", versprach der Nachbar. "Ich nehme
alles zurück, was ich über Sie erzählt habe".
Künzelmann sah den anderen ernst an. "Ich habe keinen Grund, Ihnen nicht zu
verzeihen" erwiderte er. "Jedoch verlangt jede böse Tat ihre Sühne."
"Ich bin gerne zu allem bereit." sagte der Nachbar zerknirscht.
Künzelmann erhob sich, ging ins sein Schlafzimmer und kam mit einem großen
Kopfkissen zurück.
"Tragen Sie dieses Kissen in Ihr Haus, das hundert Schritte von meinem
entfernt steht." sagte er.
"Dann schneiden Sie ein Loch in das Kissen und kommen wieder zurück, indem
Sie unterwegs immer eine Feder nach rechts, eine Feder nach links werfen.
Dies ist der Sühne erster Teil."
Der Nachbar tat, wie ihm geheißen. Als er wieder vor Künzelmann stand und
ihm die leere Kissenhülle überreichte, fragte er: "Und der zweite Teil
meiner Buße?"
"Gehen jetzt wieder den Weg zu Ihrem Haus zurück und sammeln Sie alle Federn
wieder ein."
Der Nachbar stammelte verwirrt: "Ich kann doch unmöglich all die Federn
wieder einsammeln! Ich streute sie wahllos aus, warf eine hierhin und eine
dorthin. Inzwischen hat der Wind sie in alle Himmelsrichtungen getragen. Wie
könnte ich sie alle wieder einfangen?"
Künzelmann nickte ernst: "Das wollte ich hören! Genauso ist es mit der üblen
Nachrede und den Verleumdungen. Einmal ausgestreut, laufen sie durch alle
Winde, wir wissen nicht wohin. Wie kann man sie also einfach wieder
zurücknehmen?"
Liebe Freunde, so eine große Sünde verbreitet sich so leicht wie Federn in
Wind. Was können wir tun, um das zu vermeiden?! Übung macht den Meister:
versuchen wir, über andere Menschen nur gute Wahrheiten zu sagen und zu
hören. – Aber was machen wir, wenn wir Zeuge dafür sind, dass andere
Menschen schlechte Dinge tun? Dann denken wir drei Mal nach, bevor wir unser
Zeugnis ablegen: Wann und wo tun wir das? Vor wem tun wir das? Für welchen
Zweck tun wir das? Wir begegnen also der Sünde anderer mit umso größerer
Achtsamkeit für unser eigenes Handeln.


Liebe Freunde, ich wünsche Ihnen Schabbat Schalom!

Rabbi Navon

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Tasria 1 Nissan 5776 (07.04.2016)

Liebe Freunde, wir lesen in unserem Wochenabschnitt etwas für unser Verständnis Seltsames:

„Und der Ewige redete zu Mose und sprach: Rede zu den Kindern Israels und sprich: Wenn eine Frau schwanger ist und einen Knaben gebiert, so soll sie sieben Tage lang unrein sein; sie soll unrein sein wie in den Tagen, an denen sie abgesondert ist wegen ihres Unwohlseins. („Wajikra“ – Tasria 12, 1-2).

Können die modernen Menschen die Alten verstehen? Die Geburt eines neuen Menschen ist ein heiliges und gesegnetes Ereignis. Jüdische Frauen beten doch während ihrer Schwangerschaft:

„Möge es dein Wille sein, Ewiger, mein Gott und Gott meiner Vorfahren, dass du in deiner großen Barmherzigkeit die Frucht in meinem Leibe zu einem gesunden Kind heranreifen lässt; möge es dein Wille sein, dass er gerecht sei, fromm, heilig und zum Segen diene. Die Augen Israels mögen leuchten durch deine Tora. Amen, so möge es sein“. (Aus: Der Chumasch nach Rabbiner Plaut:  die Tora in jüdischer Auslegung, Teil 3, S. 115).

Nach der mündlichen Tora ist Gott selbst an der Geburt eines Kindes beteiligt und nicht nur ein Mann mit seiner Frau: "Weder kein Mann ohne die Frau, noch keine Frau ohne Mann, und doch nicht beide allein, - ohne die Shechinah (Die Gegenwart Gottes unter den Menschen) bringt ein Kind auf die Welt." Midrasch Rabba Bereschit 22, 2.

Warum jedoch soll sich eine Frau nach einem solch glücklichen und heiligen Ereignis unrein fühlen? Mit diesem Gefühl so viele Tage leben? Die Antwort ist wahrscheinlich sehr einfach. Wenn ein Mensch auf seinem Feld den ganzen Tag arbeitet, um die neue Ernte zu sammeln, so kommt er glücklich nach Hause: seine dauerhafte  Mühe hat nun endlich  großen Erfolg. Allerdings beeilt er sich nicht, sich zu Tisch zu setzen, um seinen Hunger zu stillen. Er nimmt sich vorher eine Weile Zeit für sich selbst, duscht sich, zieht saubere Kleidung an, und er will auch ein bisschen allein sein, um seine neue Stufe des Seins zu erleben.

Für eine Frau ist der postpartale Zeitraum noch wichtiger. Wenn sie in der Vergangenheit für unrein erklärt wurde, wurde sie für alle unantastbar. Alle Pflege zu Hause wurde nun auf die Schultern anderer gelegt. Sie konnte in Ruhe Zeit für sich und ihr Baby haben. Sie hat sich eine lange Zeit bemüht, bis sie das Baby auf die Welt gebracht hat, und sie musste, wie alle anderen, viel arbeiten, aber jetzt hat sie Zeit und Raum für sich selbst. Die Alten strebten danach zu arbeiten, unabhängig von der Person. Deshalb hat die Tora eine Frau nach der Geburt so stark aus der Gemeinschaft „ausgegrenzt“!
Die Tora wollte so eine Warnung zum Ausdruck bringen, dass die Mitmenschen der Frau sie ja nicht berühren und sie zum Beispiel nicht zum Arbeiten erzwingen.

Der moderne Mensch kann den Moment der Geburt anders als seine Vorfahren zum Ausdruck bringen: die Frau, die ein Kind geboren hat, ist deswegen heilig und rein. Wer das versteht, soll ihr helfen, Zeit für sich und für ihr Kind zu finden. Vielleicht verdeutlicht dies das folgende Gleichnis?

Samen statt Früchte

Eine Frau träumte, sie beträte einen ganz neuen Laden am Markt, und zu ihrem Erstaunen stand Gott hinter dem Ladentisch.

"Was verkaufst du hier?", fragte sie.

"Alles, was dein Herz begehrt", sagte Gott.

Die Frau wagte kaum zu glauben, was sie hörte, beschloss aber das Beste zu verlangen, was ein Mensch sich nur wünschen konnte. "Ich möchte Frieden für meine Seele und Liebe und Glück, und weise möchte ich sein und nie mehr Angst haben", sagte sie.

Nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: "Nicht nur für mich allein, sondern für alle Menschen auf der Erde."

Gott lächelte.

"Ich glaube, du hast mich falsch verstanden, meine Liebe", sagte er, -

"wir verkaufen hier keine Früchte, nur Samen." (Anthony de Mello).

Wenn man die Frau mit ihrem Neugeborenen sieht, dann kann man verstehen, was für eine Art Samen die Frau von Gott bekommen hat:
Liebe, Mut, Demut und Geduld und das Vertrauen, dass das Kind in einer guten Welt aufwachsen kann.

Wenn ein Mitmensch die Frau mit ihrem Neugeborenen sieht, kann er verstehen, was für eine Art Samen er von Gott bekommen kann:

Wir können durch unser bewusstes Handeln gegenüber der Frau und ihrem Neugeborenen „Gottes Samen“ legen, wie Liebe, Mut, Demut und Geduld und das Vertrauen. So sorgen wir für Früchte, nämlich, das friedliche und glückliche Miteinander von Mutter und Kind in deren Zukunft.

Liebe Freunde, ich wünsche Ihnen immer nur gute Früchte auf allen Ihren Wegen zu bringen. Mögen Sie nur vorher einen Weg zu dem besonderen Laden finden, in dem die Samen der Güte bewahrt werden!

Schabbat Shalom!

Dr. Moshe  Navon, Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Wochenabschnitt Schemini, Schabbat Para, 23 Adar II 5776 (1. 4. 2016)

1.
Liebe Freunde, wir lesen in unserem Wochenabschnitt Schemini:
„Denn ich bin der Ewige euer Gott: so heiligt euch, dass ihr heilig seid, denn ich bin heilig; und verunreinigt euch nicht durch all das Gewimmel, das auf dem Land kriecht. Denn ich bin der Ewige, der euch heraufgebracht aus dem Lande Mizrajim um euch ein Gott zu sein: so seid heilig, denn ich bin heilig“ (Waikra - 3. Buch Mose Kapitel 11, 44 – 45).

Die mündliche Thora besagt:
„Wenn er unrein sein will, wird ihm die Gelegenheit dazu gegeben werden. Wenn er rein sein will, erhält er Gottes Unterstützung“ (Aus: Der Chumasch nach Rabbiner Plaut:  die Tora in jüdischer Auslegung, Teil 3, S. 112.).

Meditation:
„Ein Schüler schlief ein und träumte, er sei im Paradies. Zu seinem Erstaunen fand er dort auch seinen Meister und die anderen Schüler, alle in Meditation versunken.
"Das ist die Belohnung im Paradies?" rief er. "Genau das Gleiche haben wir doch auf Erden auch gemacht!"
Er hörte eine Stimme: "Narr! Du denkst, diese Meditierenden seien im Paradies? Es ist genau umgekehrt - das Paradies ist in ihnen!" (Anthony de Mello).

Normalerweise stellt man sich „heilig sein“ so vor, dass man auf den Wolken sitzt und seinen Nimbus über den Kopf beobachtet.
Aber unser unfassbarer Gott gibt uns einen klaren Hinweis, wie man auf der Erde heilig werden kann.
Zum Beispiel sagt Er: „Respektiere deine Eltern.“ (3. Buch Mose 19,3), „Tue deinen Mitmenschen nur Gutes und trenne nie deine Liebe von deinem Leben“, „Nimm dir mit großer Würde deine Zeit und Ruhe am Schabbat und vergiss nie den geheimen Sinn deines Lebens.“ (Vrg. Zehn-Wort, 2. Buch Mose 20,1-14).
2.
Das oben genannte Zitat aus dem Wochenabschnitt gibt uns zwei verschiedene Aufgaben:
„Sei heilig und sei rein!“.
Wenn wir durch unserer Verhältnis zu unseren Mitmenschen nahe zu Gott stehen, dann sind wir heilig, weil Gott uns auf diese Art und Weise heiligt.
Dann stellen wir uns die Frage:
„Ist das nicht genug?“, „Warum sollen wir  zusätzlich unsere Reinheit vorm Gewimmel bewahren? Können diese oder andere verbotene Speisen unsere Heiligkeit von Gott nehmen?“
Noch sind wir nicht auf den Wolken im Paradies, noch sind wir auf dieser Erde, ein Teil von dieser Welt.
Wir gehen auf diesem Planeten, der uns zu sich selbst anzieht, um uns zu seiner Erde zu verwandeln.
Die Thora lehrt uns hingegen, nicht wie das Gewimmel auf der Erde zu kriechen.
Wir werden belehrt, zwischen den Speisen zu unterscheiden, welche verboten und welche erlaubt sind, um unsere Zunge zu beherrschen.
Als nächsten Schritt lernen wir zwischen menschlicher Sprache und übler Nachrede zu unterscheiden.
Als nächsten Schritt lernen wir zwischen guten Gedanken und bösen Gedanken zu unterscheiden. Unseren guten Gedanken folgen die guten Taten, welche uns laut Thora von Gott heilig machen.
Auf den Wolken kann man das nicht lernen, nur auf der Erde.
Nach der Geburt haben wir gelernt, wie man auf zwei Füßen aufrecht geht.
Wie haben wir das geschafft?
Wir sind in kleinen Schritten immer wieder gefallen und immer wieder aufgestanden.
Jetzt üben wir auf allen unseren menschlichen Ebenen mit Gott aufrecht nach vorne zu gehen. Wenn wir fallen, dann stehen wir wieder auf und gehen zu Gott weiter.
Das ist gemäß der Thora die Bedeutung „heilig zu sein“. Gehen Sie aufrecht nach vorne: das Paradies ist in Ihnen!
Liebe Freunde, ich wünsche ihnen einen heiligen, friedlichen und koscheren Shabbat.

Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon

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Toraabschnitt Wajikra - Die Begründung der Opfer (16.03.2016)

Der wöchentliche Toraabschnitt kommentiert von Prof. Dr. Nechama Leibowitz: „Die Opfergesetze sind für uns wie ein Buch mit sieben Siegeln. Wir begreifen weder ihre grundlegende Bedeutung noch die Absicht ihrer Vorschriften und Regelungen. In der Tat mag ihr Aufhören seit der Zerstörung des Tempels unsere Gefühle für die Opfer abgestumpft haben. Auch die Zehn Gebote, welche die gesamte Thora repräsentieren, erwähnen die Opfer nicht. Wer nicht sündigt, muss keine Opfer darbringen, und wird von Gott denen vorgezogen, die sündigen und dafür mit Opfern büßen. Daher stellt Schemuel fest: "Hat der Ewige etwa ein solches Wohlgefallen an Brandopfern und Schlachtopfern wie am Gehorsam gegen den Befehl des Ewigen? Siehe, Gehorsam ist mehr wert als Opfer, Demut ist besser als das Fett von Widdern." (I Sam. 15, 26) :
Statt der Opfer-Theologie also eine Theologie der Erneuerung und der Selbstverwirklichung:
In den Psalmen, mit denen wir zu Gott sprechen, lesen wir:
Öffne meine Ohren und öffne meine Lippen. Erschaffe mir, o Gott, ein reines Herz,
und gib mir von Neuem einen festen Geist in meinem Innern! (Ps. 51)
"Schlachtopfer und Speiseopfer forderst Du nicht, aufgetan aber hast du mein Ohr. Brandopfer willst Du nicht noch Opfer der Sühne" (Ps. 40, 7) - „ aufgetan aber hast du mein Ohr.", das bedeutet: öffne es, damit ich deiner Stimme gehorchen möge.
17 „Ewiger, tue meine Lippen auf, damit mein Mund dein Lob verkündige!
18 Denn an Schlachtopfern hast du kein Wohlgefallen, sonst wollte ich sie dir geben;
Brandopfer gefallen dir nicht.
19 Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein zerbrochener Geist;
ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten.“ (Ps. 51)
Ein Mensch kann sein hartes Herz mit Reue - Teschuva - zerschlagen, um seine Seele in der demütigen Stille vor Gott bringen. Deshalb fangen wir das Grundgebet des Judentums – die Amida - mit den folgenden Worten an: „Ewiger, tue meine Lippen auf, damit mein Mund dein Lob verkündige!“
Man kann fragen, wozu wir Gott bitten sollen, unseren Mund zu öffnen. Ist das nicht überflüssig? Wir können doch selbst sprechen. – Na ja, antworten unsere Weisen, man kann seinen Mund öffnen und viele schlimme Dinge sagen. Laschon ha-Ra, die „böse Zunge“, wird ihren Hochmut dadurch sprechen lassen. Laschon ha-Ra bedeutet auch „üble Nachrede“. Da diese großen Schaden anrichten kann, sagt uns das 9. Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (Ex 20).] Deshalb beten wir:
Elohai, n'tzor l'schoni mei-ra us'fatai midabeir mirma, V'limkal'lai nafshi tidom v'nafshi ke-afar lakol tih'yeh. P'tach libi b'toratecha…
„Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen vor Trug, denen gegenüber, die mir fluchen, schweige meine Seele, und es sei meine Seele wie Staub (d.i. demütig) allem gegenüber. Öffne mein Herz deiner Lehre, und deinen Geboten jage meine Seele nach, und alle, die Böses gegen mich sinnen, bald vereitle ihren Rat und zerstöre ihre Pläne…“ (das Gebet des Rabbiners Mar Bar Rabina nach der „Birkat ha-Schalom“ der Amida).

Deshalb beten wir, dass Demut und Liebe durch unseren Mund sprechen werden. Unser Vater im Himmel ist ein Meister der Demut.
Deshalb waren die Opfer zwar in der Vergangenheit von Bedeutung, als Übergangsperiode für einfache Menschen, die gesehen hatten, dass alle Völker ihren Göttern Opfer bringen, aber im rabbinischen Judentum sind seit der Zerstörung des Tempels Demut und liebevolle Taten statt der Tieropfer wichtig:
„Rav sagte: Vierer Dinge wegen geht den Haushalten der Besitz verloren: wegen derer, die den Lohn des Tagelöhners zurückhalten; wegen derer, die den Tagelöhner um seinen Lohn berauben; wegen derer, die ein Joch von ihrem Hals abwerfen und es ihren Mitmenschen auflegen; und wegen des dreisten Hochmuts. Und der dreiste Hochmut schließt alles andere ein. Aber über die Demütigen (anavím) steht geschrieben: ‚Und die Demütigen werden das Land erben und großen Frieden genießen’“ (Ps 37,11). Talmud bSuk 29b

 

אמר רב בשביל ארבעה דברים נכסי בעלי בתים יוצאין לטמיון על כובשי שכר שכיר ועל עושקי שכר שכיר ועל שפורקין עול מעל צואריהן ונותנין על חבריהן ועל גסות הרוח וגסות הרוח כנגד כולן אבל בענוים כתיב וענוים יירשו ארץ והתענגו על רב שלום:

 

Liebe Freunde, bitte, genießen Sie großen Frieden, besonders am Schabbat!
Schabbat Schalom
Liberaler Landesrabbiner Dr. Navon

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Dwar Thora Pekudei 5776 (11.03.2016)

Im vorherigen Wochenabschnitt bittet Gott Moshe, sein Heiligtum (das Stiftzelt – das Mischkan) in der Wüste zu errichten. In unserem Wochenabschnitt lesen wir über den Abschluss des Baus des Mischkan.

Es war vor 3300 Jahren. Die Alten Hebräer bauen ein Haus für Gott, dass Er unter ihnen wohne. Seit zweitausend Jahren lebt das Volk Israel ohne Tempel und ohne Opfer. Es lernte, seine Beziehungen zu Gott auf einer ganz anderen Basis zu bauen.

Aber heute versuchen die fundamentalistischen Kreise, uns in die Vergangenheit zurück zu bringen, einen Tempel zu bauen, um Opfer zu bringen. Können Sie sich einen großen Schlachthof im Zentrum von Jerusalem, auf dem Tempelberg vorstellen?!“ Die Priester schlachten Vieh neben dem Altar vom Morgen bis zum Abend, die Menschen beten, die Schafe klagen.

Deshalb existiert die mündliche Thora (Thora sche-be-al-Päh) neben der schriftlichen Thora (Thora sche-bi-Chtaw), damit wir nicht in der Vergangenheit verhaften bleiben. Wir leben heute auf der Erde, weil rund um sie die Atmosphäre erschaffen wurde, in der wir atmen können. Die mündliche Thora ist mit der schriftlichen Thora wie die Atmosphäre mit unserer Erde verbunden.

In unserem Thoraabschnitt spricht die schriftliche Thora über den Opfer-Altar für die Versöhnung mit Gott: „Danach stellte er (Mose) auch den Brandopferaltar aus Akazienholz her, 5 Ellen lang und 5 Ellen breit, viereckig, und 3 Ellen hoch.  Und er brachte die zu ihm gehörenden Hörner, die aus einem Stück mit ihm waren, an seinen vier Ecken an, und überzog ihn mit Erz.  Und er fertigte alle Geräte zu dem Altar an, die Töpfe und die Schaufeln und die Sprengbecken, die Gabeln und die Kohlenpfannen: Alle seine Geräte machte er aus Erz.  Und er stellte für den Altar ein Gitter wie ein Netz her, aus Erz, unter seiner Einfassung, von unten her bis zur halben Höhe des Altars,  und goss vier Ringe an die vier Enden des ehernen Gitters zur Aufnahme der Tragstangen.  Die Tragstangen fertigte er aus Akazienholz an und überzog sie mit Erz  und steckte sie in die Ringe an den Seiten des Altars, dass man ihn damit tragen konnte. Und er machte ihn inwendig hohl, aus Brettern.  Und er machte das Becken aus Erz und sein Gestell auch aus Erz, aus den Spiegeln der dienenden Frauen, die vor dem Eingang der Stiftshütte Dienst taten(Schemot 38).

Wie ergänzt diese Weltanschauung die mündliche Thora? – „Wir haben ein Mittel der Sühne, das so gut wie dieser Altar ist! Das ist Gemilut Hasadim! – Die Liebestaten für Mitmenschen von ganzem Herzen - wie es gesagt wird: " Denn an Liebe habe ich Wohlgefallen, und nicht am Opfer! '" (Hosea 6: 6;. Awot d'Rabbi Natan 4:21).

In unserem Wochenabschnitt lesen wir über Abschluss des Baus des Mischkan:

„Und Mose richtete die Wohnung auf; und er stellte die Füße auf und setzte die Bretter darauf und befestigte ihre Riegel und richtete die Säulen auf. Und er breitete das Zelt aus über die Wohnung und legte die Decke des Zeltes obendrauf, so wie der Herr es Mose geboten hatte. Und er nahm das Zeugnis und legte es in die Lade und steckte die Tragstangen an die Lade, und er legte den Sühnedeckel oben auf die Lade. Und er brachte die Lade in die Wohnung und hängte den verhüllenden Vorhang auf und verhüllte die Lade des Zeugnisses, so wie der Herr es Mose geboten hatte. Und er setzte den Tisch in die Stiftshütte, an die Nordseite der Wohnung, außerhalb des Vorhangs, und er schichtete die Schaubrote darauf vor dem Ewigen, so wie der Ewige es Mose geboten hatte“. (Schemot 40). …So vollendete Mose das Werk. Da bedeckte die Wolke die Stiftshütte, und die Herrlichkeit des Ewigen erfüllte die Wohnung“. (Schemot 40, 33-34)

Der Prophet Jesaja hat Beispiele dafür gegeben, wie Liebestaten für Mitmenschen unsere Seele mit der Herrlichkeit des Ewigen erfüllen:

„brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe ins Haus; so du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieht dich nicht von deinem Mitmenschen.  Als dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Besserung wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Ewigen wird dich zu sich nehmen.…“ Jesaja 58:7

הֲלוֹא פָרֹס לָרָעֵב לַחְמֶךָ, וַעֲנִיִּים מְרוּדִים תָּבִיא בָיִת:  כִּי-תִרְאֶה עָרֹם וְכִסִּיתוֹ, וּמִבְּשָׂרְךָ לֹא תִתְעַלָּם.  ח אָז יִבָּקַע כַּשַּׁחַר אוֹרֶךָ, וַאֲרֻכָתְךָ מְהֵרָה תִצְמָח; וְהָלַךְ לְפָנֶיךָ צִדְקֶךָ, כְּבוֹד יְהוָה יַאַסְפֶךָ.

In unserem Wochenabschnitt lesen wir über die Schaubrote (Lechem ha-Panim). Das waren 12 ungesäuerte Brotkuchen - nach der Zahl der 12 Stämme Israels – die als ständige „Vertretung“ vor Gott im Tempel lagen. Sie wurden für jeden Schabbat eines auf das andere auf einem goldenen Tisch vor Gott im Heiligtum des Stiftszeltes (des Mischkan)  (und im Tempel in Jerusalem) als Opfergabe aufgestellt. Die Priester haben diese Brote nach dem Ausgang des Schabbates gegessen. Lechem ha-Panim galt für Israel als Zeichen des ewigen Bundes zwischen Gott und dem Volk Israels. (Waikra 24, 5).

Wie ergänzt diese Weltanschauung die mündliche Thora? - „Rabbi Simon sagte: Wenn drei an einem Tisch essen und nicht reden über die Worte des Gesetzes, dann ist es so, als ob sie von Götzenopfern äßen, denn es steht geschrieben [Jes. 28,8]: Denn alle Tische sind voll Speiens und Unflats an allen Orten. - Wenn aber drei an einem Tisch essen und reden über die Worte des Gesetzes (der Thora), dann ist es so, als ob sie von Gottes Tisch äßen, denn es steht geschrieben: „Und er sprach zu mir: Das ist der Tisch der vor dem Ewigen stehen soll. [Hesekiel 41,22] „ Pirkei Awot 3, 4.)

Der große liberale Rabbiner Leo Baeck hat die Erfahrungen der antiken Rabbiner zusammengefasst: „Was wir an unseren Mitmenschen tun ist Gottesdienst!“. Es ist ein Markstein in der Geschichte des Judentums in Deutschland und in der mündlichen Thora.

Die Mitglieder und Freunde der liberalen jüdischen Gemeinde zu Hamburg verteilen unter ihnen die Weisheit der Thora und das lebenspendende Brot. Sie entwickeln miteinander die Beziehungen, die sie in Einklang mit Gottes Gegenwart – Schechina – bringen: „Und die Herrlichkeit des Ewigen erfüllt unsere Gemeinde und unser Leben“… diese unsichtbaren Tempel der Beziehungen zwischen den Menschen sind eine menschliche Oase unter anderen in Hamburg, die frische Luft in die Welt bringt: „und die Herrlichkeit des Ewigen wird dich zu sich nehmen“ (Jesaja 58:7).

„Läässoff „ - bedeutet auf Hebräisch auch sammeln: wie bei der Ährenlese die Ähren zu sammeln, d.h. die Herrlichkeit des Ewigen sammelt uns zusammen - eins kommt zum andern. Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen. Der Segenskreislauf soll sich unter allen Menschen der Erde ausbreiten, damit die Herrlichkeit Gottes unsere Umwelt erfüllt.

Diese Stimmung verbreitet sich über die Grenze der Gemeinde weiter, um unsere menschliche Umwelt menschlicher, harmonischer zu schaffen.

Zurzeit haben wir keine Synagoge, keinen israelitischen Tempel in Hamburg. Der letzte Tempel wurde im 1931 gebaut. Die liberalen Juden haben damals gehofft, hier weiter in Frieden zu leben, aber der Ausbruch der Unmenschlichkeit hat die Welt zerstört. Der israelitische Synagogen-Tempel ist bis heute ohne jüdisches Gemeindeleben. Unsere Gemeinde füllt diese schmerzhafte Lücke in der Geschichte Hamburgs durch einen kleinen Schritt nach dem anderen auf: brich dem Hungrigen dein Brot und dem, der keine Luft in der unmenschlichen Umgebung bekommt, gebe deine Luft der Menschlichkeit, und die Herrlichkeit des Ewigen wird dich zu sich nehmen“

Schabbat Schalom

Dr. Navon,

Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Wochenabschnitt (04.03.2016)

Schabbat Schekalim, Wajakhel , 25 Adar I, 5776, mewarchim Chodesch Adar II am 10.03-11.03.

Am Anfang unseres Wochenabschnittes — Wajakhel — lesen wir:
„Und Mose versammelte die ganze Gemeinde der Kinder Israels und sprach zu ihnen:  Das ist's, was der Ewige  geboten hat, das ihr tun sollt: Sechs Tage sollt ihr arbeiten; den siebenten Tag aber sollt ihr heilig halten als einen Schabbat der Ruhe des Ewigen.  Wer darinnen* arbeitet, soll sterben.  (2 Mose 35, 1 -3).
Der Schabbat ist ursprünglich der Ruhetag für alle Menschen. Gemäß der Thora schuf Gott am sechsten Schöpfungstag den ersten Menschen:
„Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde… (1. Mose 1, 27 – 28)“.
Das bedeutet: Gottes Bild erfüllt sich in seiner Vollkommenheit in dem lebendigen Treffen zwischen Mann und Frau, zwischen zwei Menschen. Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen. Sie schaffen durch ihre gegenseitigen Verhältnise das dynamische Abbild Gottes. Ihr Segenskreislauf soll sich unter allen Menschen der Erde ausbreiten, damit sie Gottes Abbild in der Menschheit vermehren. Aber wo können Menschen so viele Energie beziehen? -
„Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte. (Bereschit 1,27). Nun kann die Schöpfung, das Abbild, sich mit dem Urbild selbst treffen, um aus dem Treffen mit Gott selbst - mit der Quelle des Lebens - an diesem Ruhetag die lebendige Energie zu schöpfen. Gott hat den Schabbat, den Ruhetag, als Quelle des persönlichen Lebens gesegnet. Er soll man glücklich machen. Warum hören die Kinder Israels in unserem Wochenabschnitt die Drohung:  „Wer an diesem Tag arbeitet, soll sterben“? Soll man die Menschen strafen, die an diesem gesegneten  Ruhetag keine Ruhe für sich selbst finden? Kein Glück? Keine Freiheit? Sie strafen sich doch selbst. Lasst uns jetzt in Ruhe dieselben Verse auf Hebräisch lesen:

 

כָּל-הָעֹשֶׂה בוֹ מְלָאכָה, יוּמָת.

 

Kol ha-osse melacha, jumat:
„Jedermann, der am Schabbat  (für den Lebensunterhalt) etwas tut, wird sterben“.
D.h. wer den Schabbat verpasst, dem bleibt nur das Sterben. Kein Leben, kein Glück, keine Freiheit. Es ist eine barmherzige Empfehlung und keine Drohung: schaff dir dein Leben. Wir leben in der Raumzeit des Sterbens: alles webt sich in einen Sterbenskreislauf: die Sterne sterben, die Seen sterben, die Wälder sterben, die Tiere sterben und die Menschen...? - Wir arbeiten Tag für Tag, um uns und unsere Verwandten zu ernähren, aber wir wissen, dass es nur einen Tag für uns gibt, diesen Tag, Heute! Morgen wird diese Raumzeit sich ohne uns weiter drehen - Es ist eine Weltanschauung, die keinen Schabbat kennt! Der Schabbat ist nicht nur ein Ruhetag unter anderen. Unsere zeitliche Raumzeit ist nur eine kleine Insel im Ozean der Ewigkeit. Diese Ewigkeit ist der Schabbat für Gott JHWH. Wer  mit dem Ewigen diesen Schabbat mitmacht, der stirbt nicht:

 

טז וְשָׁמְרוּ בְנֵי-יִשְׂרָאֵל אֶת-הַשַּׁבָּת לַעֲשׂוֹת אֶת-הַשַּׁבָּת לְדֹרֹתָם בְּרִית עוֹלָם. בֵּינִי וּבֵין בְּנֵי יִשְׂרָאֵל אוֹת הִוא לְעֹלָם,  כִּי-שֵׁשֶׁת יָמִים עָשָׂה יְהוָה אֶת-הַשָּׁמַיִם וְאֶת-הָאָרֶץ וּבַיּוֹם הַשְּׁבִיעִי שָׁבַת וַיִּנָּפַשׁ. .   שמות לא, טז-יז

 

„Kinder Israels, bewahrt den Schabbat, um den Schabbat für alle eure Generationen zum ewigen Bund zu machen.
Er ist ein ewiges Zeichen zwischen Mir und den Kindern Israels; denn in sechs Tagen hat der Ewige Himmel und Erde gemacht; aber am siebten Tag ruhte Er und erquickte sich“. (Mose 31, 16-17).
Wir sind doch eingeladen, den Schabbat  mit Gott mitzumachen, deshalb machen wir kaum etwas an diesem Tag auf die Art und Weise wie an einem Werktag. Es ist eine unfassbare persönliche Freiheit, unsere ewiges Leben an einem Tag mit Gott mitzugestalten.
Aber wie ist das möglich? - Wenn wir den Schabbat mitschaffen, schenken wir unsere Zeit, unseren Lebensraum und unsere Achtung anderen Menschen. Das ermöglicht es unseren  Mitmenschen,  in der Ruhe zu  leben, um nicht in der Ruhelosigkeit zu sterben! Es ist ein Geheimnis für das ganze Volk Israel: die lebendige innere Balance in sich selbst und in den MITMENSCHEN zu bewahren. Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen. Ihr Segenskreislauf breitet unter allen Menschen auf der Erde aus.
Das ist Schabbat, ein Ruhetag in dem Licht der Ewigkeit!

Schabbat Schalom!

Dr. Moshe Navon
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Wochenabschnitt Ki Tissa (25.02.2016)

In unserem Thoraabschnitt erfahren wir, wie Mose die Bundestafeln zerbricht:
15 Mose aber wandte sich um und stieg vom Berg hinab, die zwei Tafeln des Bundes in seiner Hand; diese waren auf beiden Seiten beschrieben, vorn und hinten waren sie beschrieben.
16 Und die Tafeln waren das Werk Gottes, und die Schrift war die Schrift Gottes, eingegraben in die Tafeln.
17 Als nun Josua das Geschrei des Volkes hörte, das jauchzte, sprach er zu Mose: Es ist ein Kriegsgeschrei im Lager!
18 Er aber antwortete: Das klingt nicht wie Siegesgeschrei oder wie Geschrei der Niederlage, sondern ich höre einen Wechselgesang!
19 Es geschah aber, als er nahe zum Lager kam und das Kalb und die Reigentänze sah, da entbrannte Moses Zorn, und er warf die Tafeln weg und zerschmetterte sie unten am Berg.
20 Und er nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und verbrannte es mit Feuer und zermalmte es zu Pulver und streute es auf das Wasser und gab es den Kindern Israels zu trinken. (Schemot = 2 Mose 32)
Die Mündliche Thora fragt folgendes: Sollen wir etwas Zerbrochenes immer wegwerfen?
Es wurde beschrieben, wie Mose sich verhielt, als er mit der Tafeln des Bundes (Luchot Ha-Brit) vom Berg Sinai herunterkam und sah, wie die Kinder Israel das Goldene Kalb verehrten. Aber die Thora berichtet uns nicht, was mit den Bruchstücken passierte. Hat Mose sie einfach liegenlassen und vergessen?
Die Mündliche Thora gibt uns die Antwort:
„Rabbi Jehuda sagt: „Ihr sollt einen alten Mann, der in seinem Alter die Thora vergessen hat, ehren, denn es heißt: Die Tafeln und die Stücke der zerbrochenen Tafeln wurden in den Aron (Bundeslade) gelegt." (Talmud Brachot 8b).
Ein alter Mensch, der sein Thorawissen vergessen hat, oder sogar die Thora nie gelernt hat, ähnelt den Bruchstücken der Tafeln des Bundes. Aber sein Wissen, das nur noch bruchstückhaft vorhanden ist, darf nicht weggeworfen werden. Im Gegenteil – wir können es "mitnehmen", ehren und davon profitieren.
Wir wollen immer alles richtig machen und Perfektion erreichen. Daher ist die Versuchung groß, "zerbrochene Dinge" in unserem Leben "wegzuwerfen", sie zu ignorieren, und so zu tun, als existierten sie nicht. Wenn wir die Lektion der zerbrochenen Tafeln des Bundes lernen und zerbrochene Dinge in unserem Leben "mit uns nehmen", uns an sie erinnern und aus ihnen lernen, können wir davon profitieren, weil jedes Bruchstück die Zeugnis von der ganzen Tafel des Bundes ablegt. Die Sehnsucht nach Freiheit trotz aller Hindernisse verbirgt sich in folgender Auslegung:
„Rabbi Jehoschua, Levis Sohn, sagte: … Und es steht geschrieben über die Gesetzestafeln [2. Mos. 32,16]: Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben.
- Du sollst aber nicht lesen Charuth, das ist: eingegraben, sondern sollst lesen Cheruth, das ist: Freiheit, denn ein Freier ist nur, wer das Gesetz (Tora) erforscht.
Wer das Gesetz erforscht, wird auch erhöht ... (Mischna, Sprüche Der Väter, Kapitel 6)
Können wir auch heute damit rechnen, dass sich die Wege in jedem Bruchstück der Tafeln des Bundes verstecken, damit die Menschen in die Freiheit gelangen? Lassen wir diese Wege für sich selbst sprechen? Können wir dieses Bruchstück in unserer Seele entdecken, um die ganzen Tafeln zu lesen? Das Gottes Bild im Menschen ist wie eine zerbrochene Vase: Je mehr durch Menschen verursachte Katastrophen im Verlauf der Geschichte geschehen, desto mehr Scherben sind in der Seele. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit für die Errettung der Welt vor dieser Zerstörung: Jeden einzelnen Mensch zu behandeln, als wäre er der einzige Mensch auf der ganzen Welt. Das bedeutet, die Tafeln des Bundes lesen zu können!
Dr. Moshe Navon
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

 

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Wochenabschnitt Tezawe (19.02.2016)


In dem vorherigen Wochenabschnitt Teruma bittet Gott Moshe sein Heiligtum (das Stiftzelt-Mischkan) in der Wüste zu errichten. Erstaunlich ist, dass das Mischkan nur durch Spenden und nicht mit Hilfe einer besonderen Steuer gebaut wird. Man zahlt Steuern, weil man muss, aber man gibt eine Spende, weil man will. Deshalb ist der Aufbau des Heiligtums, einer so wichtigen Institution für das Volk, nicht gesichert. Er hängt vom freien Willen eines jeden Menschen ab. Es ist ein Hinweis: Der Gott Israels wohnt nicht in einem schönen Gebäude. Er schafft selbst die ganze Raumzeit als eine unfassbare Wohnung für jeden von uns, Er schafft nur aus seiner Liebe. Er will, dass wir ihm einen Wohnsitz nur aus Liebe bauen! Deine Spende für Gottes Heiligtum kommt von deinem Herzen: «den sein Herz dazu treibt» (Schmot 25,2). We-assu li mikdasch, we schachanti be-tocham

 

וְעָשׂוּ לִי, מִקְדָּשׁ וְשָׁכַנְתִּי, בְּתוֹכָם

 

„Wenn die Söhne Israels schaffen Mir ein Heiligtum, werde Ich zwischen ihnen (oder: in ihnen!) anwesend ” (Schmot 25, 8). Wenn ein Mensch von ganzem Herzen für Gottes Heiligtum das gibt, was er von seinem Eigentum besonders mag, räumt er damit sein Herz für die Gegenwart Gottes (Schechina) auf. Danach verwandelt die Schechina seine Seele in ein echtes inneres Heiligtum. Danach kann der ganze Weltraum diese liebevolle Seele nicht umfassen, sondern nur Gottes LIEBE selbst.

 

Das ist ein Geheimnis des Volkes Israel, das schon 2000 Jahre lang mit dem Gott Israels ohne äußerliches Heiligtum, nur mit dem herzlichen lebt! - Aber wie kann man dieses innere Heiligtum in der Finsternis der menschlichen Geschichte bewahren? Dafür gibt uns der heutige Thoraabschnitt Tezawe am Anfang einen Hinweis:

 


וְאַתָּה תְּצַוֶּה אֶת בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וְיִקְחוּ אֵלֶיךָ שֶׁמֶן זַיִת זָךְ כָּתִית לַמָּאוֹר לְהַעֲלֹת נֵר תָּמִיד.

Und du gebiete den Kindern Israel, dass sie dir bringen Olivenöl, lauteres, ausgepresstes, zur Beleuchtung, um die Lampen beständig anzustecken. (Schemot 27, 20).
Dieses Gebot in Bezug auf das ewige Licht (Ner Tamid) hängt mit dem Bau des Heiligtums (dem Mischkan) zusammen. Wie brennt die Lampe so lange vor dem Ewigen vom Abend bis zum Morgen, schon seit 2000 Jahren, ohne den Tempel aus Stein auf dem Tempelberg in Jerusalem? Wie erfüllt das Volk Israel bis heute dieses Gebot? Was brennt in uns und wer strahlt in uns als ewiges Licht in der Mitte der Finsternis?Laut dem Midrasch:


„-Rabbi Berechiah sagte: Der Augapfel gibt durch seinen dunklen Teil (die Pupille) dem Menschen Sicht, und nicht durch das Weiße. Der Ewige sagte: Ich schuf das Licht in der Mitte der Finsternis. Brauche ich dein Licht?

- Rabbi Abba sagte: Der Ewige gedachte um seiner Gerechtigkeit willen, das Gesetz (die Thora) groß und herrlich zu machen." (Isaja 42, 21) Ich stifte die Gebote nur für euch (die Gebote in Bezug auf die Leuchter, um dein Licht leuchten zu lassen!).

-Rabbi Berechiah gab ein weiteres Beispiel: "Und die Erde war wüst und leer. Finsternis lag über dem Abgrund" (Bereschit 1, 2). Was folgt? "Da sprach Gott: Es werde Licht." Der Ewige sagte: Ich schuf das Licht in der Mitte der Finsternis. Brauche Ich dein Licht?

-Rabbi Abba sagte: Der Ewige gedachte um seiner Gerechtigkeit willen, das Gesetz (die Thora) groß und herrlich zu machen." (Isaja 42, 21) Ich stifte die Gebote nur für euch (die Gebote in Bezug auf die Leuchter, um dein Licht leuchten zu lassen!).
(Wajikra Rabbah 31, 7)


Laut dem anderen Midrasch:
„Gott schuf das einzigartige ewige Licht in der Mitte der weltlichen Finsternis, es ist der Geist des Menschen: "Eine Leuchte ist das Wort"? Wer ein Gebot erfüllt, hat vor dem Ewigen eine Lampe angezündet und er belebt seine Seele wieder, wie es heißt (Spr. 20, 27): "Der Geist der Menschen (Nischmat Adam) ist eine Leuchte (Ner) des Ewigen." (Shemot Rabbah 36, 3)
Rabbi Berechiah fragt, ob Gott das Licht von den Menschen braucht, Er hat doch selbst das Licht geschaffen? Rabbi Abba antwortet: „Ja, Er braucht dein Licht! Er hat dir deswegen die Gebote in Bezug auf die Leuchter gegeben, die Hinweise, wie der Mensch seinen Geist als das ewige Licht inmitten der Finsternis wiederzünden kann.

 

Die Schechina verwandelt deine Seele in ein echtes inneres Heiligtum, in dem dein Geist als Ewiges Licht Gottes strahlt, wenn du Taten der Liebe an deinem Mitmenschen tust, wie Gott dich durch seine Thora lehrt.
Das ist ein Geheimnis des Volkes Israel, das schon 2000 Jahre mit dem Gott Israels ohne äußerliches Heiligtum, nur mit dem herzlichen lebt! Dieses Geheimnis hat Rabban Yohanan Ben Zakkai vor 2000 Jahren inmitten der Finsternis, inmitten der Zerstörung des Heiligtums in Jerusalem entdeckt: "Die Geschichte wird erzählt, dass Rabban Jochanan Ben Zakkai und Rabbi Joshua durch die Ruinen des Tempels gingen. Rabbi Joshua sagte: "Wehe uns, dass der Ort, an dem die Sühne für die Sünden von Israel getan wurde, zerstört worden ist!". Aber Rabban Jochanan Ben Zakkai antwortete: "Sei nicht traurig, mein Sohn! Hast du nicht gewusst, dass wir ein Mittel der Sühne haben, das so gut wie dieser Altar ist? Das ist Gemilut Hasadim! – Die Liebestaten für Mitmenschen von ganzem Herzen, - wie es gesagt wird: "Denn an Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht am Opfer!" (Hosea 6: 6;. Awot d'Rabbi Natan 4:21).

 


Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen, in dem er Gottes Atem – Ruach Kodscho - bringt. Der Segenskreislauf fließt vom Mensch zum Mitmenschen aufgrund seiner Liebestaten (Gemilut Chassadim). Der Segenskreislauf entzündet noch immer unseren Geist als ewiges Licht Gottes in der Mitte der Finsternis - nach der Zerstörung des Tempels und nach der Schoah, trotz der ständigen Zerstörung der Menschlichkeit in unserer unsicheren Welt. Es ist die Aufgabe des Volkes Israel, ein Gebot des Ner Tamid zu erfüllen. Der Gott Israels braucht dich, weil du sein Leuchten in der Mitte der Finsternis bist! Haben wir, Töchter und Söhne Israels, das gewusst? –

Dr. Moshe Navon
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Dwar Tora (04.02..2016)

Wochenabschnitt  Mischpatim, Schemoth 22, 20 – 23, 1-4

Ein Schäfer weidete seine Schafe, als ihn ein Spaziergänger ansprach. „Sie haben aber eine schöne Schafherde. Darf ich Sie etwas in Bezug auf die Schafe fragen?“ – „Natürlich“, sagte der Schäfer. Der Mann fragte: „Wie weit laufen die Schafe ungefähr am Tag?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Die weißen laufen ungefähr vier Meilen täglich.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen genauso viel.“ „Und wie viel Gras fressen sie täglich?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Die weißen fressen ungefähr vier Pfund Gras täglich.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch.“ – „Und wie viel Wolle geben sie ungefähr jedes Jahr?“ – „Welche, die weißen oder die schwarzen?“ – „Die weißen.“ – „Nun ja, ich würde sagen, die weißen geben jedes Jahr ungefähr sechs Pfund Wolle zur Schurzeit.“ – „Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen genauso viel.“

Der Spaziergänger war erstaunt. „Darf ich fragen, warum Sie die eigenartige Gewohnheit haben, Ihre Schafe bei jeder Frage in schwarze und weiße aufzuteilen?“ „Das ist doch ganz natürlich“, erwiderte der Schäfer, „die
weißen gehören mir, müssen Sie wissen.“ – „Ach so! Und die schwarzen?“ – „Die schwarzen auch“, sagte der Schäfer.
Der menschliche Verstand schafft törichte Kategorien, wo Liebe nur eine sieht.“

ANTHONY DE MELLO

In unserem Wochenabschnitt „Mischpatim“ (die Gesetze) lesen wir von „schwarzen Schafen“, die vom menschlichen Auge erschaffen werden: „Fremdlinge“ (heute sagen wir: „Zuwanderer“)..., „Witwe“..., „Waise“...,
„arme Mitbürger“..., wir können noch endlos weiter verschiedene „Objekte“ aufzählen, die uns durch die menschliche Brille als nützlich erscheinen, aber die Augen Gottes sehen uns auf ganz andere Art und Weise. Gott sieht in jedem von uns sein Abbild, SICH SELBST, seine zerbrechliche Widerspiegelung in UNS mit Mitleid. Er sieht uns in seinem Licht - durch unfassbare Liebe des geistlichen Mutterleibs - SCHECHINA.

Lesen Sie bitte die Thora noch mal und entdecken Sie den außerordentlichen Hintergrund der jüdischen Gesetze, der Halacha. Die Halacha bedeutet „das Gehen“ bewusst in Gottes Licht:
„Einen Fremdling sollst du nicht ausnutzen oder ausbeuten, denn ihr selbst
seid in Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnutzen.
Wenn du sie ausnutzt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei
hören. Mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert
umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne (und Töchter) zu
Waisen werden…  Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann
sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige
Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er
sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid!“
Schemoth 22, 20-23, 25-26


Die Thora sagt uns, bitte, vergesst es nie, was haben wir als „Kinder Israels“ in Ägypten erfahren? Im Haus der Sklaven? Was haben wir als „Juden“, als „Feinde des dritten Reiches“ erfahren? Was haben wir als „Juden“, als „Feinde des sowjetischen Volkes“ im kalten stalinistischen Paradies erfahren? Vergiss nie, wie ausgebeutete Menschen in Stille schreien, und wie Gottes Stimme der tiefen Stille über diese Menschen weint, vergiss das nie, wenn Du stark und frei genug bist, um die Schwäche der anderen auszunutzen. Hören Sie: „denn ich habe Mitleid!“? Nur Gott hat Mitleid. Mitleid ist Gottes Widerspiegelung in uns. Wenn ich in mir die Stille des Mitleids übertöne, dann hört Gott die Klageschreie meines unterdrückten Mitmenschen.
Wenn ein Mensch seinen Mitmenschen ausnutzt, zeigt er der Öffentlichkeit ein klares Zeichen, dass er in sich selbst vorher Gottes Abbild zerbrochen hat.
Wenn wir heutige grausame religiöse Kriege und Terror mit Entsetzen erfahren, sowie Unruhe in noch friedlichen Ländern wegen der „Fremden“, wissen wir, dass das Zerbrechen des Abbild Gottes auf der Ebene der Völker schon lange geschehen ist!
Ja – sagt ein Mensch – wir haben schon vor 3000 Jahren gehört: „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst, weil Ich euch liebe!“ und dennoch gab es seit her seit unendlich  viele Kriege. Aber was sagt Gott in unserem Thoraabschnitt den Ausnutzern der Witwen und Waisen? - „Mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne (und Töchter) zu Waisen werden“. - Ist das der Weg der Liebe, um die menschliche Welt zu verbessern?  Führt Gott auch Kriege mit brennendem Zorn
und blutigem Schwert? – Nein, Gott hat keine Waffen. Der menschliche Verstand schafft törichte Kategorien und schreckliche Waffen für sich selbst. Der menschliche Verstand schreibt der Schechina Zorn und Schwert zu.
Der menschliche Verstand sät die grausamen Kriege „um Gottes Willen“, die so schreckliche Frucht bringen: die Witwen und  Waisen der grausamen Täter schreien in Stille ebenso wie die Witwen und Waisen der unschuldigen Menschen. Gott gibt uns andererseits in jeder Lage die Möglichkeit, unsere Mitmenschen in seinem Licht zu sehen, Er zieht in uns auf diese Art und Weise sein Mitleid groß, sodass Liebe nur eine  Kategorie sieht.

Moshe Navon
Dr. Navon,
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Dwar Tora (14.01.2016)

Wochenabschnitt Bo
6. Schwat 5776-Januar 16, 2016: Exodus 10:1 - 13:16 HAFTARA: Jeremiah 46:13-28

 

Unser Wochenabschnitt „Bo“ erzählt, wie das jüdische Volk aus Ägypten, aus dem Haus der Sklaverei, auszog. Das jüdische Volk litt in dieser Sklaverei. Aber diejenigen, die das jüdische Volk versklavten, litten auch. Die Thora beschreibt zehn Plagen, die die Peiniger schlugen. Eine von ihnen ist die ägyptische Finsternis. Der jüdische Kommentator Ketaw Sofer erklärt:
„Wenn ein Mensch wählt andere nicht zu sehen, so ist die Finsternis in der Welt“. Deswegen ist das erste Merkmal des Hauses der Freiheit, der freien Gesellschaft, dass wir uns gegenseitig sehen. Wir sehen die Würde eines anderen Menschen, berücksichtigen seine Bedürfnisse, können seine Schwäche verzeihen, so wie wir unsere eigene Schwäche verstehen und verzeihen.
Was bedeutet für uns die Plage der Finsternis? - In der Gemeinschaft, die aus Versklavenden und Versklavten besteht, kann niemand sich glücklich fühlen: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, dieweil ihr auch seid Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“  Schemot 23:9
Das Geheimnis unseres Bundes mit unserem Gott YHWH ist, dass wir uns ständig von unseren inneren Komplexen befreien, dass wir niemanden abgrenzen oder ablehnen. Das ist nur dann möglich, wenn wir unser Gedächtnis von traumatisierten Erinnerungen befreien! Damit befreien wir uns selbst von den Schatten anderer Menschen! Dann können wir endlich die Stimme der tiefe Stille hören: „Ich bin der Ewige dein Gott, der ich dich  aus dem Hause der Sklaven befreit hat und du bist jetzt endlich, der du bist!“! Dann sind wir fähig, andere Menschen nicht in der ägyptischen Finsternis, sondern im Licht Gottes zu sehen: „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in Deinem Licht sehen wir das Licht“. Ps 36, 9.

 

Dr. Moshe Navon

Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

5776 /2016

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Dwar Tora (08.01.2016)

Wajechi – (Bereschiet – 1 Mose. 49,27 – 50, 26).

Tora-Abschnitt Waera,
8-9 Januar, 28 Tewet. (Mo-11.1.16 – Rosch Chodesch Schwat).
(Tora: Schmot 6:2-9:35, Haftara: Jecheskel 28:1-29:21)
Waera, der Tora-Abschnitt dieser Woche, beschäftigt sich mit den Plagen, die Gott über Ägypten brachte:
„1 Und der EWIGE sprach zu Mose: Siehe, ich habe dich dem Pharao zum Gott gesetzt, und dein Bruder Aaron soll dein Prophet sein.
2 Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde, und dein Bruder Aaron soll es dem Pharao sagen, dass er die Kinder Israels aus seinem Land ziehen lassen soll.
3 Aber ich werde das Herz des Pharao verhärten, damit ich meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten zahlreich werden lasse.
4 Und der Pharao wird nicht auf euch hören, sodass ich meine Hand an Ägypten legen und mein Heer, mein Volk, die Kinder Israels, durch große Gerichte aus dem Land Ägypten führen werde.
5 Und die Ägypter sollen erfahren, dass ich der EWIGE bin, wenn ich meine Hand über Ägypten ausstrecke und die Kinder Israels herausführe aus ihrer Mitte“. (2 Mose 7 - Schemot)
Besonders interessant erscheint dabei der folgende Vers: „Aber ich will das Herz des Pharao verhärten, damit ich meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten zahlreich werden lasse“(7:3).
In unserem Wochenabschnitt versucht Mose nach dem Befehl Gottes zu erreichen, dass der Pharao das jüdische Volk gehen lässt. Der Ewige sagt aber, dass Pharao dies nicht tun wird, weil Ewige das Herz Pharaos verhärten werde. Das ist eine der schwierigsten Stellen der Thora für unser Verständnis. Statt das Herz des Bösewichts und des Henkers des jüdischen Volkes zu erweichen, verhärtet Gott es. Statt der Tragödie des jüdischen und des ägyptischen Volkes vorzubeugen, wenn die ersten Opfer Kinder sind, verhärtet Gott das Herz des Pharaos in diesem Konflikt. Wie kann man dies mit unserer Wahrnehmung des guten Gottes verbinden? Und die Antwort auf diese unausgesprochene Frage ist sehr unerwartet. „Auf diese Art und Weise werde ich meine Zeichen und Wunder im Lande Ägypten mehren.“ Für diesen Zweck wäre bei Pharaos das Herz verhärtet? Aber Pharao war schon grausam genug! Der Pharao hatte durch seine besondere Grausamkeit und Unmenschlichkeit seinen Platz über den verhärteten Menschen, den Sklavenhaltern, sowie den Sklaven. Die allgemeine Massengrausamkeit und Verhärtung des Herzen in Land Ägypten fokussiert sich im Herzen des Pharaos – es ist ein Haus der Sklaven der Grausamkeit! Das wissen wir jetzt, aber damals war es nur Gott und seinem Prophet Moshe bewusst. Deshalb erklärt Gott Mose, dass Er die Verhärtung des Herzens des Pharaos zu einer solchen Grenze führen wird, dass diese Grausamkeit alle Bewohner in Ägypten sehen werden. Nur nach der bitteren Ernüchterung von Allen wird die Zeit der Barmherzigkeit Gottes zu Allen kommen, die Zeit der Befreiung der Söhne Israel, die Zeit des Endes der Plagen gegen Ägypter, anderseits wären sie nicht fähig die Gottes Barmherzigkeit zu akzeptieren, - nicht Juden, nicht Ägypten und nicht andere Völker, die aus dieser Geschichte mit uns etwas Positives lernen wollen.
Auch heute stellen die Menschen ähnliche Fragen, wenn wir sehen, welche grausamen Diktatoren mit Ihren Sklaven so viele grausame Kriege gegen Menschen und gegen Menschlichkeit durchführen. Sie bewiesen zusammen, dass ihre Herzen jeden Tag und jede Nacht ein neues Niveau der Grausamkeit erreichen können.
Viele Menschen fragen Gott auch heute: „Unser Vater im Himmel - bis wann…?“
– „Bis die alle grausamen Sklavenhalter und ihre treue Sklaven der Grausamkeit erfahren werden, dass Ich der EWIGE bin, der die Kinder der Barmherzigkeit aus ihrer Mitte herausführt!“.

Dr. Moshe Navon

Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

5776 /2016

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Wort des Rabbiners zum weltlichen Neujahr 2016 (30.12.2015)

Liebe Mitglieder und Freunde der liberalen jüdischen Gemeinde Hamburg.

Wir haben uns schon im neuem jüdischem Jahr gegenseitig begrüßt. Jetzt begrüßen wir unsere Nachbarn mit dem bürgerlichen Jahr 2016. Das Gesicht unserer Welt hat sich im letzten Jahr 2015 sehr verändert.  Das Wetter ist wärmer, aber die menschliche Stimmung ist kälter geworden. Wir haben uns in der Zeit der interreligiösen Kriegen im Nahost, islamistischen Terror in den Straßen von Europa, leidenden Flüchtlingen und die Ungewissheit der Bewohner für ihre Zukunft hier zusammengefunden. Deshalb wünschen wir allen Menschen und besonders unseren Nachbarn ein friedliches 2016, das von uns geschafft werden kann.

Jeder von uns kann in seiner Umgebung die warme Menschlichkeit des Herzens und kaltes Wasser der Besonnenheit für andere Menschen finden und borgen - jeden Tag,  jede Minute und an jedem Ort. Die große Katastrophe können die Menschen mit kleinen, regelmäßigen Schritten meiden. Dafür können wir uns in der liberalen jüdischen Gemeinde in Hamburg gegenseitig verstärken. Der Segenkreislauf strömt von Mensch zu Mensch und schafft eine humane Oase der Sicherheit in der Wüste der Ungewissheit.

Bei dieser Angelegenheit bedanke ich mich bei Herrn Michael Schulman für Seine ausgezeichnete Leistung im Jahr 2015 für die Gemeinde, sowie unsere interessanten Gespräche.

Dr. Moshe Navon
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Dwar Tora (25.12.2015)

Wajechi – (Bereschiet – 1 Mose. 49,27 – 50, 26).

Diese Woche lesen wir in Wajechi („und er lebte“) von den letzten Tagen Jakobs vor seinem Tod. Wir wissen nicht, woran er starb, jedoch wir wissen, wie er sich vor dem Tod verhielt. Er ruft zu sich seinen Sohn Josef und seine Enkel Efrajim und Menasche, um sie zu segnen. Deshalb lebte Jakob, weil der Segenskreislauf im Rhythmus seines Herzen von Mensch zu Mitmensch strömt.

„Er (Jakob) sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn um den Vorrang mit Gott und mit Menschen gekämpft hast du und hast obgesiegt. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er (Gott) aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und Er segnete ihn daselbst“. (Bereschiet 32, 28-29). – um den Vorrang des Segens!

Jakob segnete seine Nachkomme vor seinem Tod: „Der Gott, vor dem meine Väter Awraham und Jizchak wandelten, der Gott, der ein Leben lang mein Hirte war ... der Engel, der mich vor dem Bösen erlöste, möge die Knaben segnen.“ Es ist wichtig, dass Jakob jetzt nicht in den Abgrund des Nichtseins vor dem Tod schaut, sondern an alles gesegnete Gute denkt, das er im Leben hatte. Er will diese gute gesegnete Lebensenergie an seine Kinder und Enkel weiter geben. Deshalb hat er Mut, mit dem Tod und dem Fluch zu kämpfen.

Die jüdische Tradition schreibt den Eltern vor, ihre Kinder vor der Sabbat-Mahlzeit zu Hause zu segnen, so wie Jakob Efrajim und Menasche segnete. Daraus lernen wir, dass wir der nächsten Generation nicht davon erzählen sollen, wie schwer wir lebten, sondern wie wir diese Schwierigkeiten mit Gottes Segen und menschlichen Mut immer wieder überwandten. Besonders werden wir aufgerufen, das zu tun in schwierigen Augenblicken der Schicksalsprüfungen, wie die letzten Minuten vor dem Tod.

Derjenige, der gewohnt ist, in den Abgrund des Bösen zu schauen, bekommt Schwindelgefühl wegen  seiner bloßen Tatsache. Aber derjenige, der bestrebt ist, mit den positiven Einstellungen und mit positiven Leuten zu leben, der diesen Anstoß an nächste Generationen weiter geben kann.

Deshalb lebte Jakob, weil der Segenskreislauf im Rhythmus seines Herzen von Mensch zu Mitmensch strömt. Deshalb trägt Jakob den Name ISRAEL!

Mit Gottes Segen für Sie!

Dr. Moshe Navon,

Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

5776/2015

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Dwar Tora - Wochenabschnitt Mikez

(11.12.2015)

In unserem Wochenabschnitt Mikez trifft Josef seine Brüder in Ägypten wieder. Im Lande Kanaan gab es den Hunger und sie kamen nach Ägypten, um Brot zu kaufen. Da Josef Gebieter über das ganze Land Ägypten war, mussten sie ihn um die Rettung ihrer Familien bitten.
Die Tora sagt, dass Josef seine Brüder sofort wieder erkannte, aber sie erkannten ihn nicht wieder (Bereschit 42:8). Die Brüder hatten ihn nach Ägypten verkauft und den Vater von seinem Tod überzeugt: Josef war für immer aus ihrem Gedächtnis verschwunden. Jetzt stand ein wichtiger Fürst vor ihnen, von dem, wie sie dachten, ihr ganzes Leben abhing. Im Leben gibt es  Situationen, dass derjenige, auf dem alle trampelten und den alle misshandelten, plötzlich über allen erhöht wird. Wir wissen, dass Josef die Situation nicht ausnutzte, um sich an den Brüdern zu rächen, sondern  ihnen half. In diesem Sinne erkannten ihn die Brüder nicht wieder, weil sie ihn  vor diesem Augenblick nicht kannten. Gerade weil sie nichts von seiner Anständigkeit wussten, wollten sie ihn umbringen, weil sie sich vor seiner Konkurrenz fürchteten. So ist es in unserer menschlichen Welt: Die Menschen unterdrücken oft andere Menschen,
da sie sie nicht kennen. Erst wenn der Unterdrückte über ihnen steht, können sie ihn richtig kennen. Deswegen, als Josef sich den Brüdern zeigte und sagte: „Ich bin Josef, euer Bruder“, erkannten sie ihn wieder.
Das Beispiel aus der Moderne steht vor unseren Augen: Das Treffen der alteingesessenen Juden in Deutschland und der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Notgedrungen können die einen die anderen schwer als Brüder erkennen. Die Thora sagt uns durch die Geschichte mit Josef: Die Tatsache, dass wir Brüder und Schwestern sind, kann man nicht mit Worten, sondern
nur mit Taten beweisen.

Chag Chanukka Sameach!

Dr. Moshe Navon
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Wort des Rabbiners - Chanukka 5776

(05.12.2015)

Liebe Freunde, das Fest Chanukka nähert sich. Was denken Sie, worin besteht der Sinn dieses Festes, dessen Geschichte wir kennen, für unsere Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg? Nach den Hohen jüdischen Feiertagen erlebten wir noch ein wichtiges Ereignis im Leben der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland: Erinnerungen an den 9. November 1938! Das bedeutet für uns, dass die schlimmen Zeiten des NationalSozialismus oder andere dunkle Seiten der Unmenschlichkeit nie wieder nach Deutschland zurückkehren dürfen.  Das Licht des Festes Chanukka vertreibt die Finsternis der Unmenschlichkeit! Ich möchte die Geschichte einer Chanukka- Feier in Auschwitz erzählen. Als die Zeit des Chanukka- Festes kam, wollte ein alter Jude unbedingt die erste Chanukka- Kerze anzünden. Er tauschte Portionen von Brot, seine und die seines Sohnes, gegen einen kleinen Docht und Margarine für die Herstellung des Leuchters. Als es Zeit war, die erste Kerze anzuzünden, kamen viele Gefangene, um den seltsamen Menschen anzuschauen, der Brot gegen den selbst gemachten Leuchter tauschte. Der alte Mann sprach den Lichtersegen über die Chanukka- Kerze, aber der Leuchter brannte nicht, weil die Margarine von einer sehr schlechten Qualität war. Der Sohn fragte den Vater bitter: „Papa, was hast du denn gemacht? Jetzt haben wir nichts zum Essen, und die Chanukka- Kerze konntest du auch nicht anzünden!“ Darauf antwortete der Vater ...

Lesen Sie den vollen Text hier:

http://davidstern.de/data/uploads/pdf/chanukkah5776.pdf

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Wort des Rabbiners - Sukkot 5776  (27.09.2015)

Es gibt zwei Pole in den festlichen Gottesdiensten in der Zeit  des Jerusalemer Tempels: Jedes Jahr im Frühling und Herbst besuchte jeder Jude Jerusalem zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen: Pessach, Schawuot und Sukkot. Pessach – der  Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten, aus dem Haus der Sklaven, und Sukkot – die Wanderung des jüdischen Volkes in der Wüste mit G-tt nach seiner Befreiung.
Pesach ging dem Schawuot - Fest  voran; es war die Zeit, den Bund mit G-tt zu schließen, und Jom-Kippur ging dem Sukkot- Fest voran für die Aussöhnung mit Gott, als eine Erneuerung des Bundes nach einer Zeit der Umkehr. Gemäß dem Midrasch, die Sünde mit dem goldenen Kalb führte dazu. Der erste JOM A-KIPPURIM war, als Moshe mit den zweiten Tafeln des Bundes vom SINAI zurückkam.
Wir feiern Sukkot, das Laubhüttenfest in die Laubhütte. In diesem Sinn will das jüdische Volk die Anwesenheit G-ttes in seiner Mitte für das ganze nächstes Jahr gewinnen.

Damit hängt auch das Gebot des Nehmens des Lulaw (Netilat Lulaw) zusammen. Wir schütteln vier Pflanzenarten in die vier Himmelsrichtungen. Zusammen mit den Pflanzen und der ganzen Natur dürstet unser Körper nach Wasser und dem Leben. Unsere Seele dürstet nach der lebendigen Energie vom Schöpfer. Die Wüste des Heidentums trocknete unsere Seele. Die festlichen G-ttesdienste in der Synagoge helfen uns, diese verschütteten Quellen wieder auszugraben. Das ist ein gesegnete Weg: in der Wüste der Menschheit zu graben, um lebendiges Wasser der Menschlichkeit zu finden. Die Früchte dieser inneren Arbeit sind die Rückkehr zu uns selbst, zu Gottes Abbild, der in jedem Mensch sich versteckt!

Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen, der Segenskreislauf bringt das Gottes Atem – Ruach Kodscho – den Herzen des sanftmütigen Menschen, der dem Mitmenschen  zur richtigen Zeit am richtigen Ort hilft.

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Das Wort des Rabbiners -  Jom Kippur 5776   (23. September 2015)

Heute feiern wir Jom Kippur mit dem Fasten, der Umkehr und dem Gebet. Im Altertum, alsder Tempel noch existierte, brachte man an diesem Tag besondere Opfer dar. Der Hohepriester legte auf den Sündenbock die Sünden des Volkes auf und er wurde in die Wüste geschickt. Seit 2000 Jahren haben wir keinen Sündenbock für unseren Jom-Kippur. Jochanan Ben Sakkaj, der berühmte Rabbiner der talmudischen Zeit, betonte, dass wir statt des Opferaltars „gmilut chassadim“ haben, das heißt „Werke der Nächstenliebe“. Wir können uns das Judentum nicht ohne dieses grundtiefe Konzept vorstellen. Andererseits konnten wir bis jetzt noch nicht völlig die Lehre aus diesem Konzept von Jochanan Ben Sakkaj ziehen. Wir suchen immer noch den Sündenbock, dem wir die Schuld für unsere Handlungen geben können. Und wenn wir nicht bei der Hand einen Bock finden, versuchen wir, die Schuld auf unseren Nächsten abzuwälzen.

Deswegen schreibt uns das Judentum an diesem Tag die erschöpfende Fastenzeit, erschöpfende Gebete vor, um unseren starken Wunsch, den Sündenbock zu finden, abzuschwächen. Unter uns gibt es Augenzeugen des Zweiten Weltkrieges. Wir sahen, wozu der Versuch der Nazis führt, das ganze jüdische Volk schuldig zu machen und in einen Sündenbock zu verwandeln. Leider, ist es nicht vorbei. Ich sah auch, wie man im Bus israelische Schüler erschießt und wie man die Studenten an der Hebräischen Universität in die Luft jagt. Aber die Hauptschlacht für die menschlichen Leben geschieht für mich nicht nur auf solchen Schlachtfeldern, sondern hier in der Synagoge an Jom Kippur. Die jüdischen Weisen lehren uns, dass der Held derjenige ist, der seinen bösen Trieb überwindet: „Eisehu gibor – ha kowesch et jizro.“ Aber wir haben leider vergessen, dass der böse Trieb, der zum schlimmen Blutvergießen führt, sich auch in unserem Herzen befindet. Kindisches Gerede: „Ich bin es nicht, dass ist er“ begleitet uns bis zum Tod. Laßt uns jetzt in unser Unterbewusstsein hineinschauen:
Ob es dort nicht irgendjemand von unseren nahen oder fernen Bekannten gibt? Ob er Hörner und Schwanz in unserem Gedächtnis hat? Vielleicht kränkte er uns wirklich, oder wir fühlen uns von ihm gekränkt. Das ist gerade die Gestalt unseres bösen Triebes (jezer ha-ra). Und wenn wir noch dazu herumlaufen und darüber erzählen (laschon ha-ra, böses Gerede), stecken wir unsere Nächsten mit unserem bösen Trieb an. Wenn wir dies jetzt in uns selbst entdeckt haben, befinden wir uns zur nötigen Zeit am nötigen Ort. Wir können jetzt diese entstellte Gestalt in die Wüste schicken, um die Quelle des Segens in unserem Seele zu entdecken:

Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen, der Segenskreislauf bringt das Gottes Atem – Ruach Kodscho – den Herzen des sanftmütigen Menschen, der dem Mitmenschen  zur richtigen Zeit am richtigen Ort hilft.

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Das Wort des Rabbiners - Dwar Thora zum zum Rosch ha-Schana 5776  (12. September 2015)

Wir feiern an Rosch ha-Schana die Erschaffung des ersten Menschen, Adams. Wenn wir uns in den Sinn der folgenden Mischna vertiefen, so können wir verstehen, dass wir wirklich auch die Erschaffung jedes von uns feiern:
«...Um zu bezeugen die Größe des Heiligen, gelobt sei er, geschieht es, dass ein
Mensch so viele Münzen mit einem Stempel prägt, und alle gleichen sie einander,
aber der König aller Könige, der Heilige, gelobt sei er, prägt jeden Menschen mit dem
Stempel des ersten Menschen, und nicht einer gleicht dem anderen. Deshalb ist
jeder einzelne Mensch verpflichtet zu sagen: Um meinetwillen ist die Welt erschaffen
worden»
(Traktat Sanhedrin, Kapitel IV, Mischna V )

Diese Mischna betont die absolute Einzigartigkeit jedes von uns: Jeder von uns ist wie der erste Adam auf der ganzen Welt: „Diese unfassbare Welt ist für mich erschaffen worden und ich kann das deutlich durch mein Leben ausdrücken.
Andererseits kann ich die Einzigartigkeit eines anderen Menschen akzeptieren und ihm helfen dasselbe zu sagen: Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden“.
Wir vertiefen uns weiter mit Leo Baeck:
„Warme Herzen sind immer zu finden, die zeitlebens in heißer Regung eine ganze
Welt beglücken möchten, aber noch nie den prosaischen Versuch unternommen
haben, auch nur einem Menschen wahrhaft Segen zu bereiten. Es ist leicht, sich an
Menschenliebe zu begeistern, sich tränenfeucht in ihr zu ergehen. Irgendeinem, der
nichts weiter als eben ein Mensch ist, Gutes zu tun, sein Menschenrecht durch die
Tat anzuerkennen, ist schwerer. Wer im Namen seines Menschenrechts vor uns
hintritt, fordert damit die bestimmte sittliche Handlung, die nicht ersetzt sein kann
durch das bloße allgemeine Wohlwollen - Womit hat sich nicht die bloße
Nächstenliebe schon abgefunden!“

Der Segenskreislauf strömt vom Mensch zum Mitmenschen im Rhythmus des Herzen, in dem er Gottes Atem – Ruach Kodscho - bringt. Wenn wir Rosch ha-Schana auf diese Art und Weise feiern können, dann nehmen wir uns selbst ernst.

Schana Tova!

Rabbi Dr. Moshe ben Tovia Navon,
Liberaler Landesrabbiner für Hamburg

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Dwar Thora zum Amtsantritt als Liberaler Landesrabbiner in Hamburg am 6. Juni 2015

Der Thoraabschnitt „Behaalotcha“ von dieser Woche spricht über die Wanderung der Söhne Israels in der Wüste:
„23. Auf Befehl des Ewigen lagerten sie und auf Befehl des Ewigen brachen sie auf. Das Merkzeichen vom Ewigen wahrten sie auf Befehl des Ewigen durch Moshe.“ Bemidbar/Numeri 9,23
Alle könnten jetzt fragen - genauso wie Moshes Bruder Aharon und seine Schwester Miriam gefragt haben: „Redet denn Gott allein durch Moshe? Redet er nicht auch durch uns?“ Bemidbar/Numeri 12:1 – Die Thora antwortet: „Moshe war sehr sanftmütig, mehr als irgendein Mensch auf der Erde!“ Bemidbar/Numeri 12:3
Das heißt: Gott spricht mit jedem Menschen, aber nur Sanftmütige können die Leben spendenden Worte Gottes anderen Menschen sagen – die Worte, die heilen, die Worte, die Menschen zu Frieden und zur Menschlichkeit bewegen!
Der Israelitische Tempelverein Qahal Bajit Chadasch, die erste öffentliche jüdische Reformgemeinde der Welt, gründete sich im Jahr 1817 in Hamburg nach ersten Versuchen in Seesen und Berlin.
Altgläubige Kreise hatten versucht, die Mauern innerhalb des Judentums in Deutschland und auch in der deutschen Gesellschaft weiter zu bewahren, aber die freie Stadt Hamburg hat den ersten Reform-Juden die Anerkennung gegeben, als erste Stadt in der Welt vor 200 Jahren. Sie hat den ersten Schritt zur friedlichen religiösen Vielfalt getan – auch unter Juden und auch unter den Deutschen. Damals am Anfang war es ein bescheidener Jüdischer Kreis –  65 jüdische Familien. Heute gehören weltweit, und ganz besonders in den USA, Millionen Juden zu dieser Strömung – zum Reform-Judentum. Und man kann sich die westliche demokratische Welt nicht ohne diese Strömung vorstellen!.
Dieses Judentum ist wie eine Brücke zwischen Menschheit und Menschlichkeit, zwischen Juden und andere Religionen, zwischen Judentum und der demokratischen Gesellschaft. Aber in Hamburg sind wir noch einmal am Anfang eines Prozesses – wie vor 200 Jahre. Das liberale Judentum wurde hier vor 70 Jahren ausgerottet und sucht jetzt wieder eine entsprechende Anerkennung zu bekommen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Menschlichkeit unter den Menschen. Deshalb begrüße ich alle Menschen, die sich hier versammeln, um diesen Wiederaufbau des liberalen Judentums in Hamburg mit uns zu feiern!
Die LJGH wandert schon 10 Jahre von einem Gebäude zu einem anderen - so wie in der Wüste – in der Wüste der Unmenschlichkeit. Aber Gott öffnet die Türe der Menschlichkeit durch sanftmütige Menschen, wie Er heute uns hier die Türe geöffnet hat. Gestern haben wir noch nicht gewusst, wo wir unseren Schabbat feiern werden, aber heute stehen wir hier vor der Thora und hören:
„Das Merkzeichen vom Ewigen wahrten sie auf Befehl des Ewigen durch Moshe.“ (Bemidbar/Numeri 9,19), weil der Weg durch die Sanftmütigen entsteht, der Weg zu Frieden, der Weg zur Menschlichkeit in der Wüste der Unmenschlichkeit.